Gut 20 Meter über dem Boden und auf halber Höhe des Kirchenraums steht sie. Auf der Westempore des Münsters. Die Hauptorgel der Bürgerkirche. Knapp 9000 Pfeifen, 290 Tasten auf fünf Manualen und Pedale, mit denen die Pfeifen angespielt werden, 100 Register für die jeweils passende Klangfarbe. Die Eckdaten der Walcker-Orgel sind beeindruckend. Wie auch der Blick von der Westempore in den Kirchenraum – heller, freundlicher wirkt der Kirchenraum als von den Bankreihen aus. Bis zu den Besuchern, die in den Kirchenbänken bei Gottesdiensten oder Konzerten Platz nehmen, sind es mindestens 20 Meter. Bis der Schall im Chorgestühl auf der Ostseite angekommen ist, dauert es 7,59 Sekunden, weiß Friedemann Johannes Wieland, Erster Organist und Münsterkantor. „Das muss man wissen, wenn man auf der Orgel spielt.“

Die Vorgeschichte der Orgel reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. „Das Vorgängermodell fiel aber während der Reformation dem Bildersturm zum Opfer“, erklärt Wieland. Damals sei das Instrument als unnötiger Zierrat empfunden worden. So nüchtern die Einstellung war, so wenig zimperlich gingen die Bilderstürmer mit dem Instrument um. Ein Pferd wurde an die Orgel gebunden. „Dann gab es einen Peitschenhieb, und die Orgel war abgerissen“, berichtet Wieland. Ohne Musik kam das Gotteshaus auf Dauer aber nicht aus. Und so folgten vier weitere Orgeln, bis 1967 mit der Realisierung der heutigen Orgel begonnen wurde. „In den 60er Jahren war eine vermeintliche Rückbesinnung auf das Barock mit einem sehr hellen, durchsichtigen Klang im Trend“, erklärt Wieland, der mehrmals im Jahr Besucher die 80 Stufen durch das enge Wendeltreppenhaus hoch zur Hauptorgel führt und ihnen die Geschichte und die Funktionsweise der Orgel erläutert.

Die knapp 9000 Pfeifen kann der Organist über die mechanische Spieltraktur und elektrische Registertraktur anspielen. „Wenn sie da sind, nutzt man sie in ihrer Vielfalt auch“, meint Wieland. Jede Pfeife ist einem der 100 Register zugeordnet, die unterschiedliche Klanggruppen darstellen und mit denen der Organist die Stücke klanglich orchestriert. So klingt etwa das Register Traversflöte 4’ ähnlich einer Querflöte mit hohen Tönen. Der tiefste Ton der Orgel erklingt auf einer Frequenz von 15 Hertz, was mehr einem Brummen als einem Ton gleichkommt. „Das ist weniger ein Ton als vielmehr ein physikalisches Ereignis“, sagt Wieland. „Die brauche ich als Schub von unten für diesen Raum.“ Die dazugehörige Labialpfeife, die ähnlich wie eine Blockflöte funktioniert, ist 32 Fuß und damit rund zehn Meter lang. „Der Klang der größten Zungenpfeife könnte man auch dem Baumaschinensektor zuordnen.“

Als Wieland 2010 nach Ulm kam, war er überrascht, wie schlecht der Ruf der Hauptorgel war. „Da schwang viel Trauer um die 1890er Orgel mit“, erklärt er. Die stand bis in die 1960er Jahre im Münster, sei hochromantisch ausgelegt gewesen und habe die Menschen mit ihrem Klang fasziniert. Die ursprünglichen Vorurteile gegen das jetzige Instrument kann er nicht nachvollziehen. „Wenn man ein gutes Gespür hat, klingt sie phantastisch.“ Dazu müsse der Organist die Register aber wohl dosiert einsetzen. Anders als bei einem Klavier bleibt die Lautstärke eines Tones unabhängig von der Kraft des Anschlages gleich. „Es ist unerheblich, ob ich kräftig oder weich anschlage“, erklärt Wieland. „Es kommt nur auf die Luft an.“ Wenn zu wenig Luft bei einer Pfeife ankommt, sacke der Ton weg. „Eine Orgel ist nichts anderes als eine Maschine.“

Insgesamt sei die Hauptorgel sehr robust. „Hier im Münster gibt es Temperaturunterschiede übers Jahr von minus drei Grad bis zu plus 24 Grad“, erklärt Wieland. Die Pfeifen aus einer Blei-Zinn-Legierung machen die Temperaturschwankungen mit, müssen aber regelmäßig von einem Orgelbauer gestimmt werden. „Es ist günstig, wenn das Wetter sich langsam verändert“, erklärt Wieland. Dann können die Metallpfeifen sich mit anpassen. Die vielen Besucher und auch die ständig offenen Türen seien für das Instrument problematisch. „Die Zungenstimmen werden mindestens einmal im Monat gestimmt.“ Über schmale Stimmgänge kommt der Orgelbauer an jede Pfeife der fünf Werke – selbstständige Teile, die nach Klangfarben unterteilt sind – heran. Eine Klimasteuerung könnte die Schwankungen zwar ausgleichen, „aber das wäre viel zu teuer“. Notwendig wäre sie, um die hohe Luftfeuchtigkeit in der Kirche, die im Schnitt bei 70 Prozent liegt abzusenken. „Erfolgt die Absenkung zu rasch, würden die Holzpfeifen reißen“, erklärt der Münsterkantor.

Neben den senkrecht stehenden Pfeifen hat die Orgel aber auch noch Besonderheiten vorzuweisen: etwa die spanischen Trompeten, die oberhalb des Spieltischs waagrecht in den Raum ragen. „So kommt der Klang direkt im Raum an“, sagt Wieland. Wenn der Münsterkantor nach anderthalb Stunden  Führung auf der Orgel die Bombarde anspielt, wird der Ton spürbar. Der Boden beginnt zu vibrieren, das Metallgeländer kommt in Schwingung. Und dann: verhallt der Klang, und es wird still in der Kirche.

  Info Die nächste Orgelführung  findet am Mittwoch, 14. September, um 17.30 Uhr statt. Eintritt 6 Euro/Kinder 4 Euro. Treffpunkt: Münstershop.