Ulm Haus wird abgerissen: „Die helfen uns doch nicht“

Ulm / Ulrike Schleicher 06.11.2018
Monika Friese hat eine kleine Rente. Nun muss sie aus ihrer Wohnung ausziehen – und weiß nicht, wo sie künftig leben wird.

Manchmal, wenn Monika Friese (Name geändert) wegen des Lärms aus der Nachbarwohnung mal wieder eine Nacht in ihrem Sessel im Wohnzimmer verbringt, fragt sie sich, was in ihrem Leben schief gelaufen ist. Dann kreisen ihre Gedanken oft auch um ihr Arbeitsleben: „Ich hab’ Psychologie studiert, konnte damals aber keinen Job bekommen.“ Die folgenden Jahren wechselten sich Arbeitslosigkeit und Maßnahmen vom Arbeitsamt ab.

Als sie 40 Jahre alt war, ließ sie sich umschulen für den EDV-Bereich – „danach arbeitete ich für einen Hungerlohn im Sekretariat der Uni“. Schließlich wechselte sie als Sachbearbeiterin ins Zentrale Knochenmarkregister. „Das war mein Glück.“ Bis sie 70 Jahre alt war, blieb Monika Friese dort. „Dann haben sie mich halt in Rente geschickt, obwohl ich gern geblieben wäre“, sagt sie auf ihre bedächtige Art, die die 72-Jährige auch dann nicht verliert, wenn sie sich ärgert und von Gefühlen übermannt wird.

Das Haus wird abgerissen

So wie seit Wochen, wenn sie an ihre Zukunft denkt: Das Haus, in dem sie seit 2013 wohnt, wird abgerissen. Das hat der Aufsichtsrat der Ulmer Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft (UWS) im frühen Herbst beschlossen. Der Bau sei nicht mehr sanierungsfähig, wohnungswirtschaftliche und ökonomische Gründe seien die Grundlage der Entscheidung, teilt die UWS mit.

Das riesige Gebäude mit den braunen Balkonen in der Ulmer Beyerstraße war einst ein landesweit beispielhaftes Wohnprojekt. Es wurde 1948 auf Initiative des Überparteilichen Frauenarbeitskreises in Ulm für allein stehende Frauen gebaut. In der „Drachenburg“, wie das große Gebäude despektierlich vom Volksmund genannt wurde, gibt es 58 Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen. Ziel war, den Frauen in einer bezahlbaren Wohnung ein unabhängiges Leben in einer Gemeinschaft zu bieten. Bis heute wohnen dort ausschließlich Frauen. Die Mehrzahl ist über 60 Jahre alt und bezieht meist eine kleine Rente sowie Hilfen zum Lebensunterhalt.

Fall durch alle Netze

Für ihre 46 Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küchenzeile, Bad und einem kleinen Balkon zahlt Monika Friese etwa 430 Euro Warmmiete pro Monat. „Das kann ich mir gerade noch leisten“, sagt die 72-Jährige und fragt sich, wo und wie sie unter diesen Voraussetzungen eine adäquate Wohnung finden soll.

„Zur Miete kommen ja noch Strom dazu, Telefon und Internet“, rechnet sie vor. Zusammen mit Krankenkasse und der Monatskarte für Bus und Straßenbahn kommt sie momentan auf mehr als 600 Euro Fixkosten. Nicht eingerechnet sind die Gesundheitsausgaben. Regelmäßige Beträge, die bei ihren finanziellen Verhältnissen ins Gewicht fallen.

Besonders bitter: Die 72-Jährige gehört zu den Frauen, die durch das soziale Netz fallen. Ihre Rente – 1100 Euro im Monat – übersteigt den Anspruch auf Wohngeld etwa um 150 Euro. Trotzdem lebt sie mit diesem Monatseinkommen an der Schwelle zur Armut, die in Deutschland zwischen 950 und 1050 Euro monatlich liegt.

Urlaub ist zu teuer

Monika Friese muss jeden Cent umdrehen: „Urlaub? Bei mir ist nicht einmal eine Städtereise drin.“ Kleidung kauft sie im Secondhand-Laden, – „gute Kleider, eitel bin ich noch“ – beim Einkauf mischt sie Bio mit Discounter, Essen gehen kann sie sich nicht leisten. „Auch ein Glas Wein schlägt schon zu Buche.“ Ihre Freunde haben mehr Geld und laden sie manchmal ein: „Aber das will man ja nicht auf Dauer.“

Trotzdem: Sie ist nicht unglücklich. Besitztümer braucht sie nicht. Bücher sind das einzige, auf das sie Wert legt, ansonsten arbeitet sie mit einem alten PC, der Fernseher ist ein Geschenk. Sie hat viele Kontakte, engagiert sich in ihrem Stadtteil, der Ulmer Weststadt, und im Seniorenrat und geht zum Turnen, um trotz allem einigermaßen fit zu bleiben. „Das ist ja mein Ziel: Dass ich so lange wie möglich selbstständig bleibe und nicht der Gesellschaft zur Last falle“, sagt sie. Aus diesem Grund habe sie vor fünf Jahren begonnen, eine Wohnung zu suchen, die ihren Bedürfnissen gerecht ist. „Eine, aus der ich nicht wieder ausziehen muss.“

Schlechte Stimmung im Haus

Die UWS habe ihr die in der Beyerstraße angeboten. „Ich fand sie in Ordnung.“ Alle Nachteile hätten sich erst herausgestellt, als sie eingezogen war: Die Hellhörigkeit des Nachkriegsgebäudes, das nie renoviert worden ist. Von rechts hört sie nachts die alte Druckspülung des Klos, von links beschallt sie die junge Nachbarin mit Musik. Die Stimmung in dem düsteren Haus ist denkbar schlecht. Aufgrund vielerlei zwischenmenschlicher und sprachlicher Probleme hat es sich zum sozialen Brennpunkt entwickelt. In den Fluren übernachten manchmal Fremde, es liegen Müll und Kot herum.

„Das Misstrauen hier ist groß. Eine schlechte Erfahrung reicht“, sagt Monika Friese. Jede halte ihre Tür geschlossen. Einmal lag eine Tote eine Woche lang in ihrer Wohnung. Und einmal habe sie ein Hauscafé einrichten wollen. „Der größte Fehler, den ich begehen konnte: Man hat mich beschuldigt, ich wolle die anderen ausspionieren.“

„Bei vielen stürzte die Welt zusammen“

Das war früher anders. Ausdrücklich wurden soziale Kontakte gepflegt, die Hausgemeinschaft gefördert. „Es gab Vortragsabende, den bekannten Ulmer Frauenfasching, Ausflüge und es war eine Beraterin da“, sagt Uta Wittich, Mitglied des Frauenforums. 1986 löste sich der überparteiliche Frauenarbeitskreis auf – „er war praktisch ausgestorben“, erzählt sie. Das Haus ging für einen symbolischen Beitrag an die Stadt, respektive die UWS. „Seitdem gibt es weder eine Betreuung noch wurde in das Haus investiert.“

Seit dem 20. September reden die Mieterinnen mehr miteinander. An diesem Tag wurden sie von der UWS über den Abriss informiert. Nun teilen sie das gleiche Schicksal: „Bei vielen stürzte die Welt über ihnen zusammen“, beschreibt es Monika Friese. Zwar sei versichert worden, dass man bei der Wohnungssuche unterstützt werde, auch beim Umzug – nur glauben will es niemand: „Die helfen uns ja doch nicht“, sei die allgemeine Ansicht der Frauen, denn bis dato habe die UWS auf Beschwerden über die Zustände ja auch nicht reagiert. Versäumnisse sieht Monika Friese auch bei der Stadt. „Es hätte jemand beim Infoabend über den Abriss dabei sein müssen – als sichtbares Signal, Verantwortung als Stadt zu übernehmen und als Ansprechpartner.“

Man werde die Frauen nicht allein lassen, versichert UWS-Prokuristin Heide Bigalke auf Anfrage: „Es ist uns natürlich bewusst, dass eine solche Entscheidung einen tiefen Eingriff in die Lebensumstände der Bewohnerinnen darstellt.“ In Zusammenarbeit mit der Abteilung für Soziales bei der Stadt sollen die Frauen individuell beraten und bei der Wohnungssuche unterstützt werden. Heide Bigalke beruhigt: „Da ein Neubau ab Anfang 2021 begonnen werden soll, bleibt ausreichend Zeit für individuelle Lösungen.“

„Wir müssen den Frauen helfen“

Der bevorstehende Abriss beschäftigt inzwischen auch Teile des Gemeinderats: Man wisse schon lang um die schlechten Verhältnisse dort, sagt etwa Haydar Süslü (SPD). „Jetzt müssen wir den Frauen helfen.“ Bei der CDU ist Annette Graf involviert. Und Bürgermeisterin Iris Mann habe ihr gegenüber ausdrücklich ihre Hilfe bei Problemen angeboten, sagt die 72-jährige Mieterin.

Viel helfen die Versprechen nicht. Auch ihr steckt die Angst vor dem Abstieg in den Knochen. Und davor, aufgrund ihrer Finanzen wieder in ein sanierungsbedürftiges Haus ziehen zu müssen: „Soll ich in ein paar Jahren dann wieder umziehen?“ Undenkbar. Sie habe schon jetzt keine Ersparnisse mehr, niemanden, der ihr helfe zu packen, Möbel ab- und aufzubauen: „Plötzlich bin ich gezwungenermaßen Bittstellerin in mehrfacher Hinsicht. So oder so ähnlich sieht es für einige der anderen Frauen ebenfalls aus“, sagt sie.

Monika Friese schaut aus dem Fenster zum Balkon. Gegenüber hat die Heimstätte neue Wohnungen gebaut. Sie würde gern im Viertel bleiben, in einer bezahlbaren Wohnung – zur Not noch kleiner – mit einem Aufzug. „So lange, bis ich im Pflegeheim lande. Ist das zu viel verlangt?“

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Geschichte Der Überparteiliche Frauenarbeitskreis forderte die Mitwirkung von Frauen am öffentlichen Leben. Sie sollten aus ihren Erfahrungen heraus „Stellung nehmen zu behördlichen Maßnahmen und Gesetzen“. Die Frauen setzten sich ein: für die Einrichtung von Kindergärten, für einen Schülerhort und den Bau von zwei Frauenwohnheimen: einem in der Beyerstraße und einem am Karlsplatz. 

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