Mitten im Ausbau des Straßenbahnnetzes haben die SWU Verkehr einen neuen Chef bekommen. Der gebürtige Darmstädter André Dillmann hat seine Stelle am 1. März angetreten und fühlt sich in seinem Arbeitsumfeld und in Ulm schon richtig angekommen.

Herr Dillmann, Sie haben Ihren neuen Job punktgenau mit der größten Baustelle, die es in Ulm seit Jahrzehnten gibt, angefangen. Gutes Timing oder schlechtes?

André Dillmann: Auch wenn es nicht so geplant war: Das Timing ist absolut gelungen! Nun erlebe ich den sehr deutlichen Fortschritt der Bauarbeiten an der Linie 2 mit.

Wie finden Sie den Ausbau des Straßenbahnnetzes?

Ich kann die Stadt nur beglückwünschen zu diesem Entschluss.

Warum?

Die Linie 1 ist unsere umsatzstärkste Linie mit 132.000 Fahrgästen pro Woche. Sie ist das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs. Diesen Erfolg wünsche ich mir auch für die Linie 2. Und ich bin ganz, ganz zuversichtlich, dass wir das erreichen. Die Streckenführung ist gut, und in der Innenstadt verdichtet sich durch die zweite Linie noch der Takt.

Fahren die Menschen einfach gern Straßenbahn?

Definitiv. Das Fahrverhalten ist ruhiger, das Platzangebot größer. Die Straßenbahn ist unschlagbar, wenn sie einen eigenen Bahnkörper hat und am Verkehr vorbeifahren kann.

In Darmstadt, wo Sie Betriebsleiter der Verkehrsbetriebe waren, gibt es neun Straßenbahnlinien. Werden es in Ulm auch bald noch mehr?

Jetzt machen wir erst einmal die Linie 2 fertig und bringen sie zu einem Erfolg. Auch zum Schutz der Bürger, die durch die Baustellen einiges ertragen müssen.

Sehen Sie denn Potenzial für weitere Linien?

Wenn die Stadt das wollte, wären die SWU sofort dabei mit ihrem Know-how. Man darf aber nicht vergessen: Es muss sich wirtschaftlich rechnen.

Eine Straßenbahnlinie zu bauen, ist sehr viel teurer, als Busse auf vorhandenen Straßen fahren zu lassen ...

Die Infrastrukturkosten werden dem jeweiligen Verkehrsmittel zugerechnet, ja. Doch auch Straßen müssen bezahlt werden, nur macht das die Allgemeinheit. Der Verkehr belastet aber viele Städte mit Lärm, Feinstaub und Stickoxiden. Eine Straßenbahn kann da eine wichtige Entlastungsrolle spielen.

Wie oft nutzen Sie eigentlich Straßenbahn und Bus?

So oft es geht. Ich bin dann ein ganz normaler Fahrgast. Es entlastet mich bei der Parkplatzsuche. Und die Linie 1 habe ich fast vor der Haustür.

Wie bringt man mehr Menschen zum Umstieg auf Busse und Bahnen?

Das Angebot hier empfinde ich schon als sehr gut. Man könnte noch über mehr Jobtickets nachdenken oder einen Ausbau des Park & Ride-Angebots.

Was sind denn die Stärken des Nahverkehrs in Ulm und Neu-Ulm?

Wir haben einen sehr guten, bedarfsorientierten Fahrplan. Durch den Netzplan sind die Stadtteile gut erschlossen...

...bis auf den Ulmer Süden, aus dem Klagen kommen.

Da sind wir dran!

Wie wichtig sind denn die Fahrzeuge, ihre Ausstattung, ihr Komfort?

Ganz wichtig. Der Fahrgast bezahlt für eine Leistung, er hat einen Anspruch. Busse und Straßenbahnen sollen sauber sein, pünktlich, in einem ordnungsgemäßen Zustand, relativ modern, der Fahrgast soll sich wohl fühlen. Die Fahrzeuge sind zusammen mit dem Personal die Visitenkarte der SWU. Das Infotainment ist wichtig, also Informationen, wie lang die Reisezeit ist, welche Anschlüsse es gibt, wann der nächste Bus kommt. Da sind die SWU schon sehr gut.

Jetzt haben wir über die Stärken gesprochen. Was sind die Schwächen?

Hm (überlegt). Geben Sie mir mal einen Tipp.

Gar keine Schwäche?

Ich würde es nicht Schwäche nennen, aber der ÖPNV könnte kostendeckender sein. Dann könnte ihn sich aber kein Fahrgast mehr leisten.

Der Nahverkehr ist immer ein Zuschussgeschäft. In der vor ein paar Tagen veröffentlichten SWU-Bilanz ist aber davon die Rede, dass das Defizit 2016 um 2,4 Millionen auf 12,1 Millionen Euro gesunken ist, auf den niedrigsten Wert seit langem. Wie kam das?

Unsere Fahrgastzahlen sind gestiegen, von 36,5 auf 36,7 Millionen. Eine große Rolle spielt unser Konzept „SWU 2025“. Wir suchen Synergien, optimieren die Prozesse, senken die Kosten. Die Kreativität unserer Mitarbeiter führte da zum Erfolg.

Können Sie ein Beispiel geben?

Wir tauschen zum Beispiel Bauteile an Bahnen nicht mehr nach einem festgelegten Zeitplan aus, sondern dann, wenn es nötig ist. Dabei haben wir immer die Zuverlässigkeit und Sicherheit im Blick.

Wir haben viel über die Straßenbahn gesprochen. Was tut sich denn bei den Bussen?

Wir werden in diesem Jahr drei neue Gelenkbusse anschaffen und unsere Flotte schrittweise weiter erneuern.

Fahren dann bald auch Elektrobusse?

Wir beobachten die Entwicklung genau, überlassen es aber anderen, damit Erfahrungen zu sammeln. Noch sind E-Busse sehr teuer in der Anschaffung, und sie sind noch nicht serienreif für den Linienbetrieb. Außerdem ist die Topographie in Ulm schwierig für E-Busse.

Warum?

Wegen der vielen Höhenunterschiede. Sie sind eine Herausforderung für die Batteriekapazitäten. Wir finden: Der richtige Weg wäre es, die Batterien über Nacht im Betriebshof aufzuladen. Die E-Busse sind noch nicht so weit, um mit der Ulmer Topographie sinnvoll und wirtschaftlich zurecht zu kommen. Wir haben in Ulm aber schon die längste E-Mobilität: mit der Straßenbahn.

Zur Person: André Dillmann


Biographie Der 56-jährige Elektro-Ingenieur ist in Darmstadt geboren und war zuletzt Prokurist und Betriebsleiter der Darmstädter Verkehrsbetriebe. Er kam am 1. März als Nachfolger von Ingo Wortmann nach Ulm, der Geschäftsführer der Stadtwerke München wurde. André Dillmann lebt in einer festen Beziehung und hat keine Kinder. Eines seiner Hobbys ist Joggen.