Ulm "Der schönste Moment war das Vorlesen"

Hatte sichtbar Lust vorzulesen: Nora Gomringer.
Hatte sichtbar Lust vorzulesen: Nora Gomringer. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / OTFRIED KÄPPELER 22.04.2016
Zu hören, wie Nora Gomringer ihre Gedichte liest, ist eine Freude. Im Rahmen der Literaturwoche Donau gastierte sie in der Museumsgesellschaft.

"Man kann eigentlich nur Fan von ihr werden." Florian Arnolds Begrüßung zur Lesung mit Nora Gomringer in der Museumsgesellschaft wurde im Laufe des Abends mehr als bestätigt. Nicht oft ist eine Lyrik-Lesung derart unterhaltsam wie bei dieser Dichterin. Auch wenn sie sich längst schon von der Poetry-Slam-Szene verabschiedet hat, so kann man sich doch vorstellen, dass sie zunächst dort ihre Heimat hatte. Nora Gomringer hat Lust vorzulesen, das merkt man mit jedem Vers - und ja, man muss von ihr Fan werden. Und so erzählte sie vom Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, den sie 2015 gewann: "Der schönste Moment dort war das Vorlesen. Das kann ich!"

Also schreibt sie bisweilen typische "Sprechtexte", wie sie etwa das Gedicht "Ursprungsalphabet" bezeichnet, das auch ein Gedicht über Literatur ist. "Ich bin/ Ariadne, die dem Faden, dem roten, wollenen folgt/ . . . Briseis, der Achilles diente/ . . . Ich bin ein guter Maler und heiße Hitler/ . . . Ich war die Qual des Laokoon/. . . Ich bin Rilkes Panter-Tierpfleger . . .". Hier holt Nora Gomringer weit aus, geht an die Ursprünge des Stoffs allen literarischen Schreibens, ironisiert zugleich mit dem der Litanei gleichen "Ich bin" und bricht oder verstört zumindest mit dem eingeschobenen "Hitler" die Bildungshuberei. Doch Nora Gomringer begreift auch den Alltag, wenn sie mit "Eingedenk der Hl. Apollonia/ Heute war ich beim Zahnarzt" den Besuch bei selbigen bearbeitet: "Und ich war sperrangelweit,/ eine große Wunde mein Mund,/ Zeugnis der Feste und Fülle/ Die Lider starr vom bohrenden Schmerz."

Den Namen Gomringer muss man in Ulm und weit über Ulm hinaus eigentlich nicht einführen. Nora Gomringers Vater, Eugen Gomringer, war Sekretär bei Max Bill an der HfG, Professor an der Akademie in Düsseldorf, Begründer der Konkreten Poesie, Intendant des Internationalen Forums für Gestaltung in Ulm und und und. Zu Beginn ihres Schreibens sei sie öfters gefragt worden, ob sie die Tochter des Eugen Gomringers sei. Doch inzwischen werde auch Eugen Gomringer gefragt, ob er der Vater besagter Nora Gomringer sei, so die Dichterin im Gespräch mit Florian Arnold. Da wurde der Tochter, die sieben Brüder hat, einiges in die Wiege gelegt, zumal die Mutter Germanistin ist. Doch der Vater sei auf eine "glückliche Weise uninteressiert" gewesen, was die Kinder machen, das habe viel Freiraum gelassen. Wenn der Golem, dem sie ein Gedicht gewidmet hat, wenn der eine unfertige Figur aus Lehm ist, die durch Sprache in Aktion gebracht werde, dann sind Nora Gomringers Gedichte im besten Sinne großartige Golems.

Info Die Literaturwoche Donau setzt am Freitag, 19.30 Uhr, der Verleger Sebastian Guggolz in der NeuUlmer Galerie Venet-Haus fort. Am Samstag, 19.30 Uhr, stellen Lucien Leitness und Edwin Gantert den Unionsverlag in der Ulmer Bücherstube Jastram vor.

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