Geschichte „Die beste Zeit meines Lebens“

Ulm / Von Tayná de Castro Stolz 10.08.2018

Sie waren wieder da, die ehemalige Tänzerin und der Tänzer des Theaters Ulm: Margarita Gradetchlieva und Boris Talevski gehörten zur ersten Balletttruppe im 1969 eröffneten Neubau auf der Olgastraße. Jetzt sind sie eigens zur Eröffnung der Ausstellung „Movinpics“ ins Ulmer Stadthaus gekommen, um sich selbst auf den Fotos zu betrachten. Knapp 50 Jahre ist es her, dass sie im Ensemble unter Ballettdirektor Simeon Dimitrow getanzt haben. An ihre ersten Eindrücke erinnern sie sich, als wäre es gestern gewesen.

Boris Talevski ist heute 81 Jahre alt, bereits mit 14 Jahren zuhause im mazedonischen Skopje hatte er zu tanzen angefangen. Eigentlich wollte er Ingenieur werden, doch eines Tages sah er das Plakat eines Ballett-Tanzkurses.

„Ich dachte mir, was ist denn Ballett? Ich hatte das noch nie gehört“, erinnert er sich. Talevski lernte mit großer Begeisterung tanzen, später wurde er im Ensemble von Novi Sad angenommen und ging dann nach dem Militärdienst zur Klassik-Ausbildung nach Sarajevo. Bier durfte er keines trinken, erinnert er sich: „Nur Wasser und Milch, denn Milch ist gut für die Knochen.“ In Sarajevo musste er jeden Tag einen Liter Milch trinken.

Innovativer Bau

Nach der Ausbildung wollte Boris Talevski weiterziehen. „Ich war ein Vogel, ich wollte fliegen, weg, weg, nicht an einem Platz bleiben. Ich wollte mehr und mehr sehen von der Welt.“ Eines Tages holte er sich ein Touristenvisum und ging nach Linz, wo er ins Ensemble kam.

In Linz verliebte sich Boris, heiratete eine Österreicherin und wurde Vater. Als sein Sohn fünf Jahre war, wurde es höchste Zeit für etwas Neues, „und wir dachten uns, gehen wir nach Ulm, Ulm an der Donau! Hier hat es mir ehrlich am besten gefallen. Nicht nur, weil es familiär war, aber die Stadt war sehr schön und sauber, die Menschen supersympathisch und immer gastfreundlich. Wir waren von Ulm so begeistert, dass wir eigentlich nie wieder weg wollten.“

Dann wurde es doch nur ein Jahr: 1971 bis 1972 tanzte Boris Talevski unter Dimitrows Leitung, bis Günter Pick als Ballettdirektor anfing und Dimitrows Truppe fast vollständig aufgelöst wurde. Fast alle mussten sich etwas Neues suchen, außer Margarita Gradetchlieva – sie wurde als einzige Tänzerin in Picks neue Truppe übernommen.

Die heute 77-Jährige aus dem bulgarischen Sofia konnte damals dank der Bürgschaft eines deutschen Politikers mit Mann und Sohn in den Westen einreisen. Zufällig sah sie auf einem Prospekt, dass Simeon Dimitrow in Ulm Ballettdirektor war. „Ich kannte Simeon von Kavarna am Schwarzen Meer. Dort habe ich die Dimitrows kennengelernt – Simeon und Margarita, seine Frau, auch Margarita war Tänzerin. So hat alles begonnen“ erinnert sich Gradetchlieva, die 1970 im Ulmer Ensemble anfing.

Das neue Theater an der Olgastraße mit seinen fahrbaren Bühnenelementen galt damals als höchst innovativ. „Sogar der Leiter unseres Heimatnationalschauspielhauses ist wegen der architektonischen Pläne des Theaters nach Ulm gekommen.“ Später wurde so eine Bühne auch im Nationalschauspielhaus in Sofia gebaut – ein Ulmer Import. Gradetchlievas Mann war Zeichner, wurde damals vom Ulmer Theater im Malersaal angestellt und machte Bühnenbilder.

1976 verfiel die Bürgschaft für Familie Gradetchlieva, die sofort in die Sowjetunion ausreisen musste. „Wir hatten keine Möglichkeit, zurück nach Deutschland zu kommen. Ein anderer Politiker hat mir dann noch einmal geholfen, aber dieses Mal ohne Familie“ – so hatte die kommunistische Regierung die Garantie, dass die Gradetchlieva immer wieder nach Bulgarien zurückkehren würde. Zwei Jahre durfte sie noch einmal beruflich in den Westen. Günter Pick motivierte Margarita Gradetchlieva, neben ihrer klassischen Tanzausbildung modernen Tanz zu studieren. Margarita Gradetchlieva lehrte an der staatlichen Ballettschule in Sofia und wurde zur Pionierin des modernen Tanzes in Bulgarien.

Boris Talevski denkt immer dankbar an seine Zeit in Ulm. Zur Ausstellungseröffnung im Stadthaus sagte er: „Hier hatte ich die beste Zeit meines Lebens.“

Menschen in Bewegung

Die Ausstellung „Movinpics“ zeigt bis 26. August Bilder von Menschen in Bewegung und von bewegten Menschen im Stadthaus. Neben vier Porträts der ehemaligen Tänzerinnen und Tänzer des Theaters sind Bild-, Video- und Installationen von zehn Künstlerinnen und Künstlern aus der Region zu sehen: Mo-Sa 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, So 11-18 Uhr.

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