Ulm „Make it in Ulm“ - Internationale Spezialisten heiß begehrt

Helio Chissini de Castro, Software-Ingenieur bei der BMW Car ITGmbH. Mit dem Slogan „Make it in Ulm“ wirbt die Stadt bei internationalen Fachkräften.
Helio Chissini de Castro, Software-Ingenieur bei der BMW Car ITGmbH. Mit dem Slogan „Make it in Ulm“ wirbt die Stadt bei internationalen Fachkräften. © Foto: Felix Kästle/dpa
Ulm / lsw 20.08.2018
Viel kleiner zwar, aber kaum weniger international als New York: In Ulm leben Menschen aus 147 Nationen. Viele forschen an der Uni oder arbeiten für Firmen der Region. Der Bedarf an Fachkräften ist groß.

Stimmen aus dem Armaturenbrett: „Sie haben Ihr Ziel erreicht, es liegt rechts.“ Oder: „Sie haben eine Mitteilung, soll ich sie vorlesen?“ Und: „Sie nähern sich einem Stau, soll ich eine Ausweichroute berechnen?“ Navigieren, Gefahren erkennen, per SMS oder WhatsApp kommunizieren - und eines Tages sogar autonomes Fahren. „Für all das wird Intelligenz im Auto immer wichtiger“, sagt der Brasilianer Helio Chissini de Castro. „Dafür bin nach Ulm gegangen - und ich habe es nie bereut. Die Stadt hat schöne Traditionen und ist zugleich modern, sie macht Zugewanderten das Eingewöhnen leicht.“ 

Der 44-Jährige hat einen der gefragtesten Berufe der Welt. Er ist Software-Entwickler, spezialisiert auf künstliche Intelligenz. In São Paulo hat er für den US-Softwarehersteller Red Hat gearbeitet als vor ein paar Jahren ein „Recruiter“ auf ihn zukam. „BMW sucht Leute wie Sie“, sagte der Personalvermittler. „Die zahlen gut, und Sie können sich in Ulm als Entwickler so richtig austoben, auf Spitzenniveau.“

Auf nach Ulm!

Ulm? Umziehen von einer pulsierenden Millionenmetropole in eine überschaubare Stadt mit gerade mal 125.000 Einwohnern, vom Atlantischen Ozean an die Donau? „Wir fanden das reizvoll“, erzählt De Castro. „Meine Frau Lia hat Vorfahren aus Deutschland, Spätzle und Zwiebelrostbraten hatten wir daher schon in Brasilien kennengelernt.“

Dann ging alles schnell. Nach dem erfolgreichem Bewerbungsgespräch bei der Software-Schmiede BMW Car IT in der Science City auf dem Ulmer Eselsberg sorgte der neue Arbeitgeber für Visum und Bluecard - die Blaue Karte EU für Arbeitnehmer aus Drittstaaten - und half bei Wohnungssuche, Umzug, Kontoeröffnung und Behördengängen. Natürlich wurde ein Deutschkurs vermittelt und bezahlt, wenngleich die Arbeitssprache in der IT-Branche meist Englisch ist.

Solche Rundum-Betreuung für Fachkräfte aus aller Welt ist für viele technologie-intensive Unternehmen in Deutschland längst Routine. „Allein aus Deutschland können wir unseren Bedarf an IT-Spezialisten einfach nicht decken“, sagt Michael Böttrich, Abteilungsleiter bei der BMW Car IT. „In der Software Entwicklung und bei Technologien wie der künstlichen Intelligenz konkurrieren wir als Arbeitgeber nicht allein mit Daimler, Audi oder Porsche, sondern auch mit den weltweiten Größen der Software-Branche, also beispielsweise Google, Apple und Microsoft.“ 

Bei der BMW Car IT GmbH ist die Software-Entwicklung für alle Modelle des Autokonzerns konzentriert. Damit sind 280 Mitarbeiter beschäftigt - 50 in München und 230 in Ulm. Sie kommen aus 41 Nationen, die meisten aus China, Indien und osteuropäischen Ländern wie Russland und Rumänien, aber auch aus den USA.

De Castro ist einer von derzeit fünf Brasilianern in der Firma. IT-Leute wie ihn zu bekommen und zu halten, ist nicht allein eine Frage des Gehalts und der Sozialleistungen: „Für diese meist hoch motivierten Spezialisten sind das Arbeitsumfeld und die Möglichkeiten, sich im Beruf zu entfalten, oft mindestens ebenso wichtig“, sagt Böttrich.  

Fachkräftemangel allgegenwärtig

Ganz ähnlich stellt sich die Lage in anderen deutschen Technologie-Unternehmen dar. Und für alle gilt: Es wird immer schwieriger, Fachleute zu bekommen. „Händeringend“ suchten Unternehmen Akademiker und Spezialisten, insbesondere aus den MINT-Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, konstatierte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln). Demnach fehlen derzeit etwa 440.000 Fachkräfte. Stünden sie zur Verfügung, könne das deutsche Wirtschaftswachstum um jährlich bis zu 0,9 Prozent oder rund 30 Milliarden Euro höher ausfallen.

Neben den vom Fachkräftemangel betroffenen Unternehmen - von Handwerksbetrieben über international agierende Mittelständler bis zu den Großkonzernen - sind auch Länder, Städte und Gemeinden um die Anwerbung von Spezialisten aus dem Ausland bemüht. In Baden-Württemberg werden dafür neun „Welcome Center“ vom Wirtschaftsministerium in Stuttgart unterstützt.

„Make it in Ulm“

In Ulm werden neuerdings unter dem Motto „Make it in Ulm“ die Aktivitäten von Behörden, Jobcentern, Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern zur Anlockung und Bindung ausländischer Spezialisten und ihrer Familien gebündelt. Ausländer auf Jobsuche bekommen im Rathaus einen englischsprachigen Leitfaden samt konkreten Ansprechpartnern für alles, was für den Neueinstieg erforderlich ist.

„Eine Zielgruppe sind dabei auch ausländische Studenten, die an unserer Uni Masterlehrgänge belegen“, sagt Elis Schmeer. Sie leitet die 2013 geschaffenen Koordinierungsstelle „Internationale Stadt“. Dieses Label hat sich die Geburtsstadt des Physik-Genies Albert Einstein selbst verliehen. Wohl durchaus zu Recht. Immerhin leben heute in der schwäbischen Universitätsstadt mit dem höchsten Kirchturm der Welt Menschen aus 147 Nationen. 

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