Stolpersteine „Damit wir eine Zukunft haben!“

Frauengraben 47: Hier wohnte Lina Girr. Sie litt an Epilepsie, war deshalb in verschiedenen Heilanstalten und wurde 62-jährig nach Grafeneck gebracht, wo sie 1940 ermordet wurde. Unser Foto zeigt den Künstler Gunter Demnig, wie er den Stolperstein für Lina Girr verlegt.
Frauengraben 47: Hier wohnte Lina Girr. Sie litt an Epilepsie, war deshalb in verschiedenen Heilanstalten und wurde 62-jährig nach Grafeneck gebracht, wo sie 1940 ermordet wurde. Unser Foto zeigt den Künstler Gunter Demnig, wie er den Stolperstein für Lina Girr verlegt. © Foto: Könneke
ruk 14.07.2018

Wir haben nur noch das, was wir auf dem Leib tragen – und das ist zerrissen.“ Schrieb Jenny Krippel an Verwandte, nachdem ihre Familie Ende Oktober 1938 mit Waffengewalt nach Polen abgeschoben worden war. Danach wurde die Familie auseinandergerissen und in Ghettos sowie in Vernichtungslagern von den Nazis ermordet. Auch Jenny Krippel, die mit ihrer Familie im zweiten Stock des Hauses Hafengasse 10 gelebt und als Sekretärin beim damaligen Intendanten am Stadttheater Ulm gearbeitet hatte, fand den Tod.

Dort, im zweiten Stock, schließt sich irgendwie der Kreis, lebt doch ein gewisser Andreas von Studnitz mittlerweile in dieser Wohnung. Und der scheidende Intendant ließ es sich nicht nehmen, Ori Eidelberg, den Enkel von Max Krippel, dem einzigen der Familie Krippel, dem die Flucht gelungen war, durch die Wohnung zu führen. „Ich stand schon mal vor 20 Jahren vor der Tür, habe aber nicht geklingelt“, sagt Eidelberg, der in Aachen Architektur studiert hat und in einem Kibbuz nahe Haifa lebt. Er war eigens nach Ulm gereist, um an der Verlegung der sieben Stolpersteine für seine Familie teilzunehmen. „Schön, dass nach 80 Jahren an unsere Familie erinnert wird“, sagte er ergriffen und dankte der Stolperstein-Initiative für die umfassende Recherche.

20 Stolpersteine hat Gunter Demnig gestern in der Innenstadt verlegt, einer sollte in Grimmelfingen dazukommen. Dort, in der Kirchstraße, machte der Kölner Künstler frühmorgens den Auftakt mit dem Stein für Maria Hausser, die ihrer Behinderung wegen in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet wurde. Wie auch Lina Girr, die mit ihrer Mutter im Frauengraben 47 gelebt hatte.

Mit Stolpersteinen wird auch an die jüdische Familie Neuburger (Schuhhausgasse 9) erinnert und an Max Moritz Strauss (Schwörhausgasse 15), der nach der Scheidung von seiner nicht-jüdischen Ehefrau den Schutz verlor und in Pirna-Sonnenstein vergast wurde. Else Dölzer (Zundeltor 2) war es ähnlich ergangen: Die Jüdin wurde nach dem Tod ihres katholischen Mannes im KZ Stutthof ermordet. Friedrich Röcker, der mit seiner Familie in der Schwilmengasse 35 lebte, starb in einem Strafbataillon. Er galt als „unbelehrbarer Überzeugungskommunist“. Fünf Stolpersteine wurden für die Familie Klappholz am Marktplatz 9 verlegt, sie kam in Treblinka um. Wie sagte Rabbiner Shneur Trebnik: „Gedenken ist wichtig, damit wir eine Zukunft haben.“

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