Ulm / Hans-Uli Mayer  Uhr
Der deutsche Repräsentant der Gülen-Bewegung hält einen Vortrag vor mehr als 100 Zuhörern im Haus der Begegnung – und braucht dazu Polizeischutz.

Wie sehr die Hetze des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan die türkische Gemeinde in Deutschland spaltet, war am Mittwoch bei einem Vortrag im Haus der Begegnung zu hören. Eine erwachsene Frau mit Kopftuch, die sich als eine „türkische Schwäbin“ vorstellte, berichtete den Tränen nahe davon, wie sich ihre Brüder von ihr abgewendet hätten, weil sie sich gegen die Verfassungsänderung in der Türkei stelle.

Anlass war ein Vortrag von Ercan Karakoyun, dem deutschen Repräsentanten der Gülen-Bewegung, die in der Türkei als terroristische Organisation beschimpft und für den Putsch im vergangenen Jahr verantwortlich gemacht wird. Karakoyun ist in Berlin aufgewachsen, in der SPD politisch groß geworden, hat seit zwei Jahren ein Einreiseverbot in die Türkei und konnte auch in Ulm seinen Vortrag nur unter Polizeischutz halten.

„Abends rollten die Panzer, morgens war der Putsch niedergeschlagen und am nächsten Tag war ich schuld.“ Karakoyun, der als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung Raumplanung und Stadtsoziologie studiert hat, las aus seinem neuen Buch über die Gülen-Bewegung vor, und beschrieb, wie er den Putschversuch erlebt hat.

Etwa 100 Zuhörer waren gekommen, deutscher und türkischer Herkunft. Eine frohe Botschaft hatte der Redner derweil für keinen. Denn die Zukunft der Türkei sieht er „extrem skeptisch“. „Dort gibt es ein großes Demokratiedefizit.“ Spätestens seit dem Putschversuch – aber auch schon zuvor – zerstöre Erdogan systematisch die akademische Landschaft und besetze alle wichtigen Posten mit Gefolgsleuten. Karakoyun: „Die Masse sind Opportunisten, denen das Verständnis von Demokratie fehlt.“

Die Vorwürfe an die Gülen-Bewegung als Drahtzieher seien jedenfalls absurd. Außerdem sei die Bewegung nicht nach ihrem Begründer Fethullah Gülen benannt, sondern heiße eigentlich Hizmet, was soviel bedeutet wie Dienst oder Dienst tun. Das Ziel sei Bildung, weshalb weltweit schon etwa 1000 Schulen gegründet wurden, in denen es statt Religionsunterricht Ethik als Fach gebe, sagte Karakoyun.

Genau dieser Bildungsauftrag werde in der Türkei aber nicht mehr ernst genommen, glaubt der Autor. Seiner Beobachtung nach verringere sich die Unterstützung für Erdogan, je gebildeter die Menschen seien. Deswegen setze Erdogan auch auf eine konservative Auslegung des Islam. „Der Schlüssel zum Glauben heißt aber Bildung“, sagte Karakoyun und plädierte für eine Trennung von Kirche und Staat, wie es im kemalistisch geprägten Türkei noch gegolten habe. Der jetzige Präsident jedoch verfolge einen politisch geprägten Islam.

Karakoyun widersprach auch der seiner Meinung nach in Deutschland oft verbreiteten Meinung, dass Gülen und Erdogan früher Verbündete gewesen seien. Gülen sei zwar fromm, aber nicht autoritär. Gemeinsame Sache hätten die beiden nie gemacht. Vielmehr hätte Gülen wie andere Gruppen in der Türkei früh gemerkt, dass das Land eine falsche Entwicklung nehme. „Zuerst sprangen die Kurden ab, dann die Aleviten, dann Gülen. Heute werden sie in der Türkei als Terroristen beschimpft“, sagte Karakoyun.

Wie Erdogan gestoppt werden könne, wollte ein Besucher der Veranstaltung wissen, der sich als „63-Jähriger Ulmer Christ“, vorstellte. Und ein Universitätsprofessor mahnte in der Diskussionsrunde an, ähnlich wie bei Orban in Ungarn, oder Trump in den USA, auch in der Türkei nicht alle Schuld auf nur eine Person zu projizieren. Bei allen gebe es mehr oder weniger demokratische Prozesse und also die Frage, was in den Ländern eigentlich schief gelaufen sei.