Ansichten „Erfolg hat man nur gemeinsam“

Gold-Ochsen-Chefin Ulrike Freund im Neu-Ulmer Dietrich-Kino, einem ihrer kulturellen Lieblingsorte.
Gold-Ochsen-Chefin Ulrike Freund im Neu-Ulmer Dietrich-Kino, einem ihrer kulturellen Lieblingsorte. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / Helmut Pusch 09.08.2018

Ein Besuch in der Verwaltung der Ulmer Brauerei Gold Ochsen ist auch ein Ausflug in die Vergangenheit. Hier wird nicht geprotzt. Alles ist gepflegt, aber angejahrt. Gewienertes Holz statt poliertem Edelstahl, Bodenständigkeit statt Design. Manager im Brioni-Anzug mag man sich hier gar nicht vorstellen. Im Besprechungsraum werden die diversen Biere des Hauses hinter Glas präsentiert – wie die Pokale eines Sportvereins. Das Corporate Design etwa des Gold Ochsen Shops im Hafenbad ist hier noch nicht angekommen. Das Bier schon – und zwar perfekt gekühlt.

Was ist Ihr kultureller Lieblingsort in Ulm?

Ulrike Freund: Das sind bei mir zwei Orte: das Dietrich-Theater in Neu-Ulm und das Roxy. In Neu-Ulm finde ich es toll, dass dort alle Generationen anzutreffen sind, junge Leute, aber auch Menschen in unserem Alter, die dort auch miteinander ins Gespräch kommen. Beim Roxy ist das ähnlich. Wir unterstützen die Kulturhallen auch, weil wir es gut finden, was da an Programm geboten wird, und weil dort ein Team arbeitet, das mit vollem Einsatz zur Sache geht, jeder im Zweifelsfall mit anpackt. Das ist eine Kultur, die wir auch in unserer Brauerei pflegen. Wir beliefern das Roxy zwar auch mit unseren Getränken, sind aber auch ein Sponsor der Kulturhallen.

Wie sehen Sie Ulm als Kulturstadt?

Ich finde, Ulm und Neu-Ulm haben eigentlich alles, was man braucht: Ein Dreispartenhaus als Theater, gute Museen, es gibt Lesungen, für eine Stadt dieser Größe viele Konzerte. Ulm hat einen hohen Freizeitwert. Ich glaube, es ist die deutsche Stadt mit der höchsten Gaststättendichte.

Apropos Gaststätten: Wie wird man Chefin einer Brauerei?

Dazu bin ich wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Ich habe eine Banklehre gemacht, nebenher BWL studiert und bei einer Bank in München gearbeitet. 1985 hat mich mein Vater gebeten, in die Brauerei einzusteigen. Ich habe damals auch Ja gesagt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, einen Bayern zu heiraten. Es sollte schon jemand von hier sein. Und ich wollte zurück nach Ulm. Ich liebe diese Stadt, da gibt es gutes Bier, gutes Essen, den richtigen Dialekt. Die Wege sind kurz, und man trifft, egal wohin man geht, überall Leute, die man kennt.

Sie haben eben den Landesorden für ihre nachhaltige Unternehmensführung erhalten, auch weil sie das Kulturgut Bier pflegen. Was machen Sie anders als andere Brauereien, vor allem die Großproduzenten der so genannten Fernsehbiere.

Natürlich müssen wir auch Geld verdienen, aber das ist nicht das Wichtigste. Mir geht es auch darum, eine Tradition zu erhalten. Unsere Brauerei  besteht seit 421 Jahren, davon 151 Jahre im Familienbesitz. Wir brauen ein Bier aus regionalen Zutaten, nach alten Traditionen. Unser Bier braucht sechs Wochen, bis es fertig ist, es wird nicht pasteurisiert, alle vorhandenen Vitamine und Inhaltsstoffe bleiben also erhalten. Die Großproduzenten machen das anders und billiger. Ja es gibt sogar Billigbrauereien, die ihr Bier schon nach zwei Wochen ausliefern und natürlich pasteurisieren. Das macht das Bier länger haltbar. Wir setzen da lieber auf die antiseptische Wirkung des Hopfens und geben ein Mindesthaltbarkeitsdatum von sechs Monaten an.

Sie haben vorher schon beim Roxy Vergleiche zu Ihrer Unternehmenskultur gezogen. Wie sieht die aus?

Ich glaube daran, dass man nur gemeinsam Erfolg haben kann. Das funktioniert nur, wenn alle an einem Strang ziehen, auch mal etwas anpacken, was vielleicht nicht so in ihrem Arbeitsvertrag steht. Ich mache das als Chefin ja auch. Und wichtig ist auch, dass alle gleich viel wert sind. Das Prinzip „Ober sticht Unter“ gibt es bei uns erst mal nicht. Aber letztlich muss einer den Kopf hinhalten. Und das bin halt am Ende ich.

Was war ihr Berufswunsch  als Kind?

Krankenschwester. Aber Gott sei Dank hat das nicht geklappt. Ich kann nämlich kein Blut sehen.

Als Chefin von Gold Ochsen machen Sie einen ständigen  Spagat: Auf der einen Seite profitieren Sie von Veranstaltungen, also auch von der Kultur, auf der anderen  sind Sie als Sponsor immer wieder gefragt. Welche Probleme treten da auf? Was ist besonders beglückend? Was ist ärgerlich?

Toll daran ist, dass man etwas ermöglichen kann, dass man als Sponsor Dinge ins Laufen bringen kann, die es ohne uns nicht geben würde. Ärgerlich ist daran, dass viele Leute glauben, wir würden uns an allen möglichen Veranstaltungen dumm und dämlich verdienen. Das Gegenteil ist oft der Fall. Beim Roxy liefern wir zwar die Getränke, unterm Strich zahlen wir mit dem Sponsoring aber drauf; bei unserem Engagement in der Wilhelmsburg ist es genauso, selbst beim Volksfest in der Friedrichsau bleibt unterm Strich nichts übrig. Wir machen da nur mit, damit es stattfindet. Wir ermöglichen das, weil wir es uns leisten können. Dazu brauchen wir aber auch die Umsätze. Und der Markt ist auch wegen der Fernsehbiere sehr viel härter geworden. Nur: Wo sind denn diese Brauereien, wenn es darum geht, in der Region etwas zu ermöglichen?

Was hätten Sie gerne zusätzlich in Ulm?

Mehr Angebote auf der Wilhelmsburg. Die könnte man ganz anders bespielen, zu einem regelrechten Ulmer Markenzeichen ausbauen, das auch Auswärtige anlockt. Erschließen könnte man die wirklich mit einer Seilbahn. Die Idee dafür stammt übrigens von mir, die haben ich und mein Mann von der Bundesgartenschau in Koblenz mitgebracht, wo es eine Seilbahn zur Feste Ehrenbreitstein gibt. Die Wilhelmsburg liegt ideal und ist eigentlich fußläufig zur Innenstadt. Wenn‘s dort mal laut wird, hört man davon außen nichts. Und wenn die Seilbahn bei uns startet, könnten wir eine Brauereigaststätte einrichten, die Leute bei uns Pause machen. So was nennt man wohl Win-Win-Situation (lacht).

Haben Sie irgendwann mal mit dem Gedanken gespielt, Kultur zu Ihrem Beruf zu machen?

Nein. Ich hab zwar mal Klavier gespielt und Cello, aber als ich nach München ging, hatte ich keinen Platz für ein Klavier. Und  als Profi muss man am Klavier einfach klasse sein. Das war ich nicht, aber zu Beethovens  Mondschein-Sonate und Mozarts Türkischem Marsch hat es schon gereicht. Der Flügel von damals, ein Bechstein, steht immer noch bei uns zu Hause, ist aber so verstimmt, dass er wie ein Hon­ky-Tonk-Piano aus einem Saloon klingt.

Praktische Kultur: Mischen Sie sich ein, wenn es um Gestaltung der Etiketten und der Werbung geht?

Natürlich sage ich da meine Meinung dazu. Aber wie gesagt: Bei uns sticht nicht der Ober den Unter. Ich sage, was ich davon halte, dann wird diskutiert und abgestimmt – meistens einstimmig.

Bücher, Musik, Filme für die einsame Insel

Der Lieblingsfilm von Ulrike Freund, den sie auf jeden Fall mit auf eine einsame Insel nehmen würde, stammt aus der Region: Lisa Millers Low-Budget-Produktion „Landrauschen“. „Den muss man gesehen haben“, sagt Ulrike Freund. Und sonst? „Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“ und  Till Schweigers Alzheimer-Tragikomödie „Honig im Kopf“.

Regional geht es auch bei den Büchern zu: Da steht Thomas Schulers  „Wir sind auf einem Vulkan: Napoleon und Bayern“ oben auf der Liste vor Claudia Lanfranconis „Frauen, die ihre Träume leben“.

Nur ein Album packt Ulrike Freund ein, dafür aber eines mit 145 Minuten Spieldauer: Felix Mendelssohn Bartholdys  „Paulus“.

Unsere Sommerserie

Auf der Kulturseite schreiben wir Tag für Tag über Schauspieler,  Musiker, Schriftsteller, Tänzer, Künstler und andere Kulturmacher. Aber Kultur spielt im Leben der meisten Menschen eine Rolle. Daher führen wir in diesem Sommer Gespräche über Kultur mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Sport und überhaupt dem öffentlichen Leben.

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