Ulm / Hans-Uli Mayer

Jede Jugend hat ihr Thema“, sagen Sophia Ognissanti und Noah Epple. Ihr Thema ist das Klima, die Sorge um die eigene Zukunft und der Protest gegen die Politik der Mächtigen, die sich nicht oder zu wenig um den Schutz der Lebensgrundlagen kümmert. Seit die Schwedin Greta Thunberg im August vergangenen Jahres mit ihrem wöchentlichen Schulstreik für eine bessere Klimapolitik kämpft, schließen sich immer mehr Schüler in immer mehr Ländern dem Protest „Fridays for Future“ an. Am 15. März findet deutschlandweit ein solcher Schulstreik statt. In Ulm wird er organisiert von den Schülern Noah Epple (18 Jahre, Fachoberschule Neu-Ulm), Yannick Bier (18, Robert-Bosch-Schule) und Sophia Ognissanti (15, St. Hildegard-Gymnasium).

Herr Epple, Frau Ognissanti, Sie repräsentieren in Ulm die Schülerstreiks „Fridays for Future“. Wie sind Sie zu der Bewegung gekommen?

Noah Epple: Klima war anfangs gar nicht so mein Steckenpferd, ich war eher netzpolitisch unterwegs. Ich habe über WhatsApp Kontakt zu Yannick Bier von der Robert-Bosch-Schule bekommen, den ich bis dahin nicht kannte (Yannick Bier ist diese Woche im Urlaub, Anm. d. Red.). Wir haben auch über die Aktionen von Greta in Schweden gesprochen. Yannick hat dann gesagt, dass er so etwas auch in Ulm machen will, herausgekommen ist der erste Streik am 18. Januar. Später haben wir uns dann in der Volkshochschule in Ulm getroffen, da waren knapp 20 Leute dabei.

Sophia Ognissanti: Ich war eine davon. Ich hatte Plakate in meiner Schule gesehen und bin mit einer Freundin hingegangen – und prompt mit Noah und Yannick als Delegierte gewählt worden, wie die örtlichen Ansprechpartner heißen. Man kann beim Klima nicht so tun, als ginge es einen nichts an. Wenn man weiß, wie sich die Erde entwickelt, dann kann man als junger Mensch nicht darüber hinweggehen.

Der Jugend wird oft unterstellt, sie sei unpolitisch. Wie sehen Sie das?

Epple: Das kann man so nicht sagen. Wir sind sicher nicht mit der 68er-Generation zu vergleichen, das war die Zeit des Umsturzes. Heute gibt es meiner Beobachtung nach große Unterschiede in der Jugend. Viele, die sich gut auskennen und einsetzen. Es gibt aber auch viele, die sich nicht interessieren. Ich verfolge die Politik schon länger und bin im vergangenen September schließlich der Grünen Jugend beigetreten.

Ognissanti: Mit meinen 15 Jahren kann man noch keine große politische Biografie vorweisen. Ich finde aber, dass viele Jugendliche großes Interesse haben, wenn sie beispielsweise im Unterricht die Gelegenheit dazu bekommen, sich zu äußern. Aber es gibt zu wenige Freiräume in den Schulen, wir müssen unseren Stoff durchbringen. Sie kennen das Wort vom Bulimie-Lernen: Man paukt rein und lässt es zur Prüfung raus. Danach vergisst man es wieder.

Warum haben Sie sich dann doch den Schulstreiks angeschlossen?

Ognissanti: Wenn jeder nur seinen kleinen Kram macht, kommt nichts dabei heraus. Jetzt haben wir etwas großes Ganzes und werden wahrgenommen.

Epple: Das hat ja nichts mit Trittbrettfahren zu tun. Klimapolitik ist ein wichtiges Thema, deshalb spricht es in so kurzer Zeit ja auch so viele junge Menschen an. Jede Jugend hat ihr Thema, das ist unser Thema. Klima ist die Frage der Zeit. Man erinnere sich nur, was es wegen der Flüchtlinge für Streit gegeben hat bis hin zur Staatskrise. Wenn wir die Klimaziele nicht einhalten, dann sprechen wir über ganz andere Flüchtlingsströme, dann wird es zu realen Völkerwanderungen kommen.

Was erwarten oder erhoffen Sie sich von der Politik?

Epple: Ganz einfach, sie muss die vereinbarten Klimaziele einhalten. Das ist von zentraler Bedeutung, vergleichbar mit der sozialen Frage während der Industrialisierung. Schon jetzt sehen wir aber, dass diese Ziele nicht eingehalten werden können. Wir richten die Erde sehenden Auges zugrunde. Unsere Generation wird es schon richtig treffen. Spätestens unsere Kinder werden dann mit dem vollen Ausmaß unseres Fehlverhaltens zu kämpfen haben.

Was tun Sie selbst, um das Klima zu schützen? Essen und Trinken auf die Hand gilt in Ihrer Generation als cool, macht aber viel Müll.

Ognissanti: To go geht gar nicht. Ich achte sehr darauf, mich nicht klimaschädlich zu verhalten. Wenn jeder darauf achtet, wäre es schon besser. Wie man sich verhält, muss schon jeder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen. Außerdem versuche ich derzeit, nichts mehr bei Amazon zu bestellen. Klamotten kaufe ich Fair Trade oder Second Hand, man kann schon viel selber machen. Einfach bewusster durchs Leben gehen. Außerdem würde ich mir wünschen, dass viel mehr Geld in die Zukunfts-Forschung fließt.

Epple: Grundsätzlich wollen wir niemandem die Lebensfreude nehmen oder als Moralapostel alles verbieten. Aber man kann ganz vieles ganz einfach weglassen. Beispiel Plastikmüll: Wer etwas bewusster einkauft, kann ganz viel Müll vermeiden. In anderen Dingen stößt man privat schnell an Grenzen. Ich würde beispielsweise gerne auf das Auto verzichten, wohne aber ein gutes Stück weg von Ulm und brauche es. In der Stadt geht das, sobald du aber außerhalb wohnst, wird das zum Problem. Der ÖPNV auf dem Land ist nicht tragbar.

Ognissanti: Ich wohne auch außerhalb und mache bald meinen Motorradführerschein. Morgens im Zug ist es nicht so toll, das ist ein alltägliches Gruppenkuscheln mit Menschen, mit denen ich nicht kuscheln will.

Epple: Es fehlt einfach insgesamt der politische Wille. Ich finde, man müsste beispielsweise innerdeutsche Flüge verbieten. Warum fahren keine City-Nightliner mehr? Die Bahn muss deutlich aufgewertet werden. Kreuzfahrten sind extrem umweltschädlich, und dennoch boomen sie.

Wie reagieren Ihre Mitschüler auf Ihr Engagement? Stehen Ihre Klassen geschlossen hinter Ihnen?

Epple: Geschlossen leider nicht. Es gibt verschiedene Einstellungen. Zwar gibt es schon einige Mitstreiter, aber auch vereinzelt noch genug Mitschüler, die schlicht abstreiten, dass es einen von Menschen gemachten Klimawandel gibt.

Ognissanti: Von einigen werde ich eher mitleidig belächelt. Das ist nicht schön, aber ich versuche sie zu überzeugen. Es gibt leider noch genügend, denen am Freitag Mathe wichtiger ist als das Klima. Und es gibt auch Schüler, die einfach Angst haben, dem Unterricht fern zu bleiben.

Wie soll es weitergehen mit Fridays for Future? Wollen Sie die Streiks wie in Schweden oder Großstädten wöchentlich organisieren?

Ognissanti: Schön wäre das schon.

Epple: Wir diskutieren das, haben uns aber noch nicht entschieden. Es steckt viel Arbeit dahinter. Die Frage ist auch, wie dann die Schulen reagieren würden. Bislang wird das größtenteils toleriert, zumal sich jetzt auch Kanzlerin Merkel anerkennend geäußert hat.

Haben Sie Hoffnung, dass die Politik Sie erhört und entsprechende Maßnahmen ergreift?

Epple: Bei der derzeitigen Regierung ist das schwierig. Von der Union erwarte ich da nichts. Und auch bei der SPD ist die Frage, ob sie ihre linke Seite wiederfindet, das „S“ in ihrem Namen. Wir müssen die Gesellschaft zum Umdenken bringen. Die Menschen reagieren leider oft erst, wenn es weh tut.

Ognissanti: Bloß: Für unsere Generation ist es dann zu spät.

Kundgebung auf dem Marktplatz

Ablauf „Act Now!“ steht in großen Lettern auf den Flyern, mit denen für den Schulstreik am 15. März geworben wird. Höchste Weihen kommen zwischenzeitlich von Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Walter Steinmaier. Treffpunkt ist um 12 Uhr auf dem Marktplatz, wo Noah Epple die Begrüßung hält. Der Demo-Zug führt über Hirschstraße, Wengengasse, Herrenkeller- und Pfluggasse zur Frauenstraße und über die Kramgasse zurück. Dort ist dann eine Kundgebung mit Schülern geplant. Außerdem spricht jemand von der Linksjugend und der Umweltgewerkschaft, bevor das Mikro frei gegeben wird.