Wenn die Schritte näherkommen in der Nacht, wenn der böse Wolf im Morgenmantel sich zu ihr legt, fliegt Mia davon. Lässt den Körper zurück und geht mit der Seele auf Reisen: „Wer nicht dabei ist, muss nichts wissen, und wer nichts weiß, kann ganz normal weiterleben“, sagt der Vogel. Wir können in Mias Gesicht lesen, dass das nicht wahr ist. Die Seele mag wegfliegen, aber verletzt, furchtbar verletzt, ist sie trotzdem.

„Der dunkle Vogel“, das neue Kinderstück des Theaters Ulm, ist leider kein Gruselmärchen. Es erzählt von einem Verbrechen, das an vielen Kindern verübt wird: von sexuellem Missbrauch. „Es gibt wahnsinnig hohe Zahlen von betroffenen Kindern“, sagt Autorin Lisa Sommerfeldt, „dafür ist das Thema viel zu wenig präsent.“ Mit einem Stipendium des Kinder- und Jugendtheaterpreises Baden-Württemberg hat sie ein Präventionsstück geschrieben, das im Podium uraufgeführt wurde. Vier Vormittagstermine sind angesetzt, damit Schulklassen kommen können, was zweifellos der sinnvollste Weg ist, um betroffene Kinder zu erreichen. Die Altersempfehlung gilt erst ab zehn, wirkt aber gerade angesichts der märchenhaften Erzählweise übervorsichtig hoch.

Wie sensibel das Thema ist, war allen Beteiligten bewusst: „Wir hatten sehr viel Angst, ob wir den richtigen Ton treffen“, sagt Dramaturg Martin Borowski. Denn man erzähle zwar auch eine Abenteuergeschichte, müsse die Dinge aber trotzdem beim Namen nennen. Beratung hat sich das Theater beim Kinderschutzbund geholt, der jede Vorstellung begleiten und mit den Zuschauern besprechen wird. Das ist unabdingbar, soll das Stück es den Kindern doch leichter machen, sich zu öffnen. „Vielleicht ziehen sie daraus die Kraft, sich zu wehren“, sagt Sommerfeldt.

Als Forderung darf man das auf gar keinen Fall formulieren, und so arbeitet die behutsame Inszenierung von Miriam Locher mit vielen Märchenelementen und fantasievollen Bildern, in die jene Schlüsselsätze platziert werden, die betroffene Kinder vielleicht wiedererkennen: „Vergiss es einfach, es ist nicht so schlimm“ – „Du bist doch nicht nachtragend“ – „Wenn es schlimm wäre, würde doch etwas passieren.“

Auf ihren Reisen begegnet Mia (Julia Baukus) fantastischen Figuren. In den seltsamsten Verkleidungen und Rollen (Raum und Kostüme: Britta Lammers) ent­steigen Christian Streit und Christel Mayr Mias Schrank: als Wahrheitsverdreher, der die Farbe der Wahrheit verändert, oder als Typ im Trenchcoat, der Tabletten gegen überflüssige Ängste im Angebot hat, bei Mia aber feststellen muss: „Deine Angst ist echt.“ Die schwarze Hexe konfrontiert das Mädchen mit ihren Zweifeln und Schuldgefühlen, weil sie ihren Bruder mit dem Wolf alleine lässt („und wenn du schuld bist?“), aber es gibt auch den Prinzen, dessen Liebe gar nicht bedrängt oder weh tut und der Mia zeigt, wo man ihn anfassen darf: Am Arm? Da schon. Aber ... da? Nein, da darf es niemand, „außer ich erlaube es“.

Das Ensemble scheint sich zu jeder Sekunde bewusst, worum es geht. Julia Baukus lässt auch im Staunen über die Wunderlichkeiten, die sie erlebt, immer die tiefe Verunsicherung mitschwingen, Christel Mayr und vor allem der ganz wunderbare Christian Streit sind innerlich spürbar befasst mit der Geschichte.

Wie das Stück auf Kinder wirkt? Ein abschließendes Urteil mag man sich als erwachsene Rezensentin nicht anmaßen. Der indirekte Ansatz, sich dem Trauma über Bilder zu nähern, aber leuchtet ein. Zumal – das ist ganz wichtig – die unendlich schmerzhafte Wahrheit am Ende ausgesprochen wird: Es ist nicht der Wolf, es ist der Papa. Damit ist die Verantwortung genau da, wo sie ausschließlich zu suchen ist. Bei den Erwachsenen.

Aufführungen im Podium


Termine Die nächsten Vorstellungen sind am 15. und 21. März, 19.30 Uhr, sowie am 25. und 28. März, 18 Uhr. Kindervorstellungen um 11 Uhr sind jeweils am 22. März, 10. April, 17. April und 17. Mai. www.theater-ulm.de