Sommer-Interview „Als Patientin hätte ich auch Angst“

Ulm / Christoph Mayer 27.08.2018

Wie viel Mut braucht es, einen Menschen am offenen Herzen zu operieren? Eigentlich wollten wir mit Fatma Ashkanani nur über dieses Thema sprechen. Aber im Verlauf des Gesprächs mit der jungen Herzchirurgin wird schnell klar, dass sie schon immer Mut aufbringen musste: als Mädchen im kriegsgeschüttelten Kuwait, das entsetzt mit ansehen musste, wie „Verräter“ von den irakischen Besatzern öffentlich aufgehängt wurden und wochenlang an Laternenmasten hingen, „bis sie vergammelt waren“; als Studentin, die sich gegen den Berufswunsch ihres Vaters zur Wehr setzte; und jetzt als junge Kollegin in einer von Männern dominierten Disziplin. Die 34-Jährige, seit zwei Jahren am Uniklinikum Ulm in der Facharztausbildung, ist von herzerfrischender Offenheit, und spricht so akzentfrei Deutsch, als ob sie in Hannover  aufgewachsen wäre. „Stimmt doch gar nicht“, sagt sie und lacht.

Herzchirurgin – war das schon immer Ihr Traumberuf?

Fatma Ashkanani: Das kann man nicht sagen. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich Politikwissenschaften studiere. In unserer Gesellschaft widersetzt man sich dem Wunsch der Eltern nicht einfach so. Also habe ich mich nach dem Abitur an der Uni in Kuwait in diesem Fach eingeschrieben. Aber schnell gemerkt, dass mich das nicht glücklich macht. Von Anfang an hatte ich das Gefühl: Ich will nicht nur reden, ich will etwas tun, Menschen helfen. Das verstärkte sich, als meine Oma schwer krank wurde.

Haben Sie sie gepflegt?

Nein. Sie musste zu einer Herzoperation nach Deutschland, nach Hannover. Meine Mutter und ich begleiteten sie für mehrere Wochen. Das ist bei uns so üblich und wird alles komplett vom kuwaitischen Staat finanziert. Der Eingriff, eine Doppelklappen-OP, verlief nicht glücklich. Sie starb wenige Monate später. Das gab, glaube ich, den Ausschlag für mich, Medizin zu studieren. Wenn ich schon meine Oma nicht retten konnte, dann wollte ich wenigstens andere retten. Meine Mutter hat meinem Vater dann schonend beigebracht, dass ich mein Politikstudium abbrechen werde. Er hat es zwar erlaubt – war aber richtig sauer.

Mag er keine Ärzte?

Er sagte: Bist Du Ärztin, hast Du kein Leben mehr. Nur noch Arbeit. Und kannst keine Familie gründen. Bei uns ist das ja zentral, als Frau früh Kinder zu kriegen. Das bringt gesellschaftliche Anerkennung.

Wie kamen Sie nach Deutschland?

Mit einem Stipendium vom kuwaitischen Staat. Unser Land braucht Ärzte und fördert deshalb deren Ausbildung im Ausland. Bis zum Physikum habe ich in Marburg studiert, dann nach Kiel gewechselt, wo ich bis zum Staatsexamen blieb. Danach musste ich zurück nach Kuwait und habe dort ein Jahr in der Allgemeinchirurgie gearbeitet. So sind die Regeln bei uns: Wenn man ein Stipendium bekommen hat, muss man das daheim abarbeiten. Ich wusste aber immer: Ich will nicht in der Allgemeinchirurgie bleiben, sondern in die Herzchirurgie.

Warum?

Irgendwie hatte ich immer noch meine Oma im Kopf. Mit ein bisschen Erfahrung kann ich heute sagen: Herzchirurgie ist ein anstrengendes Fachgebiet – aber auch ein sehr feines, schönes Fachgebiet.

Für die Facharztausbildung mussten Sie aber wieder ins Ausland.

Ja,  denn in Kuwait gibt es keine Möglichkeit, sich zum Herzchirurgen ausbilden zu lassen. Für mich war das natürlich ein schöner Anreiz, wieder nach Deutschland zu gehen. Ich mag das Land, ich habe hier nie schlechte Erfahrungen gemacht.

Ihr Vater hat Sie problemlos ziehen lassen?

Ich war schon 31, er hat gesagt: Was willst Du denn noch? Du bist doch schon Ärztin. Ins Ausland darfst du nur, wenn du vorher heiratest.

Und? Haben Sie geheiratet?

Ja (lacht): Um meinen Wunsch zu erfüllen.

Der arme Mann.

Nein (lacht noch mehr): Wir sind glücklich verheiratet und 2016 zusammen nach Deutschland gegangen. Ich hatte ein Riesenglück, privat und beruflich. Mit meiner deutschen Approbation war es nicht schwer, hier eine Stelle zu bekommen. Ich hatte mich deutschlandweit beworben und bekam gleich Zusagen von mindestens sieben Uni-Kliniken. Die ich dann alle abgeklappert habe.

Warum fiel Ihre Wahl auf Ulm?

Ich fand den Chefarzt sympathisch. Ach, es hat alles gepasst. Obwohl die Stadt klein ist, hat sie mir und meinem Mann gleich gefallen.

Wie lange dauert die Facharztausbildung?

Formal sechs Jahre. Aber der Durchschnitt liegt bei sieben bis acht Jahren.

Wie viele Eingriffe haben Sie schon gemacht?

Am Anfang arbeitet man erst mal auf Station, später auch auf der Intensivstation. Man fängt langsam an:  intubieren, Drainagen legen, schrittweise immer mehr Verantwortung zu übernehmen. Nach einem halben Jahr ging es los mit den bei uns üblichen 24-Stunden-Diensten am Stück. Da steht man dann auch im OP. Erst als zweiter Assistent des operierenden Oberarztes, dann als erster Assistent.

Ihre Aufgaben im OP?

Schnitte machen, den Brustkorb aufsägen, das darf ich mittlerweile schon. Oder den Patienten an die Herz-Lungen-Maschine anschließen. Auch Herzschrittmacher habe ich schon eingebaut. Kleinere Eingriffe eben.

Wie viel Mut gehört als Anfängerin dazu?

Im OP ist man ja nie alleine, sondern hat immer erfahrene Kollegen um sich. Viel aufregender waren meine ersten Dienste allein auf Station: Es gibt immer Situationen, da ist der Oberarzt nicht mehr im Hause, und du hast die ganze Verantwortung für die Patienten. Am Anfang hat mir das schon Angst gemacht, speziell wenn ich frisch operierte Patienten da hatte.

Was war die für Sie bis dato heikelste Situation?

Da ging es um ein 13-jähriges Mädchen. Sie war nach ihrer Herz-OP an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen.  Als  sie sich stabilisiert hatte, wurde die Maschine abgebaut. Genau in dieser Nacht hatte ich Dienst. Sie wurde plötzlich instabil, hatte keinen Puls mehr. Da musste ich schnell die Entscheidung treffen, bis der Oberarzt kommt. Ihre Mutter stand neben mir und hat die ganze Zeit geschrien. Ich habe auf dem Bett gekniet und das Mädchen reanimiert. So sind wir in den OP-Saal gefahren. Ich habe einen Gefäßchirurgen zu Hilfe geholt, der hat die Leisten freigelegt, bis mein diensthabender Oberarzt kam und das Kind wieder an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen hat. Sie hat überlebt und alles gut überstanden. So etwas kann man nicht vergessen.

Werden Sie nach ihrer Ausbildung wieder nach Kuwait zurückgehen?

Auf jeden Fall. Ich habe das daheim unserem Staat gegenüber auch unterschrieben, dass ich definitiv zurückkommen werde. Ich sehe mein Leben dort. Wir haben in Kuwait sehr viele ausländische Ärzte. Wir brauchen aber auch gute einheimische Ärzte.

Wie sehr fordert Sie ihr Beruf?

Wir haben jeden Tag zwei Operationen – eine am Vormittag, eine am Nachmittag. Jeder Eingriff dauert drei bis vier Stunden – Minimum. Die Zeit vergeht im Flug, man ist hochkonzentriert und muss zu 100 Prozent da sein. Aber ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen.

Wie gehen Sie mit dem Stress um?

Ich versuche, meinen Stress zuhause zu lassen. Ich denke mir: Das, was du tust, ist das, was du wolltest. Du hast dafür alles andere zurückgelassen.

Haben Sie es als junge Frau schwerer in diesem Metier als männliche Kollegen?

Als ich in Ulm angefangen habe, war ich die einzige Frau im Team. Das war schon ein bisschen unangenehm. Vor allem im Umgang mit den jungen Kollegen. Ich habe immer die doppelte Arbeit aufgebrummt bekommen, so nach dem Motto: „Kannst du bitte noch die Station aufräumen?“ Ich habe Schritt für Schritt lernen müssen, mich da durchzusetzen.

Wie?

Ich habe allen Kollegen klar und deutlich gemacht: Ich lasse mir nicht alles gefallen. Die Arbeit muss gerecht verteilt sein. In Teambesprechungen habe ich das  öffentlich thematisiert, auch vor vorgesetzten Ärzten. Etwa: „Wir waren gestern zu zweit.  Das Schreiben des Arztbriefes war doch Deine Aufgabe. Du musst das dann auch machen.“ So habe ich es geschafft, Respekt zu bekommen. Vielleicht war ich da auch manchmal zu aggressiv, etwa, wenn ich einem Oberarzt gesagt habe: „Reden Sie nicht so mit mir, ich bin kein Kind mehr.“

Die alten Hasen haben mehr Erfahrung. Da muss man sich doch schon auch was sagen lassen als Anfängerin.

Natürlich. Aber es geht ja oft nicht nur um Fachliches, sondern auch darum, wie man mit Patienten umgeht. Das hat viel mit Menschlichkeit zu tun. Patienten sind keine Maschinen, die nach der Operation wieder funktionieren müssen. Wenn ich zum Beispiel die Station die ganze Woche betreut und einen Patienten gut kennengelernt habe, dann kriege ich eben viele persönliche Dinge mit, die ein Oberarzt vielleicht nicht mitbekommen hat. Dann will ich bestimmte Dinge auch so regeln dürfen, wie ich es für richtig halte.

Eine Herz-OP ist ein schwerer Eingriff, es geht um Leben und Tod. Sprechen Sie Ihren Patienten vorher Mut zu?

Ja. Man muss aber immer immer wahrhaftig bleiben. Ich sage meinen Patienten: „Ihr Herz wird für die Dauer der OP stillgelegt. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, hätte ich auch Angst.“ Aber ich mache ihnen auch klar, dass sie an der Uni-Klinik in sehr guten Händen sind, dass sich ein kompetentes Team um sie kümmert. Dass ein Patient während der OP stirbt, kommt sehr selten vor. Ich habe es erst einmal erlebt.

Würde Ihre Oma heute noch leben, würden Sie sie operieren?

Ich würde auf jeden Fall dabei sein wollen.

Zur Serie

Mut Substantiv, maskulin: Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden; Furchtlosigkeit angesichts einer Situation, in der man Angst haben könnte; grundsätzliche Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält – so definiert es der Duden.

Interviews In unserer Sommer-Reihe wollen wir uns dem Thema „Mut“ von unterschiedlichen Seiten nähern: Es kommen unter anderem zu Wort: ein Extrembergsteiger, ein Friedensaktivist, eine Polizistin, eine Krankenschwester, die in Krisenregionen hilft.

Zur Person

Biografie Als der Irak 1990 in Kuwait einfiel, war Fatma Ashkanani sechs Jahre alt und gerade mit ihren Eltern in der Türkei im Urlaub. Trotz Besatzung und Krieg entschied sich die Familie zur Rückkehr in die Heimat. Nach der Befreiung Kuwaits führte Ashkanani „ein ganz normales Leben“. Sie machte in Kuwait Abitur und begann zunächst ein Studium der Politikwissenschaften. Als sie zum Medizinstudium nach Marburg kam, sprach sie kein Wort Deutsch. Die Sprache lernte sie in ihrer Gastfamilie. Ashkanani hat zwei jüngere Geschwister und ist mit einem kuwaitischen Zahnarzt verheiratet, der mit ihr in Ulm lebt.

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