Ulm Musik: Vom Hi-Fi-Boom bis In-Ear-Kopfhörer

Ulm / Helmut Pusch 03.08.2018

Mehr Musik war nie. Im Bus, in der Bahn, auf der Straße, gefühlt trägt nahezu jeder unter 30 In-Ear-Kopfhörer. Neben Sportauspufftöpfen nerven die wummernden Bässe aus hochgezüchteten Auto-Stereoanlagen. Im Wartezimmer, im Kaufhaus, im Aufzug säuselt es. Die Ohren unter Druck. Die Amerikaner haben für diese musikalische Umweltverschmutzung einen eigenen Begriff: „Muzak“. Die Quantität erschlägt, die Qualität ist oft miserabel – auch klanglich. Musik ist für viele zur Geräuschkulisse geworden. Doch was hört man eigentlich – und vor allem in welcher Qualität?

Rückblende

„Sie haben eine Wohnung – eine Matratze haben Sie auch? Höchste Zeit für eine Stereoanlage.“ So warb 1978 ein Händler für Unterhaltungselektronik für seine Waren. Mehr als nur Werbung, ein Stück Zeitgeist. Deutschland rüstete auf – im Wohnzimmer mit Türmen, deren Innereien meist aus Japan von Sony, Pioneer, Kenwood und JVC kamen. Hi-Fi war plötzlich Pflicht, die Plattensammlung war vielen wichtiger als die Marke des Autos. Den ersten Versandhändler gab es auch schon: Zweitausendeins, der neben Büchern vor allem Platten vertrieb. Deutschland lernte neu hören.

Ulmer Hi-Fi-Experte

Einer, der sich an diese Zeiten gut erinnern kann, ist der Ulmer Reiner Kemper. Er arbeitet seit Mitte der 70er Jahre in der Unterhaltungslektronik-Branche, treibt in der Neuen Straße sein Hi-Fi-Studio Kemper um. Wobei beides untertrieben ist. Denn Kemper vertreibt nicht High-Fidelity, sondern Highend-Geräte, das Feinste vom Feinen. Und in seinen Geschäftsräumen findet der Musikliebhaber nicht nur ein Studio, sondern gleich fünf, die je nach Wunsch zum Probehören bestückt werden.

Was ist die tollste Anlage? Allein die Frage schon lässt Kemper zusammenzucken. „Es geht immer um die Kombination aus allem und darum, was der Kunde will. Was hört er am liebsten und wo? In welcher Raumakustik soll die Anlage stehen?“ Nur wenige der vielen Fragen, die der Hi-Fi-Fachmann zur Antwort gibt.  Bei ihm zählen zwar auch die technischen Daten, die Wattzahlen, die Frequenzgänge – aber eben nicht nur. „Wir schnüren am liebsten Komplettpakete. Anlagen, die aufeinander und auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten sind“, sagt Kemper. Es mache keinen Sinn in einem modernen Neubau aus Beton, Stahl und großen Glasflächen eine eher analytische klingende Anlage aufzustellen. „Dieser Klang nervt. Dort sollten die Komponenten etwas wärmer klingen.“

Preisspektrum

Wer kann sich das leisten? „Eigentlich alle“, sagt der 64-Jährige schmunzelnd. Ernstzunehmende Anlagen mit Plattenspieler, CD-Player, Verstärker und Boxen gebe es schon für 2000 Euro. Und was kosten die teuersten? „Das ist nach oben offen“, sagt Kemper. In einem seiner Studios steht denn auch eine Vorführanlage für rund 80 000 Euro.

Hört man den Unterschied? Den höre man sehr wohl, sagt Reiner Kemper. Zwei, drei Mal pro Jahr komme ein Lehrer, einer von Kempers Kunden, mit seinen Schülern vorbei, denen er zeigen will, dass es auch noch eine andere Hördimension als MP3-Downloads auf mittelmäßigen Kopfhörern gibt. Und? „80 Prozent der Kinder hören sehr wohl den Unterschied.“

Und die Erwachsenen? „Bei denen ist es ähnlich. Oft kommen Interessenten und wollen nur mal reinschauen. Und die meisten sind erst mal baff, wie Musik auch klingen kann. Die meisten kommen wieder“, erzählt Kemper. Tasten sich also an den möglichst perfekten Klang heran.

Verändertes Freizeitverhalten

Was ist da zwischen den Hi-Fi-begeisterten 70ern und heute schiefgelaufen? „Der Computer“, sagt Kemper. Der habe das Freizeitverhalten grundlegend verändert. „Die Leute haben heute viel mehr Möglichkeiten, ihre Freizeit zu gestalten. Musik hören ist nur eine davon.“ Und die gebe es heute auch noch in nahezu unüberschaubar vielen Qualitätsabstufungen, vom MP3-Download, über die CD, die wiederentdeckte Vinylplatte bis zum High Class Streaming aus dem Internet. Kempers Favoriten? Die Vinyl-Platte und das Streaming. „Die CD kann da nicht mithalten. Bei uns steht auch in jedem unserer Studios ein Plattenspieler.“

Plädoyer für Vinyl

Der klingt nicht nur am natürlichsten, ihm lauschen die Menschen auch am konzentriertesten, sagt Kemper. „Beim Streaming ist die Tonqualität auch extrem hoch, aber allein schon die Bedienung der App, mit der man den Streamer steuert, lenkt ab.“ Und: „Beim Streaming hört sich fast niemand ein Stück bis zum Ende an, springt irgendwann zum nächsten. Bei der Platte ist das nicht so, da muss man ja dafür aufstehen“, hat Kemper beobachtet. Wenn man so will: Werktreue durch Faulheit.

Und dann hat Kemper noch einen Tipp für Klanggourmets parat: „Es geht nicht nur um die Qualität der Anlage, es lohnt sich auch, an der Raumakustik zu arbeiten, etwa Raumrunder in den Ecken zu platzieren. „Die kosten nur ein paar Euro, bewirken aber echte Wunder.“ Was man auch hört.

Musik und Geräusch

Geschichten Ein Streichquartett spielt Beethoven – live oder auf Platte. Die Fantastischen Vier rappen im Stadion oder übers Autoradio. Schöne Sache. Aber da ist noch viel mehr Musik drin – oder auch nur Alltagsgeräusch. Schmuserock an der Fleischtheke, die „Ballade pour Adeline“ in der Warteschleife. Überall klingt irgendwas. Noch nie gab es so viel zu hören – aber oft ist das alles nur Begleitmusik im wahrsten Sinne. Das Kulturgut ist auch ein Gebrauchsartikel. Wir hören jetzt mal genauer hin, spitzen die Ohren: „Was man hört“ heißt unsere Sommerserie. Und wir fangen mit dem vermeintlich perfekten Klang an: ein Besuch im Hi-Fi-Laden. Was wird eigentlich im Tanzkurs, bei Beerdigungen oder im Fußballstadion gespielt oder gesungen? Wie beeinflusst die Musik unsere Wahrnehmung, wenn man mit dem Kopfhörer durch die Welt geht? Und viele andere Klänge.

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