Ulm / LISA-MARIA SPORRER Für die einen Erlebnisparcours, für die anderen Alltag: Der Club "Körperbehinderte und ihre Freunde" bot einen Perspektivenwechsel an.

Die erste Hürde ist fünf Zentimeter hoch. Aber nicht nur der abgesenkte Bordstein ist zu bewältigen, es gibt noch mehr Hindernisse: Wegkreuzungen, geparkte Autos, Schlaglöcher und sogar Passanten. Am Anfang mache es ziemlich viel Spaß, aber nach ein paar Minuten spüre man es in den Armen, sagt einer, der eine Testfahrt für Nicht-Rollstuhlfahrer ausprobiert hat. Der Club "Körperbehinderte und ihre Freunde" der Caritas Ulm feierte sein 40-jähriges Bestehen. "Für die Testfahrt haben wir von der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule acht Handbikes ausgeliehen", sagt Helene Kobel, Referentin des Clubs. Ungeübte könnten solch einen Rollstuhl leichter bedienen.

Die Strecke vom Weststadthaus bis zum Clubhaus im Pfarrer-Weiß-Weg war mit kleinen, aufgesprühten Rollstuhlabbildungen präpariert worden. Wie damals, 2010, als anlässlich des jährlich stattfindenden europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Behinderten, Rollstuhlfahrer in der Ulmer Innenstadt ihre Wege gekennzeichnet hatten. "Es ist schwierig, sich zu orientieren", sagt Maximilian Herzog, der den Selbstversuch im Rollstuhl gewagt hat. "Man nimmt sein Umfeld ganz anders wahr, wenn man nur auf Höhe der Autofenster ist."

Jedoch ging es bei der Rallye um mehr als nur um eine Zehn-Minuten-Fahrt in der Kolonne. Es ging auch um Perspektivenwechsel und um Einfühlungsvermögen. Schon seit längerer Zeit fokussiert sich der Club nicht mehr ausschließlich auf Körperbehinderte, sondern auch auf Mehrfachbehinderte. Die Idee hinter dem Perspektivenwechsel setze auf Ideale wie Toleranz und Akzeptanz, sagt Kobel. Auf eine unterschiedslose und gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft.

Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Eigentlich falle kaum einem bei so einer Testfahrt die Rollstuhl-Kolonne auf. "Früher haben sich die Menschen noch umgedreht oder mitleidvoll geschaut", sagt Reinhard Faigle, der seit seinem siebten Lebensjahr auf den Rollstuhl angewiesen ist. Das Mitleid habe nachgelassen, meint er. Auch, was die viel diskutierte Barrierefreiheit betrifft, gebe es eigentlich nichts zu meckern. "Nur das Fischerviertel ist ein heftiges Pflaster. Da muss man schon gut geübt sein."