Susanne Benizri bedauerte, keine guten Nachrichten im Gepäck zu haben. „Aber ich selbst hätte mir vor 15 Jahren nicht vorstellen können, dass wir Antisemitismus so stark spüren.“ Benizri ist Religionslehrerin, Jugend- und Erziehungsreferentin der Israelitischen Religionsgemein­-
schaft Baden und Dozentin an der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg – und ziemlich ernüchtert, denn Antisemitismus sei wieder zu einer „relevanten Größe in Europa“ geworden. Sie sprach anlässlich des 14. Jahrestags der Stiftung Erinnerung Ulm über „Antisemitismus: Daten, Zahlen und Fakten“, schilderte aber auch durchaus persönliche Eindrücke aus ihrem Alltag.

Beispiel Frankreich: Juden könnten sich dort nicht mehr sicher fühlen, rund 50.000 Juden – und damit ein Zehntel der größten jüdischen Gemeinschaft in Europa – hätten das Land seit 2006 verlassen. Sie selber fahre mit jüdischen Jugendgruppen überall hin, „aber nicht nach Frankreich“.

Das Bild, das Benizri von Deutschland zeichnete, war etwas differenzierter. Auf der einen Seite seien Juden stärker integriert als noch in den 80er Jahren, „als viele auf gepackten Koffern saßen. Jüdische Jugendliche identifizieren sich heute mit Deutschland.“ Auf der anderen Seite gaben bei einer Umfrage 62 Prozent der in Deutschland lebenden Juden an, Antisemitismus zu spüren. 29 Prozent seien beleidigt oder belästigt und 3 Prozent gar körperlich attackiert worden.

Die Folgen: Viele Juden würden ihre Religion nicht mehr in der Öffentlichkeit leben, „weder am Arbeitsplatz, noch in der Schule oder im Sportverein“.

Israelkritik: ein weites Feld

Sie macht drei Formen des Antisemitismus aus: zum einen die Israelkritik, „ein weites und schwieriges Feld“, in dem sie sich, so der Eindruck, auch nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen wollte. Aber: Sie wolle als Deutsche nicht persönlich dafür verantwortlich gemacht werden, was der Staat zu verantworten habe. Zum zweiten das, was sie als „Verschwörungstheorien“ bezeichnet: Juden sind reich, weil sie keine Steuern zahIen müssen. Und zum dritten ein „sekundärer Antisemitismus“, der sich aus Gefühlen der Scham und Abwehr speist, einer Nation anzugehören, die den Holocaust begangen hat. „All das führt zu einer Verunsicherung der jüdischen Bevölkerung“, konstatiert Benizri.

Was aber konkret gegen Antisemitismus tun? Wo lässt sich ansetzen? Sich als Jüdin oder Jude in die Gemeinde zurückzuziehen, sei der falsche Weg, sagte Barbara Traub in der anschließenden Podiumsdiskussion. Die Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg plädierte beispielsweise dafür, Jugendliche in ihrem Jüdisch-sein zu bestärken. „Wir müssen selbstbewusst mit der Gesellschaft gegen Antisemitismus arbeiten.“ Und schon in den Schulen beginnen, beispielsweise über Begegnungsprojekte, wie Tom Mittelbach, Lehrer an der Friedrich-Uhlmann-Schule in Laupheim, sagte. Erfahrungen und Erlebnisse seien für ihn fundamental. „Menschlichkeit steckt jeden an“, sagte Mittelbach und forderte in diesem Kontext auch ein Umdenken, was den Lehrplan angeht. „Um junge Menschen zu kritischen Demokraten zu erziehen, ist vielleicht eine Sinuskurve weniger wichtig. Sie müssen verstehen lernen, wie Menschsein funktioniert“, sagte der Lehrer unter dem Beifall der rund 100 Zuhörer.

Susanne Benizri räumte ein, sie beschleiche Angst um die Demokratie angesichts des Vorrückens der Populisten. Um so wichtiger sei es, „sich als Mensch für humanistische Rechte einzusetzen“.