Je dunkler es wird, desto heller leuchtet das Ulmer Münster. Blutrot bis zur Turmspitze hebt sich das Gebäude am Montagabend gegen den Nachthimmel ab – und mit ihm das Kulturzentrum Roxy, die Ratiopharm-Arena in Neu-Ulm und fast 9000 weitere Gebäude in ganz Deutschland. Die Lichtinstallationen sind Teil der bundesweiten Aktion „Night of Light“ und sollen auf die schwierige Situation der Veranstaltungsbranche in der Corona-Krise aufmerksam machen. „Wir sehen in eine ungewisse Zukunft und werden von Woche zu Woche vertröstet,“ sagt Roxy-Geschäftsführer Christian Grupp. „Wenn jetzt nichts unternommen wird, gehen bei vielen die Lichter aus.“
Schon am frühen Montagabend hatten sich mehr als ein Dutzend regionale Unternehmen mit ihren Mitarbeitern auf dem Münsterplatz versammelt, um unzählige LED-Lichter und eine Leinwand aufzubauen. Schon ein Blick auf die  Fahrzeuge macht klar, wie viele unterschiedliche Gewerke und Existenzen derzeit bedroht sind: Caterer und Security-Firmen, Licht- und Tontechniker, Hersteller, Eventagenturen und Zeltverleiher. Die Aktion soll nach den Initiatoren die Vielfalt und Größe der Veranstaltungsbranche sichtbar machen. „Die Autoindustrie und andere Industrien haben ihre Lobby – die Veranstaltungsindustrie wird übersehen“, sagt Richard King, Sprecher der Ratiopharm-Arena. Sichtbarkeit – die haben die leuchtenden Gebäude der Branche zumindest einen Abend lang verschafft. Gegen 22 Uhr ist der Münsterplatz voller Menschen, die andächtig den Kopf in den Nacken legen, fotografieren – oder sich die Infotexte auf der Leinwand durchlesen.

Politik soll Branche durch die Krise retten

Als Erste rein, voraussichtlich als Letzte raus – für die Branche währen die Einschränkungen in der Corona-Krise besonders lange. Für viele bedeutet das: Seit März gibt es kaum Einnahmen, wie lange das so bleibt, ist ungewiss. Viele Selbstständige fielen durch das Raster der staatlichen Hilfsprogramme, klagen Branchenvertreter. Zwar sind Veranstaltungen unter 100 Teilnehmern wieder erlaubt, wirtschaftlich sei das jedoch selten. Die Initiatoren der „Night of Light“ fordern: Die Politik muss sicherstellen, dass die Branche bis zur Aufhebung der Hygieneregelungen überleben kann.
Die Firma Audio Express Veranstaltungstechnik in Ober­dischingen erwirtschaftet laut ihrem Inhaber Charly Rehm derzeit nur circa fünf Prozent des üblichen Umsatzes, bis auf die Auszubildenden sind alle Mitarbeiter in Kurzarbeit, die Firma lebt von den Rücklagen – das hält das gesündeste Unternehmen nicht unendlich durch. Rehm wünscht sich von der Politik endlich eine Perspektive. „Kunst und Kultur ist für viele Luxus“, glaubt er.

Veranstalter brauchen Planungssicherheit

Dabei zählt die Veranstaltungsbranche zu den umsatzstärksten Industrien in Deutschland (siehe Infokasten). Denn viele Techniker wie Rehm leben zu einem Teil von Konzerten, Theateraufführungen und anderen Kulturveranstaltungen, zu einem anderen Teil von Industrieaufträgen. Messen und Klassik-Konzerte haben gemeinsam: Sie erfordern monatelange Planung. Für die Branche ist es daher unabdingbar, zu wissen, ab wann was wieder erlaubt ist. Genau das aber hängt von unvorhersehbaren Infektionsraten ab. Was die Branche von der Politik brauche, seien klare Kriterien und nachvollziehbare Definitionen, sagt Grupp. „Wir haben keine Rechtslage nach dem 31. August.“
Das bis Ende August geltende Verbot für Großveranstaltungen soll in Baden-Württemberg bis mindestens Ende Oktober verlängert werden. Doch was genau ist eine Großveranstaltung? Diese Frage ist für die lokalen Branchenvertreter nicht eindeutig geklärt. Nach jetzigem Stand gilt das Verbot in Baden-Württemberg für Veranstaltungen, bei denen eine Kontaktverfolgung und die Einhaltung von Hygieneregelungen nicht möglich ist.
Am 2. Oktober soll das Roxy-Programm mit der Kabarettistin Hazel Brugger starten. Ob das wirklich klappt, weiß Grupp nicht. „An schlechten Tagen denke ich: Dieses Jahr funktioniert gar nichts mehr.“

200 Milliarden Euro Umsatz


Initiator der bundesweiten „Night of Light“ ist Tom Koperek, Vorstand der LK-AG Essen. Die Aktion soll auf die Nöte der Veranstaltungsbranche aufmerksam machen. Laut einer aktuellen Studie des Berliner Research Institute for Exhibition and Live Communication entfällt ein Großteil des Branchenumsatzes auf wirtschaftsbezogene Veranstaltungen, Kultur- und öffentliche Veranstaltungen machen jeweils rund fünf Prozent aus. Rechne man die Kultur- und Kreativwirtschaft mit Teil- und Zuliefermärkten dazu, so beschäftigten mehr als 300 000 Unternehmen mehr als drei Millionen Menschen und erzielten einen Jahresumsatz von mehr als 200 Milliarden Euro. Die Branche zähle damit zu den größten Sektoren der deutschen Wirtschaft.