Ballett „Dornröschen“: Kein Spitzentanz, aber Spitze

Ulm / Jürgen Kanold 24.02.2018

Dass am „Schwanensee“ auch eine kleine Tänzer-Population leben und eine nur zehnköpfigen Compagnie großen Tanz bieten kann, das zeigte Roberto Scafati vor zwei Jahren sehr erfolgreich. Jetzt hat sich der Italiener für seine letzte Ulmer Premiere den nächsten Klassiker von Tschaikowsky/Petipa vorgenommen: „Dornröschen“. Auch diesmal lässt der Ballett-Hit zwar klassische Federn, aber das Publikum verfällt in keinen hundertjährigen Schlaf. Im Gegenteil: Ovationen am Ende. Und ein beginnender Trennungsschmerz, wechselt Scafati doch nach der Spielzeit mit den meisten seiner Tänzerinnen und Tänzer an das Theater nach Trier.

Um nur mal die Dimensionen anzudeuten: Beim Stuttgarter Ballett dauert die „Dornröschen“-Inszenierung von Marcia Haydée im Praliné-bunten Bühnenbild Jürgen Roses dreieinhalb Stunden mit zwei Pausen! Es ist Spitzen­tanz und Tanz auf Spitze mit zahlreichen Solisten, die ihre Körperbeherrschung  demonstrieren; es ist das Ballett-Museum des zaristischen Klassizismus mit pompösem Corps de ballet und brillanten Divertissement-Nummernfolgen. Also wenn „Dornröschen“ ein „Rückblick auf das Ritual am Hofe des Sonnenkönigs und die Vorahnung der Verführungen Hollywoods“ ist, wie Horst Koegler einmal schrieb: voilà.

Ein Spaß in 100 Minuten

Das kann, das muss in Ulm nicht sein. Scafati geht – in gerade mal 100 sehr kurzweiligen Minuten – noch einen Schritt weiter: Er ironisiert mit seinem Slapstick-Humor das klassische Ballett. Wie endet die böse Fee Carabosse? Sie stopft sich aus Frust händeweise Spaghetti in den Mund und wächst zu unmäßiger Körperfülle: bestraft zur Anti-Grazie. Carabosse  (hervorragend: Beatrice Panero) freilich handelt in dieser „Dornröschen“-Version nicht deshalb so fies, weil sie nicht zur Taufe von Prinzessin Aurora eingeladen worden ist; und eine Spindel, die piekst, versteckt sie auch nicht im Rosenstrauß, sondern sie schenkt vergifteten Sekt aus, was nur der künftige Prinz (Bogdan Muresan) merkt, aber nicht verhindern kann . . .

Scafati erzählt zum Beispiel eine Eifersuchtsgeschichte: Carabosse wäre auch gerne Königin geworden, wird aber von einer Rivalin, der späteren Mutter (Chiara Rontini) Auroras, ausgestochen. Jetzt rächt sie sich: nicht zuletzt dadurch, dass sie dem König (Alessio Pirrone) vor der Pause die Hose herunterzieht und ihn lächerlich dastehen lässt.

Die Italiener und ihre geherzten Bambini, das ist ein liebevoll gepflegtes Klischee: Scafatis „Dornröschen“ bietet auch die Geschichte eines tanzenden „Pubertiers“, wie Jan Weiler sagen würde. Nach schwerer Geburt also wächst Aurora heran, und zum berühmten Walzer spazieren die stolzen Königseltern zunächst mit ihrem kleinen Mädchen, das einen Puppenwagen schiebt, über die Bühne. Dann verwandelt sich Aurora in eine zickige, aufbegehrende Göre (Ceren Yavan-Wagner), die ihre Eltern in die Verzweiflung treibt. Der märchenhafte Schlaf des Dornröschens? Marianne Hollensteins Bühne kommt fast ohne Dekor aus, ein Riesen-Thron dient als Requisit, Blätter fallen – nur eine Rose blüht schön im Hintergrund auf und bettet schließlich im Sinne der guten Fee (Yuka Kawazu) die ins Koma gefallene Aurora.

Wer wird sie wecken?  Ein Prinz nach dem anderen versucht das küssend. Nur taumelt Aurora immer wieder müde zu Boden, bis der Richtige kommt. So gelingen Scafati pointierte, lustige Szenen. Dabei vergisst er nicht, genau auf die Musik hörend, den Tanz: vom ausdrucksvollen Pas de deux bis zu mitreißenden, tempogeladenen Ensembles (etwa des virtuosen Prinzen-Trios Daniel Perin, Damien Nazabal und Giorgio Strano) – ganz ohne Spitzentanz.

Es ist Roberto Scafati noch einmal umjubelt gelungen, einen Ballettklassiker für die Ulmer Verhältnisse aufzubereiten: frech, locker, aber auch tänzerisch gehaltvoll. Und dazu begeistert allemal das orchestrale, kompakte Best-of aus Tschaikowskys „Dornrös­chen“. Spätromantische Schwelgerei, von den Ulmer Philharmonikern unter Generalmusikdirektor Timo Handschuh kraftvoll, intensiv aufgeführt – so ist Ballett immer auch ein musikalisches Live-Erlebnis.

„Ciao, Roberto!“

Ausstellung Volker Sonntag, der in den 70er Jahren an der Stuttgarter Kunstakademie bei K.R.H. Sonderborg studierte, besucht seit 1994 die Proben im Ballettsaal des Theaters. Jetzt zeigt er seine emotional figurative Malerei, von der Energie und den Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer inspiriert,  im Theaterfoyer. „Ciao, Roberto!“ heißt die Ausstellung zu Ehren von Roberto Scafati, und sie illustriert nicht zuletzt die Ulmer Arbeit des Tänzers und Choreografen.

Aufführungen Außer Abonnement, also im freien Verkauf laufen die Aufführungen von Peter Tschaikowskys Ballett „Dornröschen“. Weitere Termine: morgen, Sonntag, 19 Uhr, sowie am 9. und 24. März, am 1., 7., 19. und 21. April, am 20. Mai und am 21. Mai und 28. Juni. Karten unter Telefon 0731/161-4444.