Porträt „Die Projekte gehen mir nicht aus“

Historiker und Musiker:  Thomas Müller.
Historiker und Musiker: Thomas Müller. © Foto: Burkhard Schäfer
Ulm / Burkhard Schäfer 26.07.2018

Der Blick aus den Fenstern des Schwörhauses, in dessen oberster Etage Thomas Müller residiert, könnte kaum ulmischer sein. Die Stadt liegt ihm bei der Arbeit regelrecht zu Füßen. Vor genau 20 Jahren kam der studierte Historiker nach Ulm. „Hier habe ich dann die Fäden meiner zwei Hauptleidenschaften, Geschichte und Musik, zusammengeknüpft.“ Sechs Jahre später gründete Müller das nach dem Ulmer Münsterorganisten und Musikdirektor Sebastian Anton Scherer benannte Ensemble.

In den 14 Jahren seines Bestehens haben Müller und seine Mitstreiter Ulmer Musikgeschichte geschrieben, besser gesagt: aufgeschrieben und zugänglich gemacht. „Am Anfang war es schwer, Musikalien zu finden“, sagt Müller. Mittlerweile stößt er in ganz Europa auf Ulmer Spuren, „und selbst aus den USA habe ich schon Noten bekommen.“ Der Lehrer korrespondiert mit Erben von Komponisten, die auf der ganzen Welt verstreut leben, stöbert sogar im Urlaub noch in Archiven, Museen und Bibliotheken herum, um Schätze zu bergen.

Aus der Begeisterung für seine Wahlheimat macht Müller dabei keinen Hehl: „Ulm ist eine tolle Stadt, ich bin hier hervorragend vernetzt. Dank der reichsstädtischen Tradition ist viel kunst- und musikhistorisches Material vorhanden.“ Der andere Grund sei ganz banal: „Alles kann ich hier mit dem Fahrrad machen. Ich liebe es, durch die Stadt zu gehen und Leute zu kennen.“

Dann wird der Trüffelsucher nachdenklich. „Ich bin ja nur ein kleiner Müller, habe keine Kirchen- oder Theatermusikerstelle, bin Privatmann, als Musiker leidlich versiert und kann hier in Ulm sehr ansprechende Dinge tun.“ In Städten wie München, da ist sich Müller sicher, würde er mit seinem Projekt untergehen. „Da hätten sich schon längst Musikwissenschaftler des Themas angenommen. Das alles gibt es in Ulm nicht, und so kann ich das dann kompensieren.“

Wie geht es weiter mit dem (überhaupt nicht) „kleinen Müller“, dem Ulm schon so viel zu verdanken hat? „Es gibt so viel Material, dass mir die Projekte nicht ausgehen. Ich grabe ja nicht nur in der Vergangenheit herum, sondern stehe auch mit Gegenwartskomponisten in Kontakt, kümmere mich um die Nachlässe von Ulmer Musikern, begreife Dinge nie als abgeschlossen.“ Und dann sagt er einen echten Müller-Satz: „Jeder, der heute in Ulm Kirchenmusiker ist, wird vielleicht in hundert Jahren von Freaks wie mir erforscht.“ Man kann es nur hoffen.

Info Am Sonntag, 20.15 Uhr, führt das Scherer-Ensemble in der Wengenkirche Werke aus der anonymen Ulmer Notenhandschrift von 1786 sowie Lieder von Beethoven, Homilius, Mozart und anderen auf.

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