Petrus zum Beispiel: Dreimal hat er Jesus verleugnet! Aber nur Judas ist in dieser Passionsgeschichte der Böse, bleibt der ewig angeklagte Sündenbock. Er schreit seine Verzweiflung heraus: durchs Mittelschiff des Münster rennend, dass es dort gewaltig hallt wie eine Detonation blanker Wut. Da stehen sie auf ihren Sockeln: die Apostel, auch Luther oder Bach, die „folgsamen Schisser!“ Judas möchte auch zu den Guten gehören, fromm, wie er ist und eine geschundene Kreatur, schließlich habe er nur seine heilsgeschichtliche Pflicht getan, die Prophezeiung des Alten Testaments erfüllt: Einer musste es ja tun. „Kein Jesus ohne Judas“. Jetzt stellt er sich auf zwei Steine, wie eine Skulptur, drohend mit einem Stein in der Hand. Ein theologisches Drama, aber nicht nur.

Wenn ein Theater den Menschen sagen, erklären und verhandeln muss, dass es zwischen Gut und Böse keine einfachen Wahrheiten gibt, wenn es gilt, Urteile zu untersuchen und auch sichtbar zu machen, was im Menschen die Seele ist – und wer will diesen Anspruch bezweifeln? – der also ist hier goldrichtig: „Judas“ heißt das Stück.

Es ist ein Monolog von Lot Vekemans, die sehr gut auch die Judas-Verteidigungsrede von Walter Jens aus den 70ern kennt. Das Theater Ulm unter dem neuen Intendanten Kay Metzger, das nicht nur für die Stadt, sondern auch in ihr wirken möchte, schloss damit seinen Premieren-Marathon im Münster ab.  „Judas“ ist ein starkes Solo mit Markus Hottgenroth – ein weiteres viel versprechendes neues Ensemblemitglied! Hottgenroth spielt unter der Regie von Charlotte van Kerckhoven eindrücklich das Psychogramm eines Menschen, der sich sucht, um Rehabilitation kämpft, und zwar auch sichtbar im Dialog mit dem im dunklen Münster angestrahlten Gekreuzigten.

Das ist kein ganz neuer theatralischer Fall, hat aber am Kirchenschauplatz große Wirkung. Friedemann Johannes Wieland sorgt an der Orgel für musikalisch Transzendentes (von Glass bis Messiaen). Irritierend nur, dass das Publikum in der Turmhalle sitzt,  im Rücken des militärisch-martialischen Erzengels Michael, als ob dieser in Opposition zum Gekreuzigten den Judas verteidigen müsste. So war das aber sicherlich nicht gemeint. Dieser Judas hätte das auch nicht nötig. Langer Applaus: weitere Aufführungen bis Mitte November.