Serie Sommer-Interview mit Illustratorin Tanja Hanser

Ulm / Beate Rose 01.08.2018
Illustratorin Tanja Hanser vermittelt in ihren Bildern immer eine Botschaft. Ob von Liebe, Königinnen oder Drachen – ihr Thema ist der fürsorgliche Umgang mit sich selbst.

Tanja Hanser ist Illustratorin. Sie setzt Themen zeichnerisch um, die ihr wichtig sind: Liebe etwa, das Miteinander, Königinnen und Spiritualität. „Bin ich mutig?“, fragt sie vor dem Interview. Ja, ist sie, schließlich hat sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, ohne einen Verlag im Hintergrund zu haben, der sie regelmäßig mit Aufträgen versorgt. Beim Atelierbesuch fällt einem ein Bild sofort ins Auge: Es zeigt eine blonde Frau mit Schwert in der Hand, die damit einem Drachen in den Hintern sticht. Die Hanser-Botschaft darunter lautet: „Ich bin mutig.“ Hanser überrascht: „Das Thema hat ja mit mir zu tun.“ Stimmt.

Was ist das Mutigste, das Sie je getan haben?

Tanja Hanser: So ein mutiger Mensch bin ich gar nicht. Ich habe noch niemandem das Leben gerettet oder etwas Vergleichbares getan. Vermutlich besteht der größte Mut in meinem Leben darin, dass ich bisher immer meinem Gefühl vertraut habe und weitergegangen bin, auch wenn von außen zweifelnde Stimmen kamen, so nach der Art: ,Was du immer alles willst!’

Sie meinen Zweifler an Ihrer Selbstständigkeit als Illustratorin?

Ja, auch. Die Selbstständigkeit hat sich entwickelt, das war durchaus ein Weg, für den ich heute dankbar bin, dass ich ihn gehen durfte. Ich habe vor zehn Jahren ein Büchlein anfertigen lassen mit dem Titel: „In mir bin ich zu Haus“. Damit bin ich auf die Frankfurter Buchmesse gefahren, um mich Verlagen vorzustellen. Das hat nichts gebracht, aber das Büchlein habe ich selbst ganz gut verkauft. In der Folge sind immer mehr Bilder und Bücher entstanden, etwa „Ich bin offen für das Schöne“, „Ich will mich zeigen, wie ich bin“. Dann kam die Liebe dazu, die auch wichtig ist, so entstand „Bei Dir fühl’ ich Zuhause“.

 Der Verkauf reicht für den Lebensunterhalt?

Nicht so, wie ich es mir wünsche. Ich habe nur gemerkt, dass ich nicht nur nach Verlagen suchen will, wo ich reinpasse, sondern ich habe mich gefragt, welcher Verlag passt denn zu mir? Da war aber keiner. Dennoch ist die Selbstständigkeit entstanden. Ich habe gespürt, dass ich das wollte. Jahrelang bin ich zweigleisig gefahren, auch wegen einer finanziellen Absicherung. Ich habe noch als Kunsttherapeutin in Behinderteneinrichtungen gearbeitet und Kreativwerkstätten eingerichtet, das war gut. Damit habe ich erst aufgehört, als mein Sohn geboren wurde.

Wie viel von Ihnen findet sich in Ihrer Kunst wieder?

Bestimmt hat alles mit mir zu tun, was ich in Bildern ausdrücke. Aber das steuere ich. Wo ich zu verletztlich bin, das lasse ich nicht raus.

Sie sind regelmäßig bei der Kulturnacht mit einer Ausstellung im Seelbrunnenwerk dabei. Wie geht es Ihnen da, sich als Künstlerin nicht nur in Bildern, sondern persönlich  zu präsentieren?

Schrecklich ist das, Vollstress. Manche Künstler genießen es ja, bei Ausstellungen im Mittelpunkt zu stehen. Ich überhaupt nicht. Bei Ausstellungen tue ich mich schon schwer, vorher Bilder auszusuchen. Meine Originale, die ich gerade so gerne habe, will ich zwar zeigen, aber am liebsten gar nicht verkaufen, was ein bisschen kontraproduktiv ist. Denn mit dem Verkaufen verdiene ich ja Geld – und auch mit den Aufträgen, die hinterher reinkommen. Wenn viel los ist bei einer Ausstellung, dann genieße ich es aber, aus dem Hintergrund das Geschehen und die Reaktionen der Gäste zu beobachten.

Was verunsichert Sie da so oder ärgert Sie sogar?

Na, wenn Leute zum Beispiel sagen, „Ach das ist ja die, die sich immer so wichtig nimmt“. Wenn Leute in meinen Bildern nur das „Ich, Ich, Ich“ sehen.

Sie transportieren aber doch solche Botschaften in Ihren Bildern. Zum Beispiel die lächelnde Königin mit dem Satz „Ich bin wichtig“?

Stimmt, aber das Bild ist nicht eins zu eins gemeint. Das Bild war ein Prozess, auch ein Prozess, zu mir zu finden, sich zu trauen, das so zu sagen: Ich bin wichtig. Da gehört für viele Frauen nämlich auch Mut dazu. Zuerst dachte ich bei der Serie an Titel wie „Ich bin wertvoll“. Aber das war nicht stimmig. Meine Bilder sind durchaus Kraftbilder, die Botschaften sind regelrechte Kraftsätze.

Gerade Bilder mit Sätzen wie „Ich bestimme“, „Ich nehme mir Raum“ oder „Ich gönne mir was“ sind so gemeint?

Richtig. Es wäre falsch, die Bilder als wichtigtuerisch zu verstehen oder sie auf Selbstverliebtheit zu reduzieren. Eine Psychologin hat mal über meine Bilder geschrieben, dass sie von liebevoller Selbstfürsorge handeln. Das fand ich sehr treffend.

Vor zehn Jahren haben Sie sehr füllige Frauen gezeichnet. Wo sind die runden Damen mit wippendem Busen geblieben?

Früher habe ich kugelige Damen gezeichnet. Heute sind die Frauen zwar auch rund, aber nicht mehr ganz so rund. Es würde mich verletzen, wenn man die Frauen nur als die Dicken wahrnimmt, denn das stand nie im Vordergrund, sondern etwa, dass das Füllige auch einen Schutz symbolisieren kann und der Inbegriff von Weiblichkeit ist. Letztlich geht es mir um die Botschaft: Man ist liebenswert, so wie man ist.

An welchen Projekten arbeiten Sie, für die es Mut braucht?

Ich weiß gar nicht, ob Mut das richtige Wort ist. Ich arbeite gerade an einem Drachenprojekt, aber das muss sich erst noch richtig zeigen, das schlummert. Drachen stehen manchmal für Ängste, manchmal für die Kraft in uns. Außerdem wollte ich etwas Gutes tun und zwar jetzt und nicht erst, wenn ich mehr Zeit habe oder mehr Geld. Also habe ich fürs Frauenhaus Kraftbilder gemalt, mit der Botschaft, „Ich darf glücklich sein“. Die Bilder sind auf den Aufnahmebögen gedruckt. Das soll den Frauen ein positives Ankommen im Frauenhaus signalisieren.

Sie haben einen Sohn. Wie viel Mut braucht es zum Kind?

Gar keinen. Da braucht es nur Liebe. Ein Kind ist eine Herzensentscheidung.

Zur Serie

Mut Substantiv, maskulin: Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden; Furchtlosigkeit angesichts einer Situation, in der man Angst haben könnte; grundsätzliche Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält – so definiert es der Duden.

Interviews In unserer Sommer-Interviewreihe wollen wir uns dem Thema „Mut“ von unterschiedlichen Seiten nähern: Es kommen unter anderem zu Wort: ein Extrembergsteiger, ein Friedensaktivist, eine Herzchirurgin.

Zur Person

Biografie Tanja Hanser stammt aus Friedrichshafen. Sie hat in Blaubeuren Kunsttherapie studiert, lebt in Ulm. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.

Workshop Hanser hat anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Neu-Ulmer Frauennotrufs der Awo ein Plakat gezeichnet: Es lädt Frauen zum Trommelworkshop und zu einer Ausstellung ihrer Bilder Ende November ein. Das müsse in einem Text über sie unbedingt erwähnt werden, sagt sie.

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