Schnellbahnstrecke IC-Takt Ulm-Stuttgart: Empörung in Stadt und Region

 Falsche Weichenstellung: Nur drei IC sollen täglich zwischen Ulm und Flughafen verkehren. Vom ICE ist keine Rede mehr, er würde am Flughafen vorbei zum Tiefbahnhof rollen.
 Falsche Weichenstellung: Nur drei IC sollen täglich zwischen Ulm und Flughafen verkehren. Vom ICE ist keine Rede mehr, er würde am Flughafen vorbei zum Tiefbahnhof rollen. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / cik, nid, mäh, jkl, jon 08.01.2018
Mit ihrem Plan, nur drei IC-Züge auf der Schnellbahnstrecke zwischen Ulm und Stuttgart-Flughafen verkehren zu lassen, hat die Bahn heftige Reaktionen in Stadt und in der Region ausgelöst.

Die Aufregung in Ulm und der Region ist beträchtlich. Auslöser war ein Bericht der SÜDWEST PRESSE, dass die Bahn von ihrem Plan abrücken will, Ulm regelmäßig und mit Fahrtzeiten unter 30 Minuten an den Stuttgarter Flughafen anzubinden. Nur dreimal täglich sollen IC-Züge zwischen Ulmer Hauptbahnhof und Filderbahnhof verkehren, von den komfortablen ICE-Zügen, die im Zwei-Stunden-Takt den Flughafen anfahren sollten, ist aktuell keine Rede mehr. Allerdings bekommt die Bahn kräftigen Gegenwind von der Landesregierung, aber auch von Vertretern der Ulmer Politik und Wirtschaft.

Die Landesregierung lehnt Überlegungen zu einer abgespeckten Anbindung des geplanten S-21-Flughafenbahnhofs mit der Neubaustrecke Richtung Ulm/München ab. Sein Ministerium habe der Bahn gegenüber „klar und deutlich erklärt, dass es die Pläne nicht akzeptiert“, verkündete Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) auf der Online-Plattform Twitter. „Wir erwarten von der Bahn, dass die Anbindung des Flughafens an den Fernverkehr auf der Neubaustrecke im Zwei-Stunden-Takt erfolgt. Alles andere wäre ein Schildbürgerstreich“, sagte die Vize-Chefin der CDU-Fraktion, Nicole Razavi, der SÜDWEST PRESSE.

Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz äußerte: „Drei IC-Züge am Tag reichen nicht.“ Mindestens alle zwei Stunden müsse auf der Strecke ein IC am Flughafenbahnhof halten. „So war es im Stresstest unterstellt und zur Volksabstimmung versprochen.“

Kritiker des S-21-Projekts sehen sich bestätigt. „Die Flughafenanbindung ist von den S-21-Befürwortern maßlos überhöht worden und hat das Projekt fehlgeleitet. Murks bleibt Murks“, sagte der Tübinger OB Boris Palmer (Grüne), der in der Schlichtung die S-21-Gegner vertreten hat, dieser Zeitung.

„Wenn es tatsächlich so wäre, dass nur so wenige Zugverbindungen vorgesehen sind, dann wäre das wahrlich ein Schildbürgerstreich“, meint OB Gunter Czisch. Er glaubt aber nicht, dass es tatsächlich so kommen wird. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei der Bahn darüber schon das letzte Wort gesprochen ist.“ Im Rahmen des Neubaustrecken-Projekts wird in Ulm auch die Gegend um den Bahnhof neu sortiert. Entsprechend groß ist der Wille in der Region, für eine engere Taktung zu kämpfen, um nicht abgehängt zu werden.

Alt-OB: „Spinnerei“

Alt-OB Ivo Gönner, der sich vehement für den Bau der schnellen Bahnstrecke eingesetzt hat, fasst seinen Kommentar in zwei Sätzen zusammen: „Die spinnen. Das ist ein Aprilscherz schon im Januar.“ Die Neubaustrecke werde doch nicht gebaut, damit am Ende nur drei schnelle Züge von und nach Ulm dort halten. Betriebswirtschaftlich könne das nur „Spinnerei“ sein. Gönner ist aber zuversichtlich, dass es so weit nicht kommen werde. „Wenn die Strecke erst steht, wird darauf so viel und so schnell gefahren wie möglich.“ Daran habe auch der Flughafen ein Interesse, der den Anschluss zum Teil mitfinanziere. Wie die Meldung zustande kam, kann sich Gönner nur so erklären: „Da hat wahrscheinlich ein Anfänger am Fahrplan rumgemacht.“

Nur die B-Klasse

An einen Aprilscherz dachte auch der Hauptgeschäftsführer der IHK Ulm, Otto Sälzle. Die Kammer warb stets für den Bau der Schnellstrecke. „Eigentlich kann man das nicht ernst nehmen. Man kann doch nicht für Milliarden eine Neubaustrecke bauen und dann die B-Klasse fahren lassen.“ Volkswirtschaftlich, betriebswirtschaftlich und auch politisch sei die Meldung nicht zu erklären. „Wir sind jetzt frühzeitig sensibilisiert und nehmen es zum Anlass, uns umso mehr wieder dahinterzuklemmen.“ Die verspätete Inbetriebnahme der Strecke erweise sich jetzt als Vorteil. „Wir haben noch bis 2024 Zeit nüchtern an die Sache ranzugehen und zu reagieren“, sagt Sälzle. „Es ist wichtig zu wissen, dass es Leute bei der Bahn gibt, die solche hanebüchenen Ideen haben.“

Nicht minder deutlich wird der Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger: „Ich bin überrascht und enttäuscht über diese Nachricht. Das ist nicht das, was wir uns erhofft haben.“ Er sehe „einigen Gesprächsbedarf“ mit den Verantwortlichen der Bahn. So sehe eine optimale Anbindung der Region an Stuttgart und den Flughafen nicht aus. Nun gelte es, über die Innovationsregion Ulm, den Regionalverband Donau-Iller und den Regio-S-Bahn-Verein auf einen besseren Takt zu dringen.

Auch Landrat Heiner Scheffold aus dem Alb-Donau-Kreis ist überrascht: „Es fällt mir schwer zu glauben, dass dies eine ernsthafte Überlegung sein soll. Wir sind immer von einer sehr guten Fernverkehrs-Anbindung des Flughafenbahnhofs ausgegangen, so wie es etwa mit dem Flughafenbahnhof in Frankfurt am Main der Fall ist.

Lesen Sie hier einen Kommentar unseres Redakteurs Roland Muschel zu den Bahn-Plänen am Filderbahnhof.

Über die Alb mit Tempo 250

Tunnelstrecke Die Neubaustrecke Ulm-Wendlingen hat eine Länge von 59,5 Kilometern. Auf diesem Teil des Bahnprojektes Stuttgart-Ulm sollen Züge mit Tempo 250 über die Alb rasen. Davon werden die Züge auf mehr als 30 Kilometern in Tunneln verschwinden. Die Strecke, deren Kosten auf mehr drei Milliarden Euro geschätzt werden, soll den Hochgeschwindigkeitsverkehr der 1850 eröffneten Filstalbahn übernehmen, auf der wegen der vielen engen Kurven nur auf wenigen Kilometern Tempo 160 möglich ist.

Europa-Projekt Die Strecke Ulm-Wendlingen ist Teil der „Vorrangigen Achse Nr. 17 der Transeuropäischen Netze Paris-Budapest/Bratislava, der so genannten „Magistrale für Europa“. In weiten Teilen verläuft sie parallel zur Autobahn 8. Die Strecke steigt von Stuttgart von 240 Metern Höhe auf 746 Meter bei Hohenstadt auf und neigt sich Richtung Ulm auf 478 Meter Höhe über Null.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel