Sportförderung Sportförderung: Große Vereine bestimmen Debatte

Die kleineren Sportvereine vermissen ein Miteinander in Ulm.
Die kleineren Sportvereine vermissen ein Miteinander in Ulm. © Foto: SWP-Montage, Bilder: ©Satyrenko, ©Andrey Burmakin, ©YAKOBCHUK VIACHESLAV /Shutterstock.com
Hans-Uli Mayer 04.01.2018
Kleinere Vereine sorgen sich gegenüber den Großen an Gehör zu verlieren. Deren öffentliches Auftreten im vergangenen Jahr wird teilweise recht kritisch gesehen.

Sportopia, Orange Campus, Jahnhalle – für die Sportvereine war das Jahr 2017 ein spannendes, 2018 dürfte sogar ein noch spannenderes werden, denn an der erst seit einem Jahr gültigen städtischen Sportförderung scheiden sich die Geister. Seit einem Jahr bestimmen die Großvereine die Debatte, und der ein oder andere Vereinsvorsitzende denkt schon mal laut darüber nach, dass die finanzielle Unterstützung der Vereine durch die Stadt noch ausgeweitet werden sollte.

Die Vorsitzenden kleinerer Vereine tun sich schwer mit öffentlichen Äußerungen und lassen allenfalls durchscheinen, dass das Auftreten so manchen Vertreters eines Großvereins nicht unbedingt honoriert wird. „Groß bauen können nur die Großen“, sagt etwa Reinhard Bappert vom VfL Böfingen. Er ist zwar erst vor wenigen Monaten zum Vereinsvorsitzenden gewählt worden, vermisst aber die Gemeinsamkeit der Sportvereine.

Solidarisches Miteinander

Aus seiner Sicht sollte nicht nur jeder Verein überlegen, was er selber braucht. Vielmehr hielte er es für richtig, eine Übereinkunft darüber zu erzielen, was die Stadtgesellschaft an welchen Stellen am nötigsten hat. „Wir sollten solidarisch miteinander entwickeln, was derzeit am meisten gebraucht wird“, sagt Reinhard Bappert.

Indirekt kritisiert er damit die aktuelle Lage. Die Basketballer halten die Hand für ihren Orange Campus auf, die TSG Söflingen hat mit Sportopia einen großen Begriff für eine Halle kreiert und hadert immer noch, dass sie anders als der SSV 46 für den Bau eines Umkleidetrakts keine Kompensation für den nicht gewährten Teil des WLSB-Zuschuss bekommt. Und in Person des Vereinsvorstands Willy Götz hätte der SSV 46 am liebsten die neuen Richtlinien schon wieder überarbeitet, um das Projekt eines Neubaus der Jahnhalle angehen zu können.

Dass die Sportanlagen des SSV 46 in der Oststadt marode sind, leugnet niemand. Und dass der Großverein vor großen baulichen Herausforderungen steht, ist auch allen klar. Aber nicht immer gewinnt der, der seine Interessen am lautesten anmeldet. „Es geht doch um Sport. Und darum, den Bürgern überall da, wo sie wohnen Freizeitmöglichkeiten zu bieten und etwas für sich selbst, ihre Gesundheit und den sozialen Zusammenhalt zu tun.“ Neid unter den Vereinen schade der Sache, sagt Bappert.

Ähnlich argumentiert Roland Müller vom SC Lehr. Er ist mit den Sportförderrichtlinien der Stadt im Grundsatz einverstanden, hebt aber warnend den Finger: „Wir Kleinen müssen schon aufpassen, dass wir nicht unter die Räder kommen“, sagt er. Im Ehrenamt Bauprojekte solchen Ausmaßes voranzutreiben, sei schwieriger und dauere ungleich länger, als bei den großen Vereinen, die meist entsprechend geschulte hauptamtliche Geschäftsführer haben.

Müller sieht in seinem Verein auch dringenden Bedarf – etwa an Gymnastikräumen und einer größeren Geschäftsstelle. Aber bis er das in seiner Freizeit alles formuliert und zusammenträgt, dauert das ewig. Und außerdem stehe sein Verein „halt nicht so im Fokus wie die TSG oder der SSV“. So sehr er selber das Projekt des Orange Campus gut findet, das Auftreten der Basketball-Geschäftsführer findet er befremdlich, „um das freundlich zu sagen“.

Vom Stadtverband für Sport, wenn man so will, der Interessenvertretung der Sportvereine, hört er wenig. „Der war nicht so richtig präsent im vergangenen Jahr“, sagt Müller. Das sei insofern bedauerlich, als gerade dieses Gremium die Vereinsarbeit koordinieren und gegenüber der Stadt vertreten soll.

Viel Gemeinschaftssinn ist da aber nicht zu erkennen, wie auch der Vereinsvorsitzende Anton Walter von der SSG Ulm 99 in Gögglingen-Donaustetten sagt. Allerdings müssten sich die kleinen Vereine auch selber an die Nase fassen: „Wir sind zu träge“, gibt er zu.

Funktion des Sports

Kritisch sieht aber auch er die Entwicklung der Großvereine, weil große Sportzentren zwar aktiv seien, aber von dem Gedanken des Vereinssports wegführten. „Damit fördern wir nur den Einzelsport, nicht aber den Vereinssport“, mahnt Walter an: „Ich weiß nicht, ob diese Entwicklung gut ist für die Verein und sie letztlich sogar überfordert.“ Er setzt vielmehr auf das Ehrenamt, das in vielen gesellschaftlichen Ebenen gefördert, im sportlichen Bereich aber vernachlässigt werde.

Walter sieht einen großen Differenzierungsbedarf. Zum einen hätten Sportvereine in den Ortsteilen eine wichtige Funktion. Oft gebe es nichts als den Sportverein, in dem Jugendliche eine Ansprache hätten; Vereinsarbeit sei also auch Sozialarbeit, und zwar eine der billigeren Art. „75 Prozent der Jugendlichen in Gögglingen und Donaustetten sind bei uns im Verein Mitglied.“

Auch die 2017 geführte Debatte um die drei Großprojekte Orange Campus, Sportopia oder Jahnhalle sieht er differenziert. Das beim SSV 46 dringend etwas passieren müsse, sei ja wohl unbestritten. Die Anlagen bei der TSG seien dagegen doch in einem Top-Zustand. Es stelle sich also schon die Frage, ob alles was gewünscht werde, auch benötigt wird.

Den größten Wunsch, den Walter gegenüber der Stadt formuliert, ist eine Beschleunigung der Verfahren. Die Stadt müsse sich vom WLSB loskoppeln, weil dessen Prüfungen der Förderfähigkeit zu lange dauern würden. Möglicherweise sei es besser, wenn die Stadt diesbezüglich selbstständig agiere und in Vorleistung trete – perspektivisch betrachtet.

Unterschiedliche Formen der Förderfähigkeit

Richtlinien In den Sportförderrichtlinien wird grundsätzlich zwischen drei verschiedenen Abstufungen bei der Förderfähigkeit unterschieden. Zum einen sind dies Investitions- und Sanierungsmaßnahmen für Sportstätten zwischen 2500 Euro und 80.000 Euro Gesamtkosten. Die nächste Stufe reicht dann von 80.000 bis 2 Millionen Euro. Bei Projekten mit Gesamtkosten von mehr als 2 Millionen Euro spricht man von Großprojekten, die nicht mehr aus laufenden Haushalten bedient werden, sondern Einzelfallentscheidungen des Gemeinderats benötigen. Die unteren zwei Stufen werden aus dem laufenden Haushalt finanziert, in den jährlich 700.000 Euro eingestellt sind. Durch die Unterscheidung soll es allen Vereinen ermöglicht werden, sich zukunftsfähig aufzustellen.

Großprojekte Nur bei den Großprojekten gilt die Regel, dass pro Sozialraum alle fünf Jahre nur ein Projekt bezuschusst wird. Mit solchen Projekten sind aber insbesondere Vereinszentren genannt, entweder als Neubau oder als „wesentliche“ Erweiterungs- und Anbaumaßnahmen. Diese Sozialraumorientierung ist umstritten, weil sie zu Befürchtungen führt, dass Nachbarvereine leer ausgehen, wenn einer ein solches Projekt verwirklicht. Dabei ist wichtig, dass es sich dabei in aller Regel um Neubauten handelt, was sehr selten vorkommt. Denn sie müssen vor allem auch durch den Württembergischen Landessportbund (WLSB) gefördert werden. Nach oben ist die maximale Zuschussförderung bei 3 Millionen Euro gedeckelt. Allerdings gibt es Einzelfallentscheidungen.

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