In einem im Internet kursierenden Youtube-Video tanzt sie das Thema ihrer Doktorarbeit, im populären österreichischen Wissenschaftskabarett „Science Busters“ ist sie eine feste Größe – und im laufenden und kommenden Semester Gastprofessorin für „Vielfalt, Adaptivität und Gleichstellung“ an der Uni Ulm. Die Wiener Verhaltensbiologin Prof. Elisabeth Oberzaucher hat ein Faible für öffentlichkeitswirksame Themen. Nichtsdestotrotz ist die 42-Jährige eine seriöse Wissenschaftlerin mit großer Bandbreite. Die Human-Ethnologin forscht über Partnerwahl und Attraktivität ebenso wie über Mensch-Umwelt-Interaktion. Ihr neues Buch „Homo urbanus  – ein evolutionsbiologischer Blick in die Zukunft der Städte“ erscheint Mitte April im Springer-Verlag.

Ist Wissenschaft gemeinhin zu humorlos?

Elisabeth Oberzaucher: Wissenschaft ist ein Knochenjob. Je weiter man in der Karriere fortschreitet, desto größer werden die Projekte und desto seltener die Belohnungsmomente. Man braucht also irgendwelche Mittel, um sich zu motivieren. Da ist natürlich Neugier zentral.  Aber ebenso, Spaß dran zu haben an dem was man tut. Der Humor-Aspekt ist für mich aber aus einem ganz anderen Grund wichtig: Wer die Dinge zu ernst nimmt, nimmt oft auch sich selbst zu ernst. Ironie gegen sich selbst fördert die eigene Kritikfähigkeit. So läuft man weniger Gefahr, irgendwo festzufahren.

Ihre Uni-Abschlussarbeit haben sie einst über die positiven Auswirkungen von Grünpflanzen auf die kognitive Leistungsfähigkeit geschrieben. Ist der moderne Mensch ein naturnahes Gewächs?

Ja. Im Laufe unserer Evolutionsgeschichte haben Pflanzen eine ganz wichtige Rolle gespielt. Nicht nur als Ressourcen.  Wo Pflanzen sind, fühlt der Mensch sich wohl, er lädt seine Batterien auf. Das Visuelle scheint sogar ausschlaggebend zu sein. Der Blick auf die Natur aus dem Fenster, selbst ein ein Video mit Naturaufnahmen, wirken sich positiv auf unsere Physiologie aus.

Gibt es Beispiele?

Beim Zahnarzt hat man weniger Angst, wenn ein entsprechendes Bild an der Wand hängt. Es gibt Studien, die zeigen: Wenn Patienten im  Krankenhaus einen Ausblick auf Grün haben, brauchen sie weniger Schmerzmittel, die Liegezeiten sind verkürzt. Leider sind Kliniken nach wie vor hauptsächlich funktional designt.

Dennoch zieht es die Menschen raus aus dem Grünen und rein in die Städte. Die Urbanisierung  nimmt weltweit zu. Ist das nicht ein Widerspruch?

Der Mensch war evolutionsgeschichtlich deshalb so erfolgreich, weil er  zwar nichts besonders gut kann, aber fast überall zurechtkommt. Er besitzt ein hohes Maß an Flexibilität. Die immense Urbanisierung hat hauptsächlich ökonomische Gründe. Die Infrastrukturkosten sinken mit der Bevölkerungsdichte, und das exponentiell. Je mehr Menschen auf engem Raum zusammenleben, desto günstiger wird es. Ein Beispiel ist etwa der öffentliche Nahverkehr. In großen Städten ist er eher kostendeckend als in kleineren, vom Land ganz zu schweigen.

Was machen Städte mit uns?

Sie verändern uns und wir verändern sie. Es gibt  in der Medizin eine Typ-A/Typ-B-Klassifikation,  die das individuelle Risiko vorhersagt, Herz-Kreislauferkrankungen zu bekommen.  Der A-Typ, das sind die Kaffeetrinker, die Gestressten, die Hektischen. Der B-Typ, das sind die mehr Gemächlichen.  In der Tat ist Typ A häufiger in Städten zu anzutreffen, Typ B eher auf dem Land.  Die schnelllebigen A-Typen beschleunigen das ohnehin schnellere Stadtleben noch mehr – das  ist eine Wechselwirkung. Natürlich sind das alles Durchschnittswerte. Freilich gibt’s auch gemächliche Stadtmenschen.

Ist der Stadtmensch glücklich?

Die urbane Vielfalt bietet ihm zumindest viele soziale Möglichkeiten. In der Stadt kann ich mir – zumindest theoretisch – meine Freunde aussuchen, während ich im Dorf mit den anderen auskommen muss. Andererseits sind diese sozialen Möglichkeiten aber auch ein Trugschluss. Man tritt in Ulm ja nicht mit 120.000 Menschen in Kontakt und entscheidet dann, mit wem man etwas zu tun haben will. Wir treffen eine Pseudoauswahl.  Die soziale Komplexität der Stadt überfordert uns, denn jeder von uns kann mit maximal 150 Menschen kognitiv umgehen. Mehr ist nicht drin.  Je höher die Menschendichte, desto größer also die Gefahr der Isolation, weil wir Scheuklappen aufsetzen.

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Städte entstehen, wie gesagt, um den ökonomischen Ansprüchen zu genügen. Die menschlichen Ansprüche kommen nach wie vor zu kurz. Ein Negativbeispiel ist Saarbrücken. Man hat dort den Verkehr an die erste Stelle gerückt und die Stadt dadurch tot gemacht. Die Flusslandschaft ist vollkommen unbenutzbar – anders als etwa in Ulm. Wasser ist schließlich ein absolutes Qualitätsmerkmal für eine Stadt.

Was heißt das für Stadtplaner?

Man muss die, die bauen an einen Tisch bringen mit denen, die verstehen wie gebaute Umwelt sich auf das menschliche Befinden auswirkt.

Vor diesem Hintergrund: Ist die Neue Mitte in Ulm gelungen?

Das Aufeinandertreffen von alter und neuer Architektur ist immer schwierig. Wir tun uns mit Veränderungen schwer. Und man kann aus der Evolution heraus sogar gut erklären, warum wir so langweilig sind. Das Bewährte hat eben funktioniert, vom Neuen weiß man das nicht. Neues ist immer gefährlich. Stadtentwickler müssen deshalb wissen: Egal, was sie vorschlagen, sobald sie etwas verändern wollen, werden Stimmen laut, die dagegen sind. Das Stadthaus neben dem Münster, das war bei Ihnen bestimmt erstmal ein Riesenskandal, oder?

Kann man so sagen . . . aber was kann denn der Einzelne tun, um die Stadt lebbarer zu machen?

Mehr Grün in die Stadt ist ein Ansatz, der mir am Herzen liegt – im Sinne von „Urban Gardening“, einer Bewegung, die  ursprünglich aus Nordamerika kommt. Kommunen profitieren von solchen urbanen Gärten. Sie sollten die Menschen deshalb dabei unterstützen, indem sie beispielsweise gratis entsprechende Flächen, Erde und Pflanzen zur Verfügung stellen.

In Ulm geschieht das Gegenteil: permanente Nachverdichtung.

Nachverdichtung muss nicht schlecht sein. Es ist wichtig, die Wege in einer Stadt kurz zu halten. Pendelzeit ist verschwendete Lebenszeit. Aber Nachverdichtung muss klug gemacht werden. Urban Gardening kann auch vertikal passieren, über Dachgeschossausbauten. Ich meine nicht das sündhaft teure Penthouse, sondern Flächen, die für das nachbarschaftliche Funktionieren da sind. Kommunale, gemeinsam bewirtschaftete Dachgärten als halböffentlicher Raum. Das ist dann ein Stück dörfliche Struktur mitten in der Stadt.

Der unersättliche Sultan oder: Wie Elisabeth Oberzaucher zum Nobelpreis kam


Spaßpreis Seit September 2015 darf sich Elisabeth Oberzaucher Nobelpreisträgerin nennen. Na gut, es ist nicht der richtige Nobelpreis, sondern bloß der Ig-Nobelpreis – wobei Ig für ignoble = schändlich steht. Trotzdem reißen sich Wissenschaftler mittlerweile um die Auszeichnung, die jedes Jahr von der Harvard University vergeben wird: für Forschung, die einen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt, wie es in den Statuten heißt.

Oberzaucher und ihr deutscher Verhaltensforscher-Kollege Karl Gammer erhielten den Preis für eine extra-ordinäre Studie. Mittels Computersimulation hatten sie berechnet, wie oft der legendäre wie grausame marokkanische König Moulay Ismael (1672 bis 1727) Sex haben musste, um mit seinen 500 Haremskonkubinen nachweislich 1171 Nachkommen zu zeugen.

Machbarkeit Um aufs Wesentliche zu kommen: Ja: 1171 Kinder sind machbar, von einem einzigen Mann. Er muss dazu bloß 32 Jahre lang zweimal täglich Sex haben. „Ich war damals sehr stolz auf die Auszeichnung und habe die Trophäe – einen Blumentopf ohne Pflanze – mit Freude entgegengenommen“, sagt die Wissenschaftlerin.