Für den Ulmer Einzelhandel, der noch einmal fast ein Jahr Baustelle am Bahnhof vor sich hat, steht die Uhr „zehn nach zwölf“. Das ist ein Statement aus berufenem Munde, denn Juwelier Rainer Merath ist nicht nur gelernter Uhrmacher, sondern auch Einzelhändler aus Passion: der letzte seiner Lehrlingsklasse mit damals 27 Teilnehmern, der noch einen eigenen Laden führt. Er fordert mehr Hilfe vom Rathaus für familiengeführte Geschäfte und sagt: „Wenn wir jetzt nicht schnell den Hebel umlegen, haben wir verloren.“ Denn sonst werde es rasch zu weiteren Geschäftsaufgaben wie bei Pelz- und Lederwaren Bäuerle kommen: „Dann verlieren die letzten Händler die Lust.“

Warum keine Lobby im Rathaus?

Die vielen individuellen Läden rund ums Münster sind aus Sicht Meraths einer der wichtigsten Gründe, nach Ulm zu kommen. „Der kleine Fachhandel ist das Tüpfelchen aufs i“. Er könne nicht verstehen, dass diese Geschäfte keine Lobby in der Stadtverwaltung haben – obwohl sie anders als Filialisten und Systemgastronomie ihre Steuern vor Ort bezahlen: „Warum steht die Stadt nicht mehr hinter dem Handel? Warum wird die Kuh geschlachtet, deren Milch man will?“

Auch der Endverbraucher, der nur  im Internet bestelle, „gräbt sich sein eigenes Grab“. In der Folge könnten ein paar durch Aktienkurse beflügelte Großkonzerne die Sortimente beherrschen und Preise diktieren. Die mit dem Onlinehandel verbundene Logistik stelle inklusive vernichteter Rücksendungen nicht zuletzt ein ökologisches Problem dar.

Merath führt selber eines der ältesten, 1832 gegründeten Geschäfte (siehe Infokasten) und nennt ein paar kleine Läden, die aus seiner Sicht unverzichtbar für Ulm sind: der Lederwarenladen in der Platzgasse, der Weinhändler Peral, der Zuckerbäcker und Kaminbauer Trucksäss, Foto Frenzel und Foto Klein, Ratter und Werdich, der Herrenausstatter Sør. In der Gastronomie seien es Ofa­schlupfer, Lefrank sowie die Cafés Mohrenköpfle und Alba. Außerdem: „Dass Abt weiterlebt, ist toll, das brauchen wir ganz dringend.“ In diese Kategorie fällt auch das Modehaus Reischmann.

Merath sieht die kommunalen Politiker in der Pflicht, solche Läden zu unterstützen – in besonderen Fällen womöglich sogar durch eine reduzierte Gewerbesteuer. Er selbst kann nicht verstehen, dass er zum Jahresanfang für einen Aufsteller mit einem fast schon als Stadtmarketing bewertbaren „Ulmer Ring“ aus eigener Goldschmiede-Werkstatt 275 Euro Gebühren bezahlen soll.

Vorerst keine Besserung

Zumal die Frequenz im Zuge der Baustellen, wie Merath auch bei einer Umfrage zum Weihnachtgeschäft beklagte, zuletzt spürbar rückläufig war. Bei Juwelier Kerner konnte man den Effekt ausgleichen, weil Merath – er betrachtet sich auch als Spezialist für Diamanten – zur Kundschaft rausfährt. Der persönliche Einsatz für den Geschäftsinhaber werde auf diese Weise freilich immer höher: „Wie lange macht man das noch?“ Es gebe in seiner Trauring-Kooperation 60 Geschäfte in Deutschland und Österreich. Die Zahl der Läden mit Nachfolger, außer Kerner: null. Rainer Merath ist daher erleichtert, dass seine Tochter Sandra, die die Filiale in der Ladenzeile „Novum“ führt, seine Mit-Geschäftsführerin ist.

Der Seniorchef erwartet vorerst keine Besserung in Ulm – nicht nur wegen des Starts der neuen Baustelle in der Friedrich-Ebert-Straße im April, sondern weil Verbraucher ihr Verhalten nur langsam ändern. Ulm sei in Sachen Erreichbarkeit seit drei Jahren negativ in den Schlagzeilen. Es werde nach Ende der Bauarbeiten und Eröffnung der Sedelhöfe im Frühjahr 2020 auch drei Jahre dauern, bis sich das Image Ulms wieder verbessere.

Wobei Merath vom Shoppingcenter Sedelhöfe wenig erwartet: „Ich halte das nicht für gut.“ Es gebe schon genügend großflächigen Handel. Vielmehr sollten Industrie und Wissenschaftsstadt – mit kaufkräftigen Konsumenten – weiterentwickelt werden.

Für das Übergangsjahr 2019 unverzichtbar: „Ulm muss das ganze Jahr aus allen vier Himmelsrichtungen erreichbar sein.“ Dazu könne der kostenlose Nahverkehr über die Samstage hinaus ausgebaut werden. Auch Standorte zum Deponieren von Einkaufstaschen seien sinnvoll. Gleichzeitig hält Merath nichts von einem Feldzug gegen die individuelle Mobilität. Man brauche für die City ausreichend Parkplätze: Schließlich seien auch Familien mit kleinen Kindern und Menschen mit Handicap aufs Auto angewiesen.

Allerdings müssten zudem die Vermieter bei der Rettung des Fachhandels eine verantwortungsvolle Rolle übernehmen: „Wir müssen zu angemessenen Mietpreisen zurückfinden.“

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Der Schwerpunkt liegt auf Schmuck


Unternehmen Juwelier Kerner wurde im Jahr 1832 gegründet und 1884 von Rainer Meraths Urgroßvater übernommen. Im Geschäft sind 15 Mitarbeiter tätig, darunter zwei Uhrmacher und ein Goldschmied. Hauptumsatzträger ist mit 60 Prozent Schmuck von europaweiten Lieferanten, sodann 40 Prozent Uhren, darunter namhafte Marken. Nach drei Überfällen (wir berichteten) wurden die Sicherheitsmaßnahmen deutlich verschärft: mit einem permanenten Security-Mitarbeiter an der Eingangstür.