Ulm/Laichingen "Lass nicht zu, dass es böse endet"

Ulm/Laichingen / STEFAN CZERNIN 29.09.2012
Ein heimlich aufgenommener Streit zeigt, wie massiv der Amokfahrer seine Ehefrau bedrohte. Und wie wirkungslos das Kontaktverbot war.

Die beiden Stimmen klingen aufgeregt, eindringlich im Schwurgerichtssaal am Ulmer Landgericht. Dort wird derzeit gegen einen 38-Jährigen wegen versuchten Mordes verhandelt, der am 23. März absichtlich seine damalige Noch-Ehefrau mit einem Auto überfahren und dabei weitere Personen verletzt hatte.

Fünf Minuten dauert der Mitschnitt des Streitgesprächs zwischen dem heute Angeklagten und der 29-Jährigen, die mittlerweile von dem 38-Jährigen geschieden ist. Sie hatte das Gespräch heimlich am 14. März - also neun Tage vor der Tat - mit ihrem Mobiltelefon aufgezeichnet, als der von ihr getrennt lebende Ehemann gegen 0.30 Uhr vor ihrer Haustüre aufgetaucht war. Und damit wieder einmal gegen ein vom Gericht verhängtes Kontaktverbot verstoßen hatte. Eine Übersetzerin hatte im Vorfeld für das Gericht das in türkischer Sprache geführte Streitgespräch ins Deutsche übertragen.

Die Verteidigung wollte verhindern, dass der Mitschnitt in der Verhandlung vorgespielt wird, weil dieser heimlich aufgenommen worden war. Das Gericht lehnte den Antrag jedoch ab. In dem Gespräch beschwört der 38-Jährige seine Noch-Ehefrau, die die Scheidung eingereicht hatte, zu ihm zurückzukommen. Er gibt zu, sie misshandelt zu haben. Er droht ihr und kündigt an, ihre Familienmitglieder zu töten, falls sie die Scheidung durchzieht. "Ein Mensch lebt auf der Welt für seine Ehre", sagt der 38-Jährige. "Lass nicht zu, dass es böse endet."

Am dritten Verhandlungstag gegen den Laichinger Amokfahrer ging es darum, eine größere Klarheit in die Drohkulisse zu bringen, die der 38-Jährige nach der Trennung im Oktober 2011 gegenüber seiner Noch-Ehefrau aufgebaut hatte. Zeugen berichteten etwa, wie der Mann, der sich der 29-Jährigen nicht nähern durfte, am Kindergarten der gemeinsamen Tochter auftauchte, was die 29-Jährige verängstigte. Schon an den vorangegangen Verhandlungstagen war klar geworden, dass der heute Angeklagte zu allen möglichen Zeiten am Haus seiner Noch-Ehefrau im Wohngebiet "Bussen" auftauchte, sie mit dem Auto verfolgte und mehrfach bedrohte. Die 29-Jährige wandte sich immer wieder an die Polizei in Laichingen. Diese versuchte, den Mann zur Vernunft zu bringen. Allerdings vergeblich.

In der Sitzung sagte auch der Familienrichter aus, der am 24. Oktober das - wirkungslose - Kontaktverbot ausgesprochen hatte. Die Laichinger Polizei meldete in der Folge wiederholt Verstöße, zu einer Vernehmung erschien die 29-Jährige mit blutunterlaufenem Auge beim Richter - die Folge eines Schlags, so ein Attest.

Der 38-Jährige habe so "hartnäckig" gegen das Kontaktverbot verstoßen, dass der Richter eine Erzwingungshaft anordnete. Es sei das erste Mal überhaupt gewesen, dass er in einer "Gewaltschutzsache" einen Haftbefehl ausgestellt habe, sagte der 65-Jährige. Sie solle sich für einige Tage verstecken, hatte ihre Anwältin der 29-Jährigen geraten, der Haftbefehl sei auf den Weg gebracht. Es half nichts: Am 23. März wurde sie überfahren und lebensbedrohlich verletzt.

Info Die Verhandlung wird am Freitag, 5. Oktober, 8.30 Uhr im Saal 126 fortgesetzt.