Neu-Ulm "Lebensarbeitszeit muss wieder auf 67 hoch"

Nach wie vor ein gefragter Referent: Theo Waigel.
Nach wie vor ein gefragter Referent: Theo Waigel. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Neu-Ulm / BEATE STORZ 18.04.2016
Theo Waigel: "Wir Deutschen haben keinen Grund zum Jammern." Der frühere Bundesfinanzminister hielt einen Vortrag in der Hochschule.

Ein Optimist. Theo Waigel, der ehemalige Bundesfinanzminister, attestiert Europa eine gute Gesundheit. Das sagte er in seinem Vortrag "Europa vor neuen Herausforderungen" im mit 250 Zuhörern brechend vollen Hörsaal der Hochschule Neu-Ulm.

Waigel ist immer noch ein Zugpferd. Bereits zum dritten Mal steht der Ex-CSU-Politiker hier als Redner, er war 2010 und 2013 schon da. Professor Peter Hurler vom Management-Forum scherzte, dass Waigel nach 2016 im Jahr 2019 wieder kommen müsse, um den Drei-Jahres-Rhythmus einzuhalten.

Die Zukunft Europas sieht gut aus, sagte Waigel. Deutschland profitiere von Europa. Er beneidet den heutigen Bundesfinanzminister Schäuble, der immer einen bequemen Haushaltsüberschuss hat. "Davon habe ich damals nur geträumt." Deutschland stehe sehr gut da. "Zu D-Mark-Zeiten von 1949 bis 1998 hatten wir oft negative Realzinsen, da hat sich aber kaum jemand darüber aufgeregt." Dass es im Moment kaum mehr Zinsen gibt, findet Waigel nicht gut, er warnte aber vor der Behauptung, der Sparer werde betrogen. Auf Dauer seien Null-Zinsen nicht gut: "Das muss auch mal wieder nach oben gehen."

Trotz guter Haushaltslage müsse die Bundesregierung strukturelle Probleme lösen, so werde es immer mehr ältere und immer weniger junge Menschen in Deutschland geben. Waigel: "Hier muss die Regierung handeln. Die Lebensarbeitszeit muss auf 67 Jahre angehoben werden. Ich verstehe nicht, warum die jetzige Regierung das wieder rückgängig gemacht hat."

Deutschland sei sozial und ökonomisch das attraktivste Land in Europa. Kein anderes Land biete den Menschen so gute Chancen. "Wir sind die Hauptprofiteure der EU. Die anderen Ländern tun sich schwer, beim globalen Wettbewerb mitzuhalten."

Zum Thema Flüchtlinge aus Waigels Sicht: Deutschland könne sich die Flüchtlinge leisten, doch es gebe Kapazitätsgrenzen. Waigel ist, anders als die amtierende CSU-Führung, nicht für eine Obergrenze. Allerdings müssen auch die anderen EU-Länder ihren Beitrag leisten. "Da kommt bei mir der Finanzminister durch, wenn Länder wie Polen, die jährlich zehn Milliarden und Ungarn fünf Milliarden von der EU bekommen, nicht mitmachen. Dann müssen wir ihnen künftig die Mittel streichen, wenn sie bei der Flüchtlingspolitik nicht mitziehen."

Auch wenn derzeit jedes Land national handle, müsse auf Dauer eine europäische Lösung her. Deutschland, Schweden und Österreich könnten das Flüchtlingsthema nicht alleine bewältigen. Europa müsse mehr Geld in die Hand nehmen, die Not vor Ort lindern, um Fluchtgründe einzudämmen.

Zur Person vom 18. April 2016

Theo Waigel, am 22. April 1939 in Oberrohr geboren, war von 1989 bis 1998 Finanzminister, von 1988 bis 1999 CSU-Vorsitzender, von 1972 bis 2002 Bundestagsmitglied. Er ist Ehrenvorsitzender der CSU, Ehrensenator der Hochschule Neu-Ulm.

 

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