Sommer-Interview Hundetrainer: „Die potenzielle Gefahr einfach ignorieren“

Ulm / Carolin Stüwe 20.08.2018
Die Hundetrainer Ralf Peßmann und Martin Döhler arbeiten mit schwierigen Vierbeinern aus dem Ulmer Tierheim.

Ralf Peßmann leitet das Tierheim für Ulm, Neu-Ulm und Umgebung, arbeitet als Trainer mit den schwer vermittelbaren Hunden und begleitet die neuen Besitzer so lange wie nötig beim Gassigehen dort im Örlinger Tal. Der private Ulmer Hunde-Coach Martin Döhler war zwei Jahre bei TV-Hundeexperte Martin Rütter in der Lehre, er berät Peßmann und kümmert sich bei Bedarf um die neuen Mensch-Hund-Paare, häufig noch bei diesen zu Hause.

Wie definieren Sie Mut?

Martin Döhler: Man muss sich mit den Besonderheiten und individuellen Herausforderungen auseinandersetzen und sie verstehen wollen. Und es ist durchaus mutig, sich überhaupt mit schwierigen Hunden abzugeben, weil ein Restrisiko nicht auszuschließen ist.

Ralf Peßmann: Genau, man muss ein Wagnis eingehen. Somit ist Mut im Grunde die Bereitschaft, sich auf vorher nicht Kalkulierbares einzulassen.

Haben Sie dabei Angst?

Döhler: Vor dem ersten Training mit besonderen Hunden habe ich immer einen gesunden Respekt und überlege mir genau die Herangehensweise. Denn der Eigenschutz steht grundsätzlich im Vordergrund.

Peßmann: Ein Beispiel aus der Praxis: Ich habe meist einen der anspruchsvollen Hunde bei mir im Büro. Er sitzt hinter mir angebunden auf einer Decke. Aber: Als einer zum ersten Mal ein Spielzeug bekam und ich noch nicht wusste, wie sehr er dies verteidigen würde, blieb mir nur noch, über meinen Schreibtisch zu hechten. (Er lacht.)

Wie gehen Sie beim Training vor?

Peßmann: In gut ausgearbeiteten Teilschritten reflektiere ich jeweils, wann hat es gut geklappt, wann nicht. Diese Trainingsfort- oder -rückschritte werden dokumentiert, damit man sich mit dem zweiten Trainer jederzeit austauschen kann.

Wie zeigt man Mut vor dem Hund? Denn er merkt ja sofort, wenn jemand Angst hat. 

Peßmann: Mut und ein flaues Gefühl passen nicht zusammen.  Denn dann kann der Mut recht schnell umschwingen in eine unsichere Körpersprache und das geht schief. Deshalb muss man erst Vertrauen aufbauen . . .

Döhler:  . . . da kann es unter Umständen sein, dass man zunächst vier Wochen lang durch die Futterluke mit dem Hund Ball spielt, bevor man ihn aus dem Zwinger holt. Aber inzwischen ist dieses Tier in beste Hände vermittelt. 

Besserwisser-Hundebesitzer sind alle furchtbar mutig, oder?

Döhler:  (nickt heftig) Da passen die Begriffe Egozentrik, Selbstüberschätzung und Unbedarftheit. Das sind dann absolut die falschen Besitzer für schwierige Hunde.

Aber meist sind Sie beide Mutmacher bei verzweifelten Menschen?

Peßmann: Geht nicht, gibt’s bei uns nicht. Mit dem neuen Besitzer wird am jeweiligen Hund geübt bis zum Abwinken. Ich begleite ihn zur Not bei 30 Spaziergängen – so lange, bis es klappt. Die Zeit rechnet sich, damit der Hund nicht wieder im Tierheim landet.

Döhler: Wir geben dem neuen Halter und genauso anderen ratlosen Hundebesitzern Rückhalt, indem wir alle möglichen Situationen durchspielen und ihnen genau sagen, wie sie sich verhalten und worauf sie achten sollen.

Geben Sie den Lesern hier bitte auch ein paar Tipps?

Döhler: Eine gute Körpersprache ist beim ersten Kontakt ganz wesentlich. Nicht von oben auf den Hund fassen und nicht den Oberkörper vorbeugen, das wirkt auf manche Tiere bedrohend. Sondern mit aufrechtem, leicht abgewandtem Oberkörper in die Hocke gehen und auf Augenhöhe den Hund von der Seite am Hals streicheln, ohne ihm längere Zeit in die Augen zu schauen. Überhaupt sollten wir Menschen beim Training und der Herangehensweise an Hunde häufiger schon mit Teilschritten zufrieden sein.

Wie soll man sich als Passant verhalten, wenn ein fremder Hund auf einen zukommt?

Döhler: Auf keinen Fall zum Hund hinschauen, sondern in Ruhe einen Bogen um ihn machen, und ihn vor allem nicht beachten. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Denn: Wer Angst hat, schaut der Gefahr unwillkürlich ins Auge. Falsch wäre aber auch, Mut zeigen zu wollen und geradeaus auf den Hund zuzugehen. Das bedeutet für diesen ebenso Konfrontation. Deshalb sollte man den Mut aufbringen, die potenzielle Gefahr einfach zu ignorieren.

Peßmann: Jedes Erfolgserlebnis macht wieder Mut zu Neuem.

(Der Tierheimleiter hat in letzter Zeit etliche Kangals, große türkische Herdenschutzhunde, erzogen und vermittelt – aber nur an sehr erfahrene Hundehalter.)

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Zu den Personen

Ralf Peßmann Der 43-Jährige gelernte Grafiker ist seit zwei Jahren Betriebsleiter im Ulmer/Neu-Ulmer Tierheim und besucht als Spezialist für schwierige Hunde regelmäßig Lehrgänge. Er ist ledig, hat keine Kinder, jedoch viel Freude mit zwei eigenen, ehemaligen Tierheimhunden.

Martin Döhler Der Diplom-Pädagoge ist 39 Jahre alt, hat zwei Kinder, betreibt eine Hundeschule und berät das Tierheim. Er unterstützt nach einer Lehre beim TV-Hundetrainer Martin Rütter dessen Philosophie: Eine Mensch-Hund Beziehung basiert auf gegenseitigem Verständnis. Rütter kommt mit seiner Bühnenschau „Freispruch“ erst am 14. März 2020 wieder nach Neu-Ulm.

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