Auf der Bühne im Podium des Theaters Ulm sind an diesem Abend alle willkommen. Jeder gehört dazu und zwar genau so, wie er ist. Wenn dieses Gefühl Inklusion bedeutet, dann hat Regisseur Martin Borowski mit seiner Inszenierung von „Märchenretter/Rumpelstilzchen“ das umgesetzt, für was das Stück steht. Am Freitag hatte es im ausverkauften Podium Premiere.

Das integrative Theaterprojekt ist eine Koproduktion des Ulmer Heyoka-Theaters, eines mehrfach ausgezeichneten Theatervereins für Menschen mit und ohne Behinderung, und des Jungen Forums des Theaters Ulm. Bereits zum fünften Mal gibt es diese Kooperation, aber zum ersten Mal ist die Theater-AG der Montessori-Schule Neu-Ulm dabei. So stehen neun Schüler der Gemeinschaftsklasse 5-7 samt ihrer Lehrerin und Co-Regisseurin Ursula Frühe zusammen mit zwölf Schauspielern des Heyoka-Theaters auf der Bühne.

So vielfältig die Schauspieler sind, so facettenreich ist auch das etwa eineinhalbstündige Stück, für das Michael Sommer, ehemaliger Schauspieldramaturg am Theater Ulm, den Text und die Lieder geschrieben hat. Die Songs spielt die vierköpfige Band „Hey Invisible Miez“, die mit viel gutem Beat das Schauspiel unterstützt.

Fake News im Märchen

Im Kern geht es um das Märchen „Rumpelstilzchen“, aber eigentlich geht es um viel mehr. Die Strukturen des Märchens werden aufgebrochen, Rollen werden getauscht, Fragen gestellt. Welche Themen wirft das Märchen auf? Was bedeuten diese Themen in unserer heutigen Zeit? Zum Beispiel wäre die Lüge des Müllers, dass seine Tochter Stroh zu Gold spinnen kann, heute eine Fake News und Rumpelstilzchen könnte heute als Dienstleitungsunternehmer durchgehen.

Doch wer sind die Märchenretter? Diese etwas altmodischen, skurrilen Figuren werden von den Darstellern des Heyoka-Theaters verkörpert und befinden sich bereits auf der Bühne, als das Theater beginnt. Die von Mona Hapke nostalgisch gestaltete Szenerie lässt Einblicke in die antiken Geschäfte und Werkstätten der Märchenretter zu, die sich in allen Belangen um Märchen kümmern. Es gibt etwa eine Kostüm-Schneiderin, einen Archivar und eine Frau, die alte Märchenpuppen repariert.

In dem Stück sollen die Märchenretter „Rumpelstilzchen“ retten, so die Bitte von zwei aufgeregten Schülern, überzeugend gespielt von Eva Uhlig und Lenny Nusser, die mit ihrer Schulklasse gerade dieses Märchen ein­üben. So beginnt die Rettungs­aktion: Die Schüler spielen Szene für Szene, verändern die Dialoge, diskutieren darüber und spielen somit eigentlich sich selbst: Theater im Theater.

Manches wirkt witzig, etwa wenn der Müller (Luca Stephainski) sagt, „meine Tochter kann Stroh zu Gold spinnen“, und der König (Yigit Düzen) antwortet: „So, und warum habt ihr dann keins?“ Einige Szenen sind rührend, wenn sich die Märchenretter in das Spiel der Schüler einmischen und mit persönlichen Monologen zu Themen wie Habgier, Lüge oder Glück ins Rampenlicht treten. Düster wird das Stück, wenn die Märchenretter im Dunkeln Wortfetzen rufen wie „Heute back‘ ich, morgen brau‘ ich, übermorgen hol‘ ich der Königin ihr Kind.“

Schließlich übernehmen die Märchenretter selbst das Spiel und ein ausdrucksstarker Georg Metzenrat die Rolle des Rumpelstilzchens. In seinem Monolog über Kinderlosigkeit kommentiert er die Szene, in der die Müllertochter ihr Kind abgeben soll: „Ein Königreich für ein Kind“, ruft er laut und verzweifelt. „Alles kann verloren gehen, aber doch nicht das eigene Kind!“

Und obwohl das Märchen mit dem dramatischen Tod des Rumpelstilzchens endet, ist es doch ein fröhlicher Schluss: Die Band spielt und die Darsteller singen und tanzen. Alle zusammen, jeder so, wie es ihm gefällt und wie er kann – was für eine schöne Vorstellung.

Die weiteren Aufführungen


Termine „Märchenretter/Rumpelstilzchen“ zeigen das integrative Theater Heyoka und die Schauspiel-AG der Montessori-Schule Neu-Ulm nochmals am kommenden Samstag, und am Dienstag, 20. Februar, jeweils 19.30 Uhr,  sowie am Mittwoch, 21. Februar, 11 Uhr, im Podium des Theaters.