Ulm "Kauf mich, ich küss dich!": Domenico Strazzeris Tanzperformance über Konsumwahn

Tanz auf der Mülltonne: Die bilderstarke Performance "Kauf mich, ich küss dich!" im Stadthaus.
Tanz auf der Mülltonne: Die bilderstarke Performance "Kauf mich, ich küss dich!" im Stadthaus. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / JÜRGEN KANOLD 02.01.2015
Eine Tanzperformance über den Konsumwahn, passend zur Nach-Fest-Zeit: "Kauf mich, ich küss dich!" von Domenico Strazzeri im Stadthaus. Tolle Recycling-Kostüme und auch sonst kein Müll. Starker Applaus.

"O sole mio" singen, Mülltonnen auf die Bühne schieben und schwäbisch bruddeln - Domenico Strazzeri, der Choreograf im EBU-Orange-Dress, eröffnet selbst seine neue Performance. Er sammelt die Klischees ein, entsorgt sie aber nicht, sondern verwendet sie heiter neu. Der Konsum, der Müll und eine theatralische Leerung im Stadthaus: Deckel auf für Ines Nieder, Hanna Münch, Christina Zaraklani und Maximilian Schmid, die sich zunächst mal tänzerisch in und auf der Tonne abarbeiten. Plastik trifft Barbie trifft Wegwerftüte . . . Dazu tönt fettes Corelli-Weihnachtsbarock - auch Friedrich Glorian, der Musiker, recycelte. Nach dem Fest das Stück zum Fest: "Kauf mich, ich küss dich!".

Strazzeri und seine Strado Compagnia Danza haben mit Texten von Hanna Münch ein ernstes, kapitalismuskritisches Öko-Thema gewählt: den Konsumwahnsinn mit allen Folgen und mit der ganzen Produktpalette, Szene um Szene. "Modern Times" mit Mülltonnen-Percussion. Oder Kinderarbeit in einer Lederfabrik, deren Manager ein zweistelliges Umsatzplus vermelden kann, während die ausgebeutete, kranke Arbeiterin aus der Dritten Welt sich noch nicht mal Schuhe kaufen kann. Klingt eher nach Agit-Prop als Pop-Tanz, aber es geht auf jeden Fall um Haltung.

Oder die pathologische Kaufwut einer Frau, die einen Schuhfetischismus auslebt: Neun Paar rote Pumps stellt sie um sich auf, wie in einem Ur-Ritus. Dann verhakt sie die Schuhe mit den Stöckelabsätzen zum Laufband und geht ab. Auch Attacken auf die Spielzeugwelt fehlen nicht: wenn Elektro-Stoffhündchen zum Wettrennen aufgestellt und von den Frauchen hysterisch angefeuert werden.

Strazzeri zeigt starke, eindrückliche Bilder. Und er fährt seine engagierte Story nicht auf die trostlose Müllhalde. Es riecht in dieser Performance wirklich nicht eklig. Ja, stimmt, die Tonnen waren ja auch mit lebensfrohen Akteuren gefüllt. "Kauf mich, ich küss dich!" - hier wird nichts weggeworfen, sondern fürs Happy Ende recycelt. Ziemlich positiv verwertet Strazzeri die Geschichte: schön bunt und auch mit Witz. So wackelt das Quartett zu Disco-Sound im Laufsteg-Gang für die alternative "Fashion Week". Eine Parodie mit Upcycling-Klamotten auf schrille Modeschauen. "Plastique fantastique", auch das. Aber was Christina Schlumberger geschneidert hat für diese Tanzperformance, die mehr Performance als Tanz bietet, das ist tatsächlich ein Ereignis: etwa ein originelles Kleid aus Krawatten. 39 ausgemusterte Herrenschlipse, chic um die Frau gebunden. Passend dazu vielleicht eine verführerische Perücke - mit Zelluloid-Streifen "aus französischen Liebesfilmen". Und so entwickelt sich ein poetisches Finale.

Da schwimmt dann hinter fantasievollen, meerschmuckhaften Vorhanggirlanden aus Plastikflaschen (Bühnenbild: Katrin Schwager) ein Seepferdchen-Ballett. Bis es gewissermaßen zur Hochzeit zwischen (Müll-)Mensch und Natur kommt. Die Braut erscheint im wunderbaren Kleid aus durchsichtigen Plastikflaschen mit langer Schleppe. "Kauf mich, ich küss dich!" - so shoppen auch Märchenprinzen gerne. Großer Beifall.

Aufführungen

Termine Die Tanzperformance der Strado Compagnia Danza ist im Stadthaus noch von Freitag, an täglich bis Dienstag (Dreikönig) zu sehen, jeweils 20 Uhr. Karten für "Kauf mich, ich küss dich!" bei traffiti und an der Abendkasse.

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