IHK-Präsident „Für mich bleibt nichts unter dem Radar“

Ulm / Von Ulrich Becker und Frank König 22.08.2018
Der neue Präsident Jan Stefan Roell, will nicht nur den digitalen Umbruch bewältigen, sondern hält auch die Verkehrslage im Industriegebiet Donautal für ein wichtiges Thema.

Nach 15 Jahren steht ein neuer Präsident an der Spitze der IHK: Jan Stefan Roell von Zwick. Im ersten Presse-Interview umreißt er seine Ziele. Der Jet-Pilot hat auch Alltägliches auf dem Radar.

Herr Roell, Sie hatten sich nach Ihrem Abschied bei Südwestmetall weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Was reizt Sie nun am Amt des IHK-Präsidenten?

Jan Stefan Roell: Auch während dieser Zeit hatte ich viele Ehrenämter in der Stadt, wie im Hochschulrat und im Aufsichtsrat der Uniklinik. Das neue Ehrenamt passt relativ gut in meine Lebensplanung, weil ich die Firma sukzessive abgebe. Dies gibt mir mehr zeitliche Möglichkeiten. Und weil meine Frau als Ärztin engagiert arbeitet, kann ich auch engagiert arbeiten.

Wie viel Zeit können Sie etwa für die Kammer einbringen?

30 Prozent meiner Zeit, das sind eineinhalb Tage pro Woche – mal mehr, mal weniger.

Wie muss man Sie einschätzen? Sind Sie eher Macher, Visionär oder Netzwerker wie Ihr Vorgänger?

Da muss die Reihenfolge stimmen. Ich mache gerne Sachen, die dann wirklich passieren. Dazu braucht es zunächst eine Zielformulierung. Das Netzwerk ist dann Mittel zum Zweck.

Und wie wichtig ist Ihnen das gesellschaftliche Parkett?

(lacht) Die Frage lasse ich aus.

Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte?

Es kommt darauf an, wo ich einen Beitrag als IHK-Präsident leisten kann. Beispielsweise wenn es um ein Statement zur Wirtschaft der Region geht. Die Repräsentation ist zwar auch wichtig, aber hier möchte ich mich auch auf die Vizepräsidenten stützen. Als die neuen Präsidenten nun zu einem Termin in Sachen Kammerfinanzierung eingeladen wurden, habe ich Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin Prof. Brigitte Zürn gebeten, zu dem Workshop zu fahren. Wir wollen das als Team machen, das tut auch der IHK gut.

Wie sieht das genauer aus?

Harry Seifert von Seifert Logistics ist der richtige Mann für Logistik-Fragen, Gabriele Finkbeiner und Frieder Kolesch aus Biberach sind Handelsexperten. So kann man sich das vorstellen: Wir wollen als Team Schwerpunkte setzen und gemeinsam unsere Botschaften in die Öffentlichkeit  tragen.

Sie hatten am Tag Ihrer Wahl nach Schwörmontag drei Hauptthemen genannt: Fachkräftesicherung, Digitalisierung und Austausch mit der Politik. Was steckt genau dahinter?

Das Wort Fachkräftemangel ist abgedroschen. Wir müssen die duale Ausbildung in ihrer Attraktivität noch viel besser darstellen. Das machen wir schon sehr gut – wir können es nur noch besser machen. In unserem Land kann man über unglaublich viele Wege zu den wunderbarsten Abschlüssen kommen. Eine Ausbildung verbaut dir also überhaupt keinen Weg, das Bildungssystem ist extrem durchlässig. Und als Waldorfschüler sage ich: Kopf und Hand gehören zusammen.

Was sind wichtige Voraussetzungen?

Im Mittelpunkt steht die Sprachförderung, nicht nur bei Kindern mit Migrationshintergrund. Da habe ich einen Herzenswunsch: Können wir in einer Schule – eventuell in Zusammenarbeit mit einem Kindergarten – durch Förderung erreichen, dass wir bei allen Kindern unabhängig von der Herkunft die gleichen Ergebnisse erzielen? Davon bin ich zutiefst überzeugt. Das möchte ich mit einer Kommune und einer engagierten Schulleitung angehen. Eigentlich sollten auch unsere ausländischen Mitarbeiter in Familien gehen und ihnen erklären, dass sie abends zuhause beispielsweise statt Türkisch Deutsch sprechen sollen.

Könnte das bei der Integration von Flüchtlingen helfen? Sie hatten hier schon Enttäuschungen erlitten.

Das ist ein extrem vielschichtiges Thema. Es gibt da Aspekte, auf die kommt man gar nicht. Wir hatten einen hochbegabten Flüchtling, der die Firma verlassen hat, weil er in der Ausbildung zu wenig verdient. Er muss aber Geld nach Hause schicken. Nun arbeitet er in Ostdeutschland, wo die Lebenshaltungskosten niedrig sind, er aber Mindestlohn verdient. Dann kann er mehr Geld in die Heimat schicken. Ich verliere einen exzellenten Mann, weil er ein Problem hat, das man zunächst gar nicht sieht. Es sind insgesamt viele gute Leute dabei.

Kommen wir zu Ihrem zweiten Thema, Digitalisierung. Sie waren zuletzt auch im Silicon Valley.

Die IHK hat auf diesem Feld schon einige Projekte  beschlossen. Wir arbeiten mit der Uni und der Hochschule zusammen, unterstützen das jeweils mit bis zu 500 000 Euro. Einmal zum Thema IT-Sicherheit und bei der Auswertung großer Datenmengen, Stichwort Big Data. Wir müssen die Unternehmen in der Beratung unterstützen, damit dieser Umbruch geschafft wird. Die Unternehmer müssen erstmal erkennen, dass sie bei der Digitalisierung ein Problem haben. Abwarten und denken „das wird schon“ kann sich keiner mehr leisten.

Wie könnte man das Silicon Valley nach Ulm übertragen?

Es geht um die Rolle der Universitäten, der Investoren, der Unternehmen – und das Wichtigste: Es geht um die Kultur des Scheiterns. Wer dort mit einer Idee scheitert, steht auf und sagt: Das habe ich jetzt gelernt. Und die Investoren honorieren das – anders als bei uns. Dazu kommt der viel frühere Kontakt mit den Kunden. Über eine Idee wird ganz früh miteinander diskutiert. Wir Deutsche wollen dagegen immer erst mit der perfekten Lösung kommen. Man kann also einige Dinge übernehmen.

Und die Politik?

Wir wissen zu wenig übereinander. In der Politik geht es um die Frage: Ist das mehrheitsfähig? Das müssen wir als Unternehmer verstehen. Politiker sollten sich mit  Blick auf die Wirtschaft die Frage stellen: Ist das praktisch oder hält es den Realitäts-Check nicht aus? Wir brauchen Programme für Betriebe und Abgeordnete. Bei solchen Workshops könnte es aktuell darum gehen: Wie ist das mit den Iran-Geschäften, was passiert jetzt?

Ihr Vorgänger Peter Kulitz galt als omnipräsent, hat viel Zeit auf internationalen Delegationsreisen verbracht. Ist das auch Ihr Ding?

Ich habe bisher eine gemacht.

Welche Aufgabe erfüllt die Kammer in Stadt und Region? Sie wurde teils schon als zweites Rathaus betrachtet und hat viel Politik gemacht. Werden Sie sich weiter um die Fahrspuren am Bahnhof kümmern?

Da ist nichts zu kleinteilig. Mein Vizepräsident Harry Seifert kümmert sich derzeit um die verbesserte Zufahrt über die B 30 ins Industriegebiet Donautal, das ist der tägliche Ärger. Und wenn der zentrale Omnibusbahnhof nicht gut funktioniert und von den Menschen nicht angenommen wird, geht das Konzept nicht auf. Als Wirtschaftsvertretung müssen wir uns da einbringen – mit denen, die sich auskennen. Wir suchen da auf Augenhöhe den Kontakt zur Stadt, um unsere Konzepte einzubringen und zu guten Lösungen zu gelangen. Und wenn wir da miteinander ringen, liegt das natürlich auf dem Radar des Präsidenten.

Sie sind ein Mann der Industrie, was wollen Sie für den Handel tun, der auch von Online bedrängt wird?

Ich bin da am Anfang und muss mich noch einarbeiten. Da sind andere Leute näher dran. Sie befassen sich mit der Zukunft der Stadt und wissen: what makes and breaks the city. Aber ich bin sicher, dass der Internethandel nicht nur negative Folgen für den stationären Handel hat, der auf Multichannel setzen muss. Aber Ulm kommt doch aus einer idealen Situation heraus: die wirtschaftliche Situation der Stadt, die Lage, da sind wir gesegnet.

Wie lautet Ihr Ziel für die fünf Jahre Ihrer Amtszeit bis 2023?

Den Umbruch gemeinsam schaffen – das ist mein Ziel. Haben wir in fünf Jahren noch die Fachkräfte, um unsere Produkte zu produzieren, haben wir den digitalen Umbruch geschafft, haben wir in fünf Jahren den Austausch mit der politischen Elite so gestaltet, dass unsere Anliegen gehört und realisiert werden? Das wäre ein Maßstab. Dann hätte ich einen Beitrag für die IHK geleistet.

Sie spielen im werkseigenen Zwick-Roell-Orchester Posaune. Was ist Ihr Lieblingsstück?

Der Bozener Bergsteigermarsch.

Und zuletzt: Was können Sie als begeisterter Flieger mit in das Amt des IHK-Präsidenten einbringen?

(lacht) Wenn Sie in einer Ausnahmesituation sind, muss der erste Griff sitzen, um die Situation zu stabilisieren. Danach können Sie die Checkliste abarbeiten. Vielleicht brauchen wir ein paar solcher Checklisten auch in der Wirtschaft.

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Zur Person

Vita Jan Stefan Roell (63) stammt aus Düsseldorf, hat in München Elektrotechnik studiert und an der LMU in Staatswissenschaft promoviert. Er blieb als Unternehmensberater von McKinsey in München, bevor er 1985 ins Familienunternehmen eintrat. 1992 war die Übernahme von Zwick in Ulm. Er ist Vorstandschef der Zwick Roell AG mit zuletzt 1500 Mitarbeitern und 226 Millionen Euro Umsatz. Roell war seit 1996 Vorstandsmitglied von Südwestmetall und von 2006 bis 2009 Vorsitzender. Dabei hat er an modellhaften Tarifabschlüssen mitgewirkt. In Ulm/Neu-Ulm ist er auch Vorsitzender des Hochschulrats und Co-Vorsitzender der Internationalen Schule.

Zur IHK Ulm

Profil In der Region der Industrie- und Handelskammer Ulm mit Stadt Ulm, Alb-Donau-Kreis und Kreis Biberach gibt es 44 000 Mitgliedsfirmen – inklusive der neu hinzugekommenen Solaranlagen-Betreiber. Die regionalen Firmen beschäftigen 233 000 Mitarbeiter. Die IHK macht deutlich: Es handelt sich um eine Top-Ten-Region in Sachen Wirtschaftsleistung in Deutschland, zudem bei der Ausbildung pro Betrieb. 6500 Azubis, jährlich 5100 Teilnehmer bei Weiterbildungskursen. 52 Mitglieder in der Vollversammlung, dem Kammerparlament, sechs Vizepräsidenten. Die IHK hat 147 Mitarbeiter und 17 Azubis. Hauptgeschäftsführer ist Otto Sälzle.

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