Polizei Polizistin Daniela Schlichthärle: „Ich bin schon ein mutiger Mensch“

Ulm / Hans-Uli Mayer 13.08.2018

Die Gewalt gegen Rettungs- und Einsatzkräfte nimmt seit Jahren zu. Allein im zurückliegenden Jahr 2017 sind im Polizeipräsidium Ulm mit seinen 1500 Polizeibeamten 230 Fälle von Gewalt gegen die Einsatzkräfte registriert worden – das sind durchschnittlich mehr als vier pro Woche. Eine von diesen Polizeibeamten ist die 25-jährige Daniela Schlichthärle, die seit April 2016 im Streifendienst tätig ist, aber noch keinen tätlichen Angriff gegen sich erleben musste. Dennoch sagt sie, es brauche Mut für ihre Arbeit.  

Frau Schlichthärle, sind Sie ein mutiger Mensch?

Daniela Schlichthärle: Ich würde mich schon als mutigen Menschen bezeichnen. Wenn man bei der Polizei ist, gehört Mut dazu, weil man schon öfter zu gefährlichen Einsätzen muss. Das gilt im Übrigen auch für meine männlichen Kollegen.

Sie fahren im Schichtdienst Streife?

Ja. Ich habe 2012 nach dem Abitur das Studium bei der Polizei begonnen. Seit April 2016 bin ich in Ulm und fahre mit meinem Kollegen Streife im Schichtdienst. Das heißt, es gibt Spät-, Früh- und Nachtdienst. Der Nachtdienst geht von 19.30 Uhr bis 5.30 Uhr am Folgetag.

Wahrscheinlich sind die Nachtdienste diejenigen, an denen am ehesten  etwas passiert?

Im Grunde ja, wobei das nicht so pauschal gesagt werden kann. Unter der Woche ist auch viel los. Aber da geht es doch mehr um Unfallaufnahmen, während es an den Wochenenden mehr Schlägereien gibt, Körperverletzungen im Zusammenhang mit Alkohol. Es gibt aber auch die Klientel, die schon tagsüber zur Flasche greift.

Wie muss man sich so einen nächtlichen Einsatz vorstellen, wenn Sie zu einer Schlägerei gerufen werden?

Zuallererst muss man sich schnell ein Bild von der Lage verschaffen. Meist stehen viele Menschen herum, da geht es auch darum, die Streithähne erst mal zu trennen und dann nach und nach versuchen zu klären, was passiert ist. Klar geht man da mit gehörigem Respekt rein in eine solche Situation. Schließlich weiß man ja nicht, was auf einen zukommt und ob vielleicht Waffen im Spiel sind.

Haben Sie da keine Angst?

Respekt schon, Angst nicht. Manchmal kommt eine gewisse Nervosität auf, ein Nervenkitzel. Und natürlich versucht man sich gedanklich darauf vorzubereiten, ohne wirklich genau zu wissen, was einen erwartet. Ich ziehe dann auch die Handschuhe mit Schnittschutz an.

Wie werden Sie in Ihrer Ausbildung auf solche Einsätze vorbereitet?

In der Ausbildung lernt man natürlich sehr viel. Wir haben „situatives Handlungstraining“ und ein so genanntes „Abwehr- und Zugriffstraining“. Das Wissen über die eigenen Fähigkeiten hilft und gibt auch Sicherheit. Jedenfalls wird man von Dienst zu Dienst erfahrener und sicherer im Auftreten.

Hilft es Ihnen dabei eine Frau zu sein, oder leben Sie gefährlicher als Ihre männlichen Kollegen?

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass Frauen gegenüber der Respekt dann doch noch größer ist – auch im Umgang mit Betrunkenen. Als Frau wirkt man dann doch eher etwas besänftigend. Manche Störenfriede legen es, zumal wenn Alkohol im Spiel ist, eher darauf an, sich mit einem männlichen Polizeikollegen zu messen. Ich selbst habe jedenfalls noch nichts Schlimmes erlebt.

Nicht einmal ein blöder Spruch?

Doch, blöde Witze gibt es schon. Etwa wenn wir die Personalien aufnehmen, und so ein Witzbold meint, dass er unter der Telefonnummer für mich immer erreichbar sei. So etwas in der Art. Richtig beleidigt worden bin ich noch nicht.

Waren Sie schon immer mutig? Oder entwickelt sich das im Laufe der Ausbildung?  

Das entwickelt sich tatsächlich je mehr man weiß und kann. Ich wollte zwar schon als kleines Kind zur Polizei, besonders mutig war ich aber nie. Früher in der Schulzeit würde ich mich eher als einen ängstlichen Typ bezeichnen. Mich hat aber immer schon die große Abwechslung im Polizeiberuf gereizt. Jeder Einsatz ist anders.  

Können Sie eine gefährliche Situation beschreiben, die Sie erlebt haben?

Ich war bei dem Amok-Alarm in der Friedrich-List-Schule im vergangenen September beteiligt und musste mit gezogener Waffe und Schutzausstattung in das Schulgebäude. Wir trainieren solche Situationen, insofern denkt man da nicht viel nach. Da muss man funktionieren.

Macht einem das nicht Angst, zu wissen, dass man eventuell schießen muss?

Ich hoffe, dass es mir nie passieren wird, dass ich jemand im Dienst erschießen muss. Meine Eltern und meine Oma haben mich auch gefragt, ob ich wirklich einen so gefährlichen Beruf ausüben will. Aber man wird gut ausgebildet und auf entsprechende Situationen vorbereitet. Dennoch, die Erleichterung war groß, als sich der Einsatz in der Friedrich-List-Schule dann als falscher Alarm herausgestellt hatte.

Haben Sie schon mal von der Waffe Gebrauch machen müssen?

Nicht wirklich, Gott sei Dank. Während eines Praktikums in Biberach musste ich auch einmal die Waffe zücken – aber nicht schießen. Und mit dem Pfefferspray hab ich einmal gedroht, habe es aber nicht einsetzen müssen. Allein die Drohung hat gereicht. Ich habe sowieso gelernt, dass man Geduld haben muss und dass miteinander zu reden immer viel bringt. Aggressives Auftreten hilft mir nicht weiter.  

Zur Person

Biografie Daniela Schlichthärle ist 25 Jahre alt und ledig. Sie ist in der Nähe von Biberach aufgewachsen und im Jahr 2012 nach ihrem Abitur zum Studium bei der Polizei gegangen. Seit April 2016 ist sie im Revier Ulm-Mitte im Schicht-Streifendienst tätig und Polizeikommissarin im gehobenen Dienst. In ihrer Freizeit macht sie gerne Sport, wozu hauptsächlich Joggen gehört. Lange hat sie in Munderkingen Fußball gespielt, was sie in Zukunft wieder aufnehmen will.

Zur Serie

Mut Substantiv, maskulin: Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden; Furchtlosigkeit angesichts einer Situation, in der man Angst haben könnte; grundsätzliche Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält – so definiert es der Duden.

Interviews In unserer Sommer-Interviewreihe nähern wir uns dem Thema „Mut“ von unterschiedlichen Seiten: Es kommen unter anderem noch eine Herzchirurgin und ein Trainer für schwer erziehbare Hunde zu Wort

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