Musik „Für die Kapellen ist das ein Highlight“

Gut behütet zum Paradekonzert: Helga Malischewski und Gerhard Bühler sind jeden Sonntag auf dem Marktplatz.
Gut behütet zum Paradekonzert: Helga Malischewski und Gerhard Bühler sind jeden Sonntag auf dem Marktplatz. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Von Chirin Kolb 18.08.2018

Sonntag für Sonntag kennen Helga Malischewski und Gerhard Bühler im Sommer nur einen Aufenthaltsort: den Ulmer Marktplatz. Sie sind immer dabei, wenn Hunderte von Zuhörern zu den Paradekonzerten kommen, die die beiden seit fast 24 Jahren ehrenamtlich organisieren und die für die Gäste kostenlos sind. Am Sonntag, also morgen, wenn der Reservistenmusikzug 28 auftritt, feiern Malischewski und Bühler ihr 500. Konzert. Zum 499. am vergangenen Sonntag gab es reichlich Aufregung für die beiden, weil die Bühne vom Christopher Street Day am Vortag nicht rechtzeitig abgebaut war.

Frau Malischewski, Herr Bühler, Sie sitzen gemeinsam für die FWG im Gemeinderat, Sie organisieren zusammen die Paradekonzerte. Halten Sie es noch miteinander aus?

Helga Malischewski: Jetzt bin ich gespannt, was er sagt...

Gerhard Bühler: Wir sind wie ein altes Ehepaar. Jeder weiß, wie der andere tickt.

Malischewski: Wir haben also auch Auseinandersetzungen.

Über was?

Malischewski: Bei der Vergabe der Konzerttermine. Ich hätte lieber zwei, drei Bigbands, ihm reicht eine. Aber wir machen immer einen Kompromiss.

Nach welchen Kriterien stellen Sie das Programm zusammen?

Bühler: Wir haben in jeder Saison 20 Termine. Das Spektrum soll abwechslungsreich sein: Böhmisch, Sinfonisch... Vier Kapellen sind jedes Jahr gesetzt. Das Heeresmusikkorps spielt zum Auftakt am Muttertag, die Stadtkapelle zum Abschluss. Das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm und die Junge Bläser-Philharmonie gehören auch fest dazu.

Wie kommen Sie zu den übrigen?

Malischewski: Manche melden sich bei uns, auf andere stoßen wir. Wir sondieren übers Jahr und wollen immer auch was Neues bieten. Und die Qualität ist uns wichtig. Wir schreiben die Kapellen im Dezember an und bieten drei Termine zur Auswahl an. Deadline ist Mitte Januar. Dann setzen wir zwei uns zusammen und planen die Saison durch.

Klingt nach ziemlicher Tüftelei...

Bühler: Ist es auch. An manchen Sonntagen haben wir 20 Kapellen, die spielen wollen, an anderen im August vielleicht nur eine.

Dann müssen Sie ja einigen absagen.

Malischewski: Viele haben dafür Verständnis...

Bühler: ...aber manche sind bocknarret. Da gibt es schon auch Beleidigtheiten.

Wie erklären Sie sich das große Interesse der Kapellen an den Paradekonzerten?

Bühler: Der Marktplatz hat eine wunderbare Akustik, fast wie im Konzertsaal.

Malischewski: Für die Kapellen ist das ein Highlight. Der Marktplatz ist sehr erhebend.

Die Kapellen spielen nur für Ruhm und Ehre, oder?

Bühler: Seit wir das machen, fließt keinerlei Geld. Wir fangen das gar nicht an. Wer deswegen beleidigt ist, den schicken wir wieder heim. Aber die Kapellen bekommen immerhin 150 Liter an Getränken, dank unseres Sponsors Gold Ochsen. Die Musiker müssen ja auch die Anreise selbst bezahlen.

Malischewski: Und der Dirigent bekommt ein Kistle mit zwei Flaschen hochwertigem Bodensee-Wein. Das bezahlen wir aus unserer Vereinskasse.

In all den Jahren: Ist mal ein Konzert ausgefallen, weil was schief gegangen ist?

Malischewski: Nein, nie. Alles muss gut organisiert sein. Das wäre ganz schlecht, wenn die Leute schon sitzen würden, es gäbe aber kein Konzert.

Bühler: Einmal ist eine Kapelle zu spät gekommen. Und einmal hat die Feuerwehr verschlafen, die immer alles fürs Konzert vorbereitet und den Platz bestuhlt. Da sind wir beide um halb elf auf den Marktplatz gekommen, und alles war fatzenleer. Das Konzert hat dann mit Verspätung begonnen.

Malischewski: Ein großes Lob an die Feuerwehr! Ohne sie wären die Konzerte nicht durchführbar. Jeden Sonntag ist ein anderer Löschzug dran.

Sie haben Unterstützer...

Malischewski: Es ist ein Miteinander. Die Volksbank Ulm unterstützt uns, die Sparkasse Ulm, die SWU. Die Ulmer City mit den Wochenmarktbeschickern verteilt Blumen zum Auftakt am Muttertag. Und von der Stadt Ulm bekommen wir einen jährlichen Zuschuss von 8500 Euro. Unser Verein mit seinen 250 Mitgliedern  trägt mit einem Mitgliedsbeitrag von 10 Euro ebenso zur Unterstützung bei.

Bühler: Von dem Geld müssen wir die Feuerwehr bezahlen, Versicherung und Gema. Allein Gema kostet 1400 Euro – obwohl wir keinen Eintritt verlangen.

Sie haben seit Jahren ein treues Publikum.

Malischewski: Das Publikum ist nicht immer dasselbe, das ändert sich je nach Kapelle. Wir haben aber einen treuen Stamm von Gästen, die jeden Sonntag auf den Marktplatz kommen.

Bühler: Mal sind es 2000, mal 500. Es kommen auch viele Auswärtige. Ein Mann aus Ludwigsburg hat mir mal gesagt, er sei jeden Sonntag beim Konzert dabei – allerdings besucht er in Ulm auch seinen Enkel.

Gab’s mal Ärger mit den Nachbarn?

Bühler: Nur einmal. Ein Studentenpärchen, das in der Neuen Straße wohnte, hat sich massiv beschwert, dass sie am Sonntagmorgen nicht in Ruhe frühstücken konnten. Sie haben sich gleich an den OB gewandt. Nach sechs, acht Wochen hatte sich das erledigt.

Malischewski: Zum Glück. Sonst hätten wir unsere erste Demo gemacht.

Wenn Sie zurückdenken: Was hat Sie besonders gefreut?

Malischewski: Vor allem natürlich der Zuspruch der Gäste. Aber schön war auch, dass wir auf dem Marktplatz nun die Bühne mit dem Dach haben und nicht mehr unseren alten Musikwagen. Ich hab’ immer gedacht: Ulm will Spitze im Süden sein – und dann dieser Karren!

Bühler: Es war aber ein harter Kampf und hat vier Jahre gedauert. Das Landesdenkmalamt hatte erst viele Bedenken wegen des Rathauses.

Malischewski: Da müssen wir Herrn Wetzig hervorheben (der ehemalige Baubürgermeister, Anm. d. Red.). Er hat das sehr befeuert und war uns wohlgesonnen.

Und was hat Sie geärgert?

Malischewski: In der Sparwelle wollte uns die Stadt vor Jahren 200 Euro vom Zuschuss streichen. Mir ging es da nicht so um das Geld, sondern um die Wertschätzung. Wir bieten ehrenamtlich seit Jahrzehnten was Kostenloses an. Der damalige Finanzbürgermeister Gunter Czisch und OB Ivo Gönner haben diesen Vorstoß aber gleich kassiert.

Nach dem Christopher Street Day am Samstag blieb die Bühne stehen. Auf einer Skala von null bis zehn: Wie sehr hat Sie das geärgert?

Malischewski: zehn.

Bühler: fünf. Die Versicherungsfrage hat uns zum Schwitzen gebracht.

Macht Ihnen die Organisation der Paradekonzerte noch Spaß?

Bühler: Wenn am Schwörsonntag bei der JBU 2500 Leute da sind, so viele wie bei der Schwörrede, dann macht das natürlich Spaß...

Malischewski: ...vor allem, weil so viel Dankbarkeit zurückkommt. Dann hat man das Gefühl, man tut was Sinnvolles und Gutes.

Sommerurlaub ist für Sie beide aber nicht drin.

Bühler: Wir wollen die Programmhefte halt persönlich verteilen. Da braucht man drei Leute. Gerd Stauß von unserem Vorstand ist auch noch dabei. Also können wir von Muttertag bis Ende September nicht mal einen Ausflug machen am Sonntag.

Malischewski: Der Kirchgang fällt auch aus. Ich habe mir von beiden Dekanen Absolution geholt.

Bühler: Das Mittagessen am Sonntag findet dann eben immer um halb zwei statt.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft der Paradekonzerte?

Malischewski: Dass diese Kulturveranstaltung weiter geht. Sie darf nicht sterben, auch wenn wir mal nicht mehr sind. Die Ulmer mögen ihre Paradekonzerte.

Denken Sie etwa ans Aufhören?

Bühler: Na ja, nach fast 24 Jahren darf man schon mal darüber nachdenken, ob es nicht noch was anderes gibt am Sonntagmorgen.

Zu den Personen

Helga Malischewski Die Wiblingerin (76) gehört dem Ulmer Gemeinderat seit 34 Jahren an, gewählt immer über die Liste der Wiblinger Wählervereinigung. Helga Malischewski ist seit 25 Jahren Geschäftsführerin der FWG-Fraktion.

Gerhard Bühler Der Junginger (70) ist über die Ulmer Vorort-Liste seit 29 Jahren Mitglied des Ulmer Gemeinderats. Dem Junginger Ortschaftsrat gehörte er von 1979 bis 2012 an.

Zum Abschluss der Saison ein Jubiläum

900 Paradekonzerte – diese Zahl macht die Stadtkapelle Ulm mit ihrem Konzert am 7. Oktober voll. Es findet wie jeder Saisonabschluss im Kornhaus statt.

1979 erklang das erste Paradekonzert: Das Heeresmusikkorps spielte vor rund 2000 Zuhörern in der Hirschstraße vor Woll-Wanner. Stadtrat Helmut Betzler hatte ein Jahr zuvor die Bürgeraktion „Musikpavillon“ gegründet, um die sonntäglichen Paradekonzerte wiederzubeleben, die von 1860 bis etwa 1940 auf dem Hauptwachplatz stattfanden.

1995 starb Helmut Betzler. Wie würde es mit den Paradekonzerten weitergehen? Kulturbürgermeister Götz Hartung ging auf die FWG zu, und deren Fraktionsvorsitzender Udo Botzenhart griff die Idee begeistert auf. Im April wurde der Verein „Ulmer Paradekonzerte“ gegründet, mit Gerhard Bühler als Vorsitzendem und Helga Malischewski als Stellvertreterin.

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