Lebensqualität Verein Leben in der Stadt: Lebensqualität und Vielfalt in Ulm

Jetzt sind die Stühle und Tische abgeräumt, der Judenhof ist ruhiger. Aber um Friedhofsruhe geht es Ursula Girmond und Martin Plenio nicht, sondern um eine lebenswerte Stadt.
Jetzt sind die Stühle und Tische abgeräumt, der Judenhof ist ruhiger. Aber um Friedhofsruhe geht es Ursula Girmond und Martin Plenio nicht, sondern um eine lebenswerte Stadt. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Rudi Kübler 17.11.2018
Ursula Girmond hat den Verein Leben in der Stadt mitgegründet, Prof. Martin Plenio stieß vor ein paar Jahren dazu. Wir sprachen mit ihnen über Probleme in der Innenstadt.

Wenn die Rede auf „Leise“ kommt, die Abkürzung des Vereins Leben in der Stadt, dann krampft Ursula Girmond (76) leicht. Das Kürzel sei zwar griffig, aber auch so etwas wie ein Fluch, sagt sie, die seit Jahren den Verein nach außen repräsentiert. Was auch nicht immer eine wahre Freude ist, denn bisweilen wird sie für ihre Haltung regelrecht angefeindet. „Die Abkürzung führt dazu, dass wir in der öffentlichen Wahrnehmung immer nur auf Friedhofsruhe, auf absolute Stille verkürzt werden. Darum geht es uns nicht, sondern um Lebensqualität und Vielfalt in der Stadt.“ Prof. Martin Plenio (50) gehört mittlerweile ebenso wie Ursula Girmond dem vierköpfigen Vorstand an. Der Quantenphysiker ist einiges gewohnt von seinem früheren Wohnort: London. Er, der nicht den Eindruck eines Vereinsmeiers macht, hat sich relativ schnell Girmond und Co. angeschlossen, weil er gemerkt hat: Hier läuft was schief. „Gut, dann tue ich auch was.“

Wie fühlt man sich als Spaßbremse der Eventgesellschaft?

Martin Plenio: Eigentlich fühle ich mich nicht als Spaßbremse. Ich gehe ja selber auch mal aus. Und wir wissen ja alle, wir wohnen in der Innenstadt, da ist natürlich auch ein bisschen was los und da gehen auch Leute durch die Straße. Das ist ja alles in Ordnung, und ich glaube das akzeptiert auch von uns eigentlich jeder.

Die Nachtruhe sollte eingehalten werden

Womit haben Sie Schwierigkeiten?

Plenio: Dass es halt immer länger in die Nacht reingeht und dass sich die Leute so verhalten, als würde hier niemand wohnen. Selbst nachts um zwei Uhr laufen manche Leute durch die Straßen und brüllen wie die Irren, so als wären sie allein auf der Welt. Oder sie erleichtern sich in Hauseingängen. Das muss ja nicht sein. Was wirklich aufstößt, ist dieses rücksichtslose oder gedankenlose Verhalten. Wenn sich die Leute draußen normal unterhalten, das stört niemanden. Schwierig wird’s, wenn rumgebrüllt wird und wenn’s über die vereinbarten Zeiten hinausgeht.

Hat sich das Problem in den letzten Jahren verschärft?

Plenio: Ja, ganz eindeutig. Als ich 2009 von London hierher gezogen bin, durfte draußen bis 22 Uhr bewirtet werden. Dann jammerten die Gastronomen, die Außenbewirtung wurde auf 23 Uhr verlängert. Natürlich nur einmalig, dafür müssten die Anwohner Verständnis aufbringen, hieß es. Und jetzt wird es 24 Uhr, Freitag, Samstag und an Donnerstagen vor Feiertagen. Aber das heißt nicht, dass die Leute dann sofort reingehen.

Ursula Girmond: Dann dauert es mindestens noch eine halbe Stunde, bis aufgeräumt ist, je nach Größe des Lokals. Dennoch gilt die Nachtruhe ab 22 Uhr.

Wie reagieren Sie?

Plenio: Ich versuche zunächst mal, mit den Wirten zu reden. Dann kriegt man die üblichen Sprüche wie: „ist mir egal“, „ich muss Geld verdienen“.

Girmond: Und wenn man sagt, „die Nachtruhe gilt trotzdem“, wird so getan, als ob man nichts versteht. Man stellt sich dumm.

Und dann?

Plenio: Dann ruft man beim Ordnungsamt an. Wenn sich nichts ändert, ruft man wieder und wieder an. Die Frage ist, wie lange man das aushält und durchhält. Letzten Endes helfen bei den harten Fällen nur Anzeigen.

Fühlen Sie sich von der Stadt alleingelassen?

Girmond: Ja, die Stadt müsste öfter kontrollieren. Sie ist zuständig – und nicht die Polizei ...

Plenio: ... aber die Polizei wird schon deutlich ernster genommen als ein kommunaler Ordnungsdienst. Der sagt vielleicht etwas, dann wird gelächelt und nach zehn Minuten geht’s weiter.

Girmond: Du kommst dir nicht ernst genommen vor. Das ist das Schlimme als Bewohner. Also ich meine, mich nehmen sie inzwischen wahrscheinlich einigermaßen ernst – und Martin Plenio auch.

Müsste man wieder auf 22 Uhr zurückgehen?

Plenio: Ich glaube das ist unrealistisch. 22 Uhr ist tatsächlich ein bisschen früh, aber 23 Uhr müsste möglich sein. Aber ehrlich gesagt, ein Zurück wird es wohl nicht mehr geben. Umso wichtiger ist es, dass es nicht noch länger wird.

Girmond: Ich würde vorschlagen, dass man die Gastwirte vielleicht dazu bewegt, auf ihre Tische ein kleines Kärtchen „Bitte nehmen sie Rücksicht auf unsere Mitbewohner“ oder irgend so was, einen netten Spruch eben, zu stellen. Die Ulmer City Marketing hat das abgelehnt, die vertritt ja auch die Wirte.

Plenio: In England steht ein solches Schild in jedem Pub. Das hilft auch nicht immer, aber man könnte es zumindest mal probieren.

Girmond: Im Grunde genommen wird die Innenstadt langsam unbewohnbar. Die Innenstadt ist nicht familienfreundlich, sie ist nicht mehr lebenswert. Das kann es ja eigentlich nicht sein.

Ulm soll attraktiv bleiben

Wie meinen Sie das?

Girmond: Die Innenstadt sollte so beschaffen sein, dass auch Familien hier wohnen können. Das würde ich mir wirklich dringend wünschen, die Struktur hat sich in den vergangenen Jahren sehr geändert.

Plenio: Früher gab‘s noch viel mehr kleine Läden. Die Läden machen zu, werden ersetzt durch Kneipen oder Restaurantketten. Genau die gleichen Ketten, die es überall auch sonst gibt. Letzten Endes ist da ein Prozess im Gange, der die Innenstadt so verändert, bis Ulm so aussieht wie jede andere Innenstadt. Dann braucht man sich auch nicht mehr wundern, wenn die Leute tatsächlich nur noch im Internet einkaufen. Ich meine, das Einzige, was man nicht im Internet bekommen kann, sind die Sachen, die die kleinen, interessanten Läden haben. Wollen wir wirklich, dass die Ulmer Innenstadt am Ende nur noch dafür bekannt ist, dass man dort viel saufen kann, oder wollen wir eine vielfältige Innenstadt? Hier geht etwas verloren, was schwer wieder herzustellen ist. Und das ist einfach bedauerlich.

Burger statt Bücher?

Girmond: Klar, Läden raus, Gaststätten rein. Da sind natürlich auch die Hausbesitzer mit schuld, das muss man auch sagen. Das sind überwiegend Leute, die hier nicht mehr wohnen, denen ist vollkommen wurscht, was hier passiert. Dann werden die Mieten hochgeschraubt, und so ein kleiner Laden kann das nicht finanzieren.

Die Stadt könnte ja eigentlich dagegen steuern, wenn sie das als Problem erkennt.

Girmond: Man könnte beispielsweise die Außenbewirtung begrenzen. Oder die Kosten dafür erhöhen. Bei der Außenbewirtung drängt sich sowieso der Eindruck auf, dass der ein oder andere Narrenrecht hat.

Plenio: Ich bezweifle, dass das Problembewusstsein vorhanden ist. Die Mitglieder des Gemeinderats, die Bürgermeister wohnen mehrheitlich nicht in der Innenstadt.

Was sagen Sie denn zu der Idee der FWG-Fraktionsspitze um Helga Malischewski, als neue Attraktion den Hamburger Fischmarkt nach Ulm zu holen? Es ist ja eigentlich zu wenig los in der Stadt ...

Girmond: Nach der Fußball-WM kommt der Kleinbrauermarkt, der Streetfood Market, gefolgt vom Weinfest, vom kleinen und großen Einstein-Marathon. Dann wird getrommelt, wenn du das den ganzen Tag lang hörst, wirst du wahnsinnig. Im Juni gab es praktisch kein Wochenende, an dem nichts los war. Ich sehe ja ein, dass die Stadt Veranstaltungen hat, das ist ja völlig in Ordnung. Schwörmontag auch. Aber es gibt einfach viel zu viele Veranstaltungen – und die Stadt reagiert nicht konsequent. Da muss man sich eben jeden Abend zeigen und sagen: ,Die Musik wird jetzt ausgemacht, ihr macht jetzt zu und ihr räumt geräuschlos ab’.

Aber eine Veranstaltung wie der Rosenmarkt stellt ja wohl kein Problem dar?

Girmond: Wenn Märkte stattfinden, der Antikmarkt oder der Rosenmarkt zum Beispiel, das ist in Ordnung. Oder wenn andere Händler kommen, stört das überhaupt nicht. Das Schlimme sind die alkoholhaltigen Geschichten.

Braucht eine Stadt permanent Attraktionen?

Plenio: Das hängt von den Attraktionen ab und für wen man attraktiv sein will. Lange Zeit ging es auf Mallorca auch immer in die Richtung: mehr trinken, mehr Ketten und so weiter. Siehe Ballermann. Inzwischen merken sie dort, dass die Besucher, die man haben will, nicht mehr kommen. Jetzt wird, sehr spät, gegengesteuert. Die einheimische Bevölkerung verdient da nämlich nichts dran.

Sie müssen ständig hinterher sein ....

Girmond: ... ja, von sich aus macht die Stadt nichts. Unser Eindruck ist: Man lässt zunächst mal alles laufen, und wenn es keinen Knatsch gibt, dann läuft es weiter.

Plenio: Das ist eine gute Strategie für die Stadt. Bis sich nämlich jemand organisiert und dagegen vorgeht, da geht einige Zeit ins Land.

Gilt das für den Lärmschutz auch?

Girmond: Der Lärm, der von den Posern ausgeht, ist enorm. Für Anwohner der Frauenstraße, Olgastraße oder auch König-Wilhelm-Straße ist das schon eine Belästigung. Im Grunde genommen müsste man die ganze Stadt mit Tempo 30 belegen.Plenio: Und es auch durchsetzen.

Girmond: Das für uns Wichtigste war, dass die Umweltzone umgesetzt wurde und Lärmschutzwände errichtet wurden – nach etlichen Diskussionen und Besichtigungen vor Ort. Da hieß es plötzlich: „Ja, da muss man unbedingt was machen“ oder „Das ist ja nicht auszuhalten“. Dann war Ruhe im Karton. Mit der Karlstraße verhielt es sich genauso. Du musst immer Druck machen. Viele Leute resignieren und, wenn sie können, ziehen sie weg.

Aber in der Frauenstraße hat die Stadt ja Tempo 30 eingeführt, und dann wurde eine Petition dagegen eingereicht ...

Girmond: ... ja, da greift man sich an den Kopf. Das sind Leute, die gar nicht hier wohnen, sondern einfach mit 50km/h durch die Stadt rauschen wollen.

Plenio: Als Schlusswort möchte ich dennoch anfügen, auch wenn wir hier schimpfen: Ulm ist immer noch eine schöne und recht attraktive Stadt und hat auch viele anständige Wirte. Unser Ziel aber muss sein, dass Ulm seinen Charakter behält und für alle attraktiv bleibt.

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