Sport „Laufen ist Freiheit“: Mit Triathlon-Weltmeister Daniel Unger an der Donau entlang

Ulm / Von Stefan Czernin 02.09.2017

Über die Mittagszeit wird das Triathlon-Fachgeschäft Sportfreund in der Neuen Straße zugesperrt. Für Mitinhaber Daniel Unger Gelegenheit, in die Laufschuhe zu schlüpfen, eine Runde zu drehen. Über Henkersgraben und Saumarkt geht es auf die Stadtmauer, an die Donau. Zügig am Metzgerturm vorbei in Richtung Friedrichsau. „Hier ist immer was los“, sagt Unger. „Außerdem hat Wasser sowieso so eine magische Anziehung.“  Und zwar nicht nur in Ulm, auch etwa in Hamburg. „Immer wenn ich oben bin, versuche ich die acht Kilometer um die Alster zu machen.“ Zuletzt war das Mitte Juli, Daniel Unger war beim Triathlon-Weltcup Co-Moderator fürs ZDF.

Hamburg ist für Unger eine besondere Stadt: 2007 wurde er dort Triathlon-Weltmeister über die olympische Distanz – 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren, 10 Kilometer Laufen.  Auf der Zielgeraden zog er am Favoriten Javier Gomez aus Spanien vorbei, frenetisch angefeuert von zigtausenden Zuschauern.  Im Ziel lag Unger völlig erschöpft und überglücklich am Boden. „Für mich war das der Höhepunkt meiner Karriere“, sagt der 39-Jährige.

Schon als Zwölfjähriger trat Unger in seiner Heimatstadt Mengen bei einem Volkstriathlon an, „mit einem City-Mountainbike“. Die Platzierung ist nicht der Rede wert, aber er war von diesem Zeitpunkt an mit dem Triathlon-Virus infiziert. Es folgten Vereinseintritt, Landeskader, Bundeskader. Bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Mainz traf Daniel Unger auf einen anderen jungen Sportler, der eine große Karriere vor sich hatte: NBA-Basketballprofi Dirk Nowitzki. „Wir haben zusammen Fußball gespielt. Auf Handball-Tore.“ Die Nowitzki schon damals überragte.

Sonne bricht durch die Wolken

Über die Brücke an der Friedrichs­au laufen wir auf die bayerische Donauseite, Richtung Thalfinger Wehr. Die Sonne bricht durch die Wolkendecke, die Temperatur zieht an. „Ich liebe das hier an der Donau. Ein paar Schwäne, ein paar Enten, Wald, Wiese.“

Auf den Höhepunkt von Ungers sportlicher Karriere, den Weltmeister-Titel 2007, folgte nur ein Jahr später eine große Enttäuschung: die Olympischen Spiele in Peking. Die Olympia-Teilnahme war ein großes Ziel Ungers. „Und an dem Tag, an dem mein Traum in Erfüllung ging, war es auf der einen Seite einer der bittersten Momente meiner Karriere.“  Daniel Unger wurde im Wettkampf sechster, Jan Frodeno holte Gold. Frodeno ist Trainingspartner und ein Freund  Ungers, in gemeinsamen Wettkämpfen vor den Olympischen Spielen war Unger vorn. „Es geht aber nicht darum, dass ich es ihm nicht gönne. Es ist für mich nur der Beweis, dass es eventuell auch für mich möglich gewesen wäre.“

Auf der anderen Seite erlebte der Triathlon-Sport in Deutschland in der Folge einen massiven Aufschwung: Das Duo aus Weltmeister und Olympiasieger kam gut an, Sponsoren klopften an, Triathlon wurde regelmäßig im Fernsehen übertragen. „Das war eben eine Superstory.“

Nach dem Wehr umfängt uns auf dem Weg hinaus zum Pfuhler See willkommener Schatten. Für einen Kilometer brauchen wir im Schnitt 5 Minuten und 30 Sekunden. Daniel Unger erzählt so locker, als würde er gemütlich im Bus neben einem sitzen. In der Nachbetrachtung sei Peking ein Stück weit schon das Ende seiner Karriere gewesen. Er sei danach nicht mehr mit 100 Prozent bei der Sache gewesen. Vielleicht noch mit 99,9, aber eben nicht mehr mit 100 Prozent.

Ein asoziales Leben

Weil die Frage laut wurde, wie es nach dem Profisport weitergeht. Und weil Spitzenleistungen mit einem extremen Aufwand verbunden sind – und mit Verzicht. „Das war ein asoziales Leben. Hier eine Party, da eine Familienfeier, nein, bin nicht da. Muss trainieren, tschüs.“

Der Pfuhler See markiert den Wendepunkt der Laufrunde. Einige Sonnenhungrige haben sich auf der Liegewiese niedergelassen, am frühen Nachmittag ist es aber noch ruhig.

29 Minuten und 47 Sekunden. Das ist Ungers Bestzeit über zehn Kilometer bei einem Triathlon. So schnell wird er in seinem Leben nie wieder laufen. Aber was gibt es ihm heute? „Es ist ein Stück Freiheit“, sagt er. „Du bist in der Natur, keine E-Mail, kein Handy. Du machst nur dein Ding, hast Zeit für dich selbst.“ Zwei-, dreimal in der Woche trainiert er, etwa eine gute Stunde. Eine Zeitfrage: Unger ist beruflich viel unterwegs. Er gibt unter anderem bei Firmen Seminare zum Thema Ausdauersport. Dazu kommt das Sportgeschäft. Und natürlich die Familie. Daniel Unger und Ehefrau Zuzka haben einen zweijährigen Sohn, sie wohnen in Neu-Ulm. Dazu kommen zwei Kinder aus erster Ehe. „Wir sind eine richtige Patchworkfamilie.“

Zurück geht es am Neu-Ulmer Donauufer entlang, über die Gäns­torbrücke und die Ulmer Innenstadt. „Jetzt rollt es einfach“, sagt Unger. An die  13 Kilometer kommen zusammen, eine Stunde und zehn Minuten sind wir unterwegs. Ob ihn der Ironman auf Hawaii nie gejuckt hat? Die Distanz hat er ja bewältigt, 2013 in Frankfurt. „Gejuckt schon. Das ist ja ein Mythos.“ Aber es habe zeitlich nie richtig gepasst, es gab andere Aufgaben, sagt Daniel Unger. Er wirkt ziemlich zufrieden dabei.

Vom Volkstriathlon bis hin zum Ironman

Volksdistanz: 500 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren, 5 Kilometer Laufen.
Olympische Distanz: 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren, 10 Kilometer Laufen.
Ironman: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,2 Kilometer Laufen.

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