Gericht „Gewalt ist keine Besonderheit“

Ulm / Hans-Uli Mayer 11.08.2018

Hinterher ist man immer schlauer. Das musste auch der Anstaltsarzt des Ulmer Gefängnisses einräumen, der gestern als Zeuge einen schweren Stand hatte im Prozess wegen einer Vergewaltigung im Gefängnis. „Es war für mich nicht zwingend notwendig, ihn sofort in die Klinik zu schicken.“ Das sagte er zu einer Untersuchung, die er am 5. November des vergangenen Jahres an einem misshandelten Häftling vorgenommen hatte.

Einen Tag später befand sich der 61-jährige Häftling wegen schwerer innerer Verletzung des Darms in Lebensgefahr und musste in einer Notoperation versorgt werden. Der Mann, dem man damals einen künstlichen Darmausgang legen musste, hatte aber auch äußerliche Verletzungen, die für den Arzt jedoch „keinen Hinweis auf größere Verletzungen“ boten, wie er gestern im Gerichtssaal sagte.

Die Liste der Verletzungen ist lang. So wurden in der Ulmer Uniklinik neben den lebensgefährlichen Darmverletzungen, die von einer mit Gewalt eingeführten Plastikgabel rührten, weitere schwere Verletzungen festgestellt. Etwa ein Nasenbeinbruch, ein Jochbeinbruch, ein sichtbares blaues Auge, Hämatome im Gesicht, Schürf- und Risswunden an Armen und Beinen, blaue Flecken an Brust und Rücken, mehrere gebrochene Rippen und ein geplatztes Trommelfell.

„Im Nachhinein betrachtet, muss ich zugeben, es wäre besser gewesen, ihn gleich in die Klinik zu schicken“, räumte der Arzt gestern vor erstauntem Publikum ein. Einen Vorwurf aber wollte er sich nicht machen. Der Patient habe immer zu ihm gesagt, keine Schmerzen zu verspüren. Und obwohl er nach eigenen Angaben zum ersten Mal einen Häftling mit so schweren Verletzungen gesehen hatte, habe er keine Veranlassung gesehen, ihn direkt in ein Krankenhaus einzuweisen.

Anstaltsleiter Ulrich Schiefelbein will den medizinischen Fall nicht bewerten. Er sagte gestern aber auf Nachfrage, dass der Gefängnisarzt über große Erfahrung verfüge und er sehr zufrieden mit ihm sei. Dass es in deutschen Vollzugsanstalten immer wieder zu Gewalttätigkeiten kommt, sei keine Besonderheit, aber auch leider kaum zu verhindern.

Schiefelbein nimmt im konkreten Fall seine Mannschaft aber in Schutz. Sobald die Verletzungen sichtbar gewesen seien, hätten die Vollzugsbeamten sofort reagiert. Ein Versäumnis in der Anstalt sieht er jedenfalls nicht.

Der Prozess wird kommende Woche am Dienstag und Freitag fortgesetzt.

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