Uni-Klinikum Pflege: „Du opferst dich auf, bis du umfällst“

Die sechsarmige Pflegerin  macht eigentlich alles  richtig, nur: Das Lächeln  müsste sie noch etwas üben.
Die sechsarmige Pflegerin macht eigentlich alles richtig, nur: Das Lächeln müsste sie noch etwas üben. © Foto: Michael Breyer/Die Linke
Ulm / Rudi Kübler 22.05.2018
Die Personaldecke am Uni-Klinikum ist auf Kante genäht, die Pflegerinnen und Pfleger rotieren. Ein Zustandsbericht.

Ob Jens Spahn bei ihr vorbeischaut – zu Kaffee und Kuchen? So wie neulich, als der Gesundheitsminister medienwirksam bei einer Hartz 4-Empfängerin aufkreuzte. Davor graut Jana Langer. „Bloß nicht.“ Die OP-Fachkrankenschwester legt keinen gesteigerten Wert auf den Besuch des Politikers, sie hat den Hals voll. Die Unzufriedenheit über die Pflegesituation in den Kliniken potenziere sich, nicht nur bei ihr, sondern bei vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen. Aber das ist ja nichts Neues. Das Gesundheitssystem krankt, vor allem die Pflege ist am Ende. Dass eine umfassende Reform unerlässlich ist, hatte Langer bereits vor einem Jahr der Kanzlerin geschrieben. Die Antwort blieb im Ungefähren. Jetzt also ein weiterer offener Brief – und zwar an den Neuen im Bundesgesundheitsministerium.


Akut würde es einfach auch reichen, wenn man überhaupt seinen Beruf so ausüben könnte, wie wir es gelernt haben. Und dafür benötigen wir eigentlich nur Zeit, Zeit für die Patienten und deren Bedürfnisse, Zeit um handeln zu können, um Trost zu spenden ... Unsere Arbeit hingegen verkommt zu einer nutzlosen Hetzerei, das bekommen die Patienten tagtäglich zu spüren.

Jana Langer, seit acht Jahren auch Personalrätin am Klinikum, wagt sich aus der Deckung. Andere nicht. Verständlicherweise. Sie haben Angst vor Repressionen. Aber allein, dass das „Bodenpersonal“, das immer klaglos funktioniert hat, nicht mehr schweigt, spricht Bände. Dabei wollen die Pflegerinnen und Pfleger nur eines: „Unseren Beruf menschenwürdig ausüben. Dann kannst du mit einem guten Gefühl heimgehen“, sagt eine Fachkraft, die seit mehr als zwei Jahrzehnten am Klinikum arbeitet. Eine Kollegin spricht von einem grundlegenden Problem: „Wir schaufeln Überstunden an, weil wir Löcher stopfen müssen. Das ist Dauerzustand, da wird permanent jongliert, statt Leute einzustellen.“

Albert-Einstein-Allee 29, 3. Stock. Silvia Cohnen sitzt in ihrem Büro. Sie wirkt aufgeräumt, selbst bei hartnäckigem Nachfragen bleibt die Pflegedirektorin des Klinikums unverbindlich-freundlich. Dennoch wird sie an diesem Nachmittag nicht nur einmal den Satz sagen, der einem zu denken gibt: „Ich bin nicht nach Ulm gekommen, um die Menschen zu quälen.“ Sie ist eloquent – meist. Wenn es darum geht, wie viele Pflegestellen das Klinikum 2017 zusätzlich eingerichtet hat, hält sie sich bedeckt: „Ich sage Ihnen nicht die Zahl.“ 20, 40, 60? Nein, keine Zahl, aber die Entwicklung gehe nach oben, „wir wollen bewusst in die Pflege investieren“. Die Frage, warum man bei einer bewussten Investition nicht die Zahl nennen kann, bleibt im Raum stehen. Und wenn sie sich vom Kaufmännischen Direktor Dr. Joachim Stumpp Pflegekräfte wünschen dürfte? Cohnen blickt leicht indigniert, ihre Miene sagt: Zahlen kommen mir nicht über die Lippen, „die Zahlen sind bedarfsorientiert“.

Ja, der Bedarf. „Wir haben keine validen Zahlen.“ Die Personalratsvorsitzende Doris Gubler-Rehbock klagt seit Jahren über fehlende Transparenz von Seiten des Vorstands. In einer E-Mail Ende 2017 an die damalige Vorsitzende des Aufsichtsrats Dr. Simone Schwanitz – sie wurde kurz darauf von Ulrich Steinbach abgelöst – machte der Personalrat auf den akuten Notstand im Pflegebereich aufmerksam. In dem Dokument, das der Redaktion vorliegt, wird Bezug genommen auf eine Infoveranstaltung des Klinikumsvorstands, in der die Pflegedirektorin behauptet habe, dass es in 2017 einen Zuwachs von 50 Vollkräften geben und ein Unterstützungspool mit 68 Vollkräften umgesetzt worden sei. Von Personalengpässen war nicht die Rede. Nach unseren Informationen sind nach wie vor viele Stellen in der Chirurgie, in den Kliniken für Innere Medizin und vermutlich auch in den anderen Kliniken unbesetzt. Wie passt dies mit den Ausführungen der Pflegedirektorin zusammen?

Von den 118 Vollkräften, die die Pflegedirektorin für 2017 in Aussicht gestellt haben soll, ist nicht viel zu sehen – trotz Cohnens wortreicher Beteuerung, „im tiefsten Herzen“ die Pflege stärken zu wollen. Indes rackern sich die Pflegerinnen und Pfleger ab, „opfern sich auf für die Patienten, die vor einem liegen und sonst nicht versorgt werden. Also rennst du, bis du irgendwann selber umfällst und krank bist“, sagt eine Krankenschwester, die ebenfalls seit fast 30 Jahren am Klinikum arbeitet und bessere Zeiten gesehen hat. Die Pflege heute stehe unter Maximalstress, weil die Personaldecke auf Kante genäht sei.

Silvia Cohnen spricht am liebsten über gute und wertvolle Pflege, über Wertschätzung, über Vertrauen. Und überhaupt: Es solle so gepflegt werden, „wie ich gepflegt werden will“. Dass es Bereiche gibt, „in denen wir besser werden müssen“, räumt sie zerknirscht ein. An Kritik will sich die Pflegedirektorin allerdings nicht lange aufhalten, ihr Berufsstand – sie hat als Krankenschwester angefangen und später ein Studium der Pflegewissenschaft draufgesattelt – werde oft schlechtgeredet. „Mir tut das körperlich weh.“ Sie hingegen ist stolz auf das, was hier geleistet werde. „Ich denke, wir machen eine gute Pflege.“ Das könne man auch am Klinik-Ranking des Magazins Focus sehen, „sonst wäre das Klinikum Ulm nicht unter 1000 Krankenhäusern auf Rang drei, was Patientenzufriedenheit angeht“.

Die Pflege ist gut, die Pflege ist gut. Mantraartig wiederholt Cohnen ihr Credo. Manchen an der Basis – das sind rund 1500 Mitarbeiter im Pflegedienst, wie der  Homepage des Klinikums zu entnehmen ist – kommt dies einer Art Gesundbeten gleich. Zur ganzen Wahrheit gehört freilich, dass die Pflegedirektorin Ende 2017 eine Frühschicht mit fünf Pflegekräften aus der Inneren Medizin abgezogen hat, um den Engpass in der Chirurgie zu überbrücken. Ein solcher Umgang mit Mitarbeitern sei respektlos und führe zu Ängsten, schreibt der Personalrat an den Aufsichtsrat. Die Pflegedirektorin zeigt sich auf Nachfrage unangenehm berührt, das solle nicht wieder vorkoemmen. „Das war eine einmalige Sache. Wir mussten reagieren auf Krankheiten und Schwangerschaften.“

Wenn wir nachts allein bis zu 30 Patienten zu versorgen haben, ist es zum Teil gefährliche Pflege. Infolge des demographischen Wandels sind viele Patienten kränker als früher. Die haben so viele Nebendiagnosen, das sind Schwerkranke. Früher gab es auch immer wieder Engpässe. Aber dann gab es einen Aufnahmestopp. Dann sind Betten geschlossen worden. Oder sogar eine Abteilung. Aber heute heißt es: Auslastung um jeden Preis. Vor allem in der Chirurgie ist ein Aufnahmestopp kein Thema mehr. Das ist so ein enormer finanzieller Verlust für die Klinik, wenn die Chirurgen nicht operieren können. Wir sollen mit weniger Leuten immermehr leisten. Man appelliert dann an unseren Mutter-Teresa-Instinkt.

Aber welche Schwester am Uni-Klinikum will schon heiliggesprochen werden? Nichtsdestotrotz dürfte die Diagnose zutreffen, dass, wie eine Pflegerin sagt, die Krankenschwestern „eine besondere Spezies“ sind. „Sie versuchen den Laden am Laufen zu halten. Aber sie gehen nicht auf die Barrikaden.“ Wenn es ganz dicke kommt, schreiben sie so genannte Überlastungsanzeigen nach § 16 des Arbeitsschutzgesetzes. „Die Beschäftigten haben dem Arbeitgeber oder dem zuständigen Vorgesetzten jede von ihnen festgestellte unmittelbare erhebliche Gefahr für die Sicherheit und Gesundheit ... unverzüglich zu melden.“

54 Anzeigen sind 2017 eingegangen, in diesem Jahr sind es auch schon wieder 20. Ob Innere Medizin oder Chirurgie – manche Stationen sind permanent unterbesetzt. Fällt in einer Schicht nur eine Pflegekraft zusätzlich aus, rotiert der Rest. Ein Beispiel: Besetzung Dienstplan Soll: drei examinierte Pflegekräfte und zwei Hilfskräfte, Dienstplan Ist: zwei examinierte Fachkräfte und eine Hilfskraft. Und in den Betten? 30 Patienten, demente, teilweise bettflüchtige Patienten, inkontinente Patienten, Patienten mit Drainagen, Patienten, die einen erhöhten Überwachungsaufwand benötigen und und und. Wenn zusätzlich noch nach den Schwestern geklingelt wird, dann ist ganz einfach: Land unter.

Was aus den Gefährdungsanzeigen folgt? Der Personalrat schreibt sich in schöner Regelmäßigkeit die Finger wund. Briefe an den Vorstand, Briefe an den Aufsichtsrat. Allein: Konsequenzen scheint es nicht zu geben. Auch nicht, wenn das Gremium auf unwürdigste Zustände auf manchen Stationen hinweist. In einem dieser Schreiben heißt es: Die Menschenwürde sei berührt gewesen, weil unter anderem Patienten über längere Zeiträume nicht haben versorgt werden können oder keine Zeit gewesen sei, Verstorbene zeitnah zu versorgen. „Die Mitarbeiter können unter diesen Bedingungen die Verantwortung für möglicherweise auftretende Pflegefehler und Mängel in der Patientenversorgung nicht übernehmen. Vorliegend geht es um eine langfristig bestehende und absehbare riskante Ver­­knappung der Personalausstattung.“

Es ist daher nicht verwunderlich, dass qualifizierte Fachkräfte das Klinikum verlassen, verlassen wollen beziehungsweise über einen Arbeitsplatzwechsel nachdenken. Dies wird zwangsläufig Auswirkungen auf die Krankenversorgung und damit auch die wirtschaftliche Lage des Klinikums haben. Der hauptamtliche Klinikumsvorstand hat bisher offensichtlich wenig geeignete Mittel angewandt,um die seit langem bestehen-den Probleme zu lösen.

Irgendwann im Gespräch ringt sich Silvia Cohnen zu einer Zahl durch. 17 Pflegestellen für einen 30-köpfigen Springer-Pool seien besetzt worden. Mindestens 100 Stellen aber würden laut Personalrat benötigt – unabhängig vom Pool. Und auf der Homepage des Klinikums? Werden fünf Stellen im Pflegedienst angeboten. Wichtig ist Cohnen noch: „Der ganze Unmut am Klinikum lässt sich ja systemisch begründen.“

Was ist systemisch, was hausgemacht? Hilde Mattheis macht eine gefährliche Gemengelage aus. Zum einen die zunehmende Ökonomisierung im Gesundheitswesen, „da hadere ich sehr mit meiner Partei“, sagte die Ulmer SPD-Bundestagsabgeordnete. Die früheren Tagessätze seien zwar nicht das Gelbe vom Ei gewesen; aber das 2003/04 eingeführte DRG-System, das pauschalierte Abrechnungsverfahren nach diagnosebezogenen Fallgruppen, hätte die Politik nach einer Testphase reformieren müssen. Denn das System setze falsche Anreize: Je mehr operiert wird, desto besser lässt sich der Krankenhausbetrieb finanzieren. „Kliniken werden Durchschleußsysteme. Sie werden wie Unternehmen geführt, mit dem Ziel der Gewinnmaximierung. Dabei sollten sie Einrichtungen der Daseinsvorsorge sein.“ Zum anderen: Die Verschuldung des Klinikums infolge des Chirurgie-Neubaus habe dazu geführt, dass die Pflege abgebaut wurde. In Pflege zu investieren, sei nicht lukrativ, weder in Ulm noch anderswo. Mattheis: „Wir bräuchten neben der DRG-Fallpauschale eine Pflegepauschale.“

Vielleicht heißt es ja künftig: „Wir haben heute Hüften im Angebot. Wenn Sie zwei nehmen, kriegen Sie die dritte gratis.“ Als Prof. Doris Henne-Bruns neulich bei einem Vortrag am Uni-Klinikum dieses Beispiel bringt, bleibt den Zuhörern das Lachen im Hals stecken. Wobei die Ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemein- und Viszeral­chirurgie eines betont: Auch sie befürwortet Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit. Kritisch sieht sie jedoch die aktuelle Situation: Im Wettbewerb untereinander rüsten die Kliniken technisch hoch. Die Kosten können nur durch die Steigerung der Fallzahlen gedeckt werden. Sprich: Wer bei drei nicht auf dem Baum ist, wird operiert. Der ökonomische Druck schaffe Fehlanreize, zitiert Henne-Bruns das Deutsche Ärzteblatt und bringt die Absurdität der Gewinnmaximierung im Gesundheitswesen auf den Punkt: „Fragen Sie nach dem Profit bei der Feuerwehr?“

Einer, der viel Kontakt mit Pflegekräften des Klinikums hat, ist Michael Brugger. Unterbesetzte Stationen, Fachkräfte, die physisch und psychisch am Rande sind, kein wertschätzender Umgang –  der katholische Betriebsseelsorger kennt die Klagen. Dass er gemeinsam mit seinen evangelischen Kollegen ein politisches Morgengebet zum Tag der Arbeit im Münster veranstaltet hat, kommt also nicht von ungefähr. Der Titel: „Wer desinfiziert seine Hände in Unschuld?“

Jana Langer sprach unter anderem ein paar Sätze, Berührendes zum Pflegenotstand im Allgemeinen. Zum besonderen Pflegenotstand am Uni-Klinikum nimmt sie keine Stellung – aus gutem Grund: Wie aus Personalratskreisen zu hören ist, plane die Verwaltung, die OP-Schwester abzumahnen. Der Grund: Durch ihre Auftritte in der Öffentlichkeit oder bei Facebook entstehe der Eindruck, Langer ziehe mit ihrer Kritik am Gesundheitssystem auch das Uni-Klinikum in den Schmutz. Klar, Jana Langer legt den Finger in die Wunde, ist dem Vorstand ein Dorn im Auge. „Deshalb darf sie aber nicht beruflich benachteiligt werden“, sagt Brugger. Er hat eine Patenschaft für die OP-Schwester übernommen, damit sie nicht allein steht. Für andere im Klinikum ein Signal: „Setzt euch ein, es soll nicht zu eurem Nachteil sein!“

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