Münster Erzengel Michael im Münster - „Abhängen ist auch keine Lösung“

Verena Schühly 01.07.2017

An der sechs Meter großen, wuchtigen Figur des Erzengels Michael im Münster scheiden sich die Geister. Seit einigen Wochen gehen die Wogen der Debatte wieder hoch. Manche fordern: Weg mit dem „Hitler-Engel“ oder „Kriegsgott“, weil er im Jahr 1934 aufgehängt eine Inszenierung der Nazis ist und keine biblische, sondern eine politische Botschaft hat. Auch für den Kirchengemeinderat der Münstergemeinde ist es ein heißes Thema. Doch er hat sich mit großer Mehrheit dafür entschieden, die Messingfigur an Ort und Stelle zu lassen – als mahnende Erinnerung an eine dunkle Zeit und auch eigenes Versagen. Dazu ein Gespräch mit Münsterpfarrer Peter Schaal-Ahlers.

Um was geht es in der biblischen Geschichte des Erzengels Michael?

Peter Schaal-Ahlers: Wörtlich übersetzt heißt der Name: Wer ist wie Gott? Michael ist in der apokalyptischen Tradition der Engelfürst, der in der letzten Zeit vor dem Ende erscheinen wird. Er tritt gegen das Böse auf den Plan und besiegt den Drachen. Das ist eine tröstliche Botschaft.  In der Kunstgeschichte wird er auch oft in richtender Funktion als  Seelenwäger dargestellt, mit den Attributen Schwert und Waage.

Was für eine Figur ist der Michael im Münster?

Er ist eindeutig keine biblische Gestalt. In den ersten Entwürfen hatte die Figur noch ein gesenktes Schwert. Aber letztlich aufgestellt wurde sie mit erhobenem Schwert und in drohender Haltung. Sie wirkt martialisch. Ich sehe eine revanchistische Figur, die eine politische Haltung ausdrückt. Es ist auch bezeichnend, dass die Figur fürs Münster gefertigt wurde und nicht für die Pauluskirche, die damals die evangelische Garnisonskirche war. Die Verantwortlichen haben ins Münster gedrängt, wegen dessen Funktion als städtischem und nationalem Symbol.

Verkörpert die Figur des Künstlers Ulfert Janssen einen Kriegsgott?

Dieser Michael ist kein Bote Gottes, der zwischen Gott und den Menschen vermitteln würde. Diese Michaelsfigur ist übergroß. Der Drache zu seinen Füßen geht ja vor lauter Kraftandrohung fast unter. Aber die Chiffre Kriegsgott hilft hier nicht weiter.

Aus welcher Geisteshaltung heraus ist er entstanden?

Anlass war die katastrophale Erfahrung des Ersten Weltkriegs. Das Weltbild vieler Menschen war dadurch zerbrochen. Es gab einen tiefen Schmerz über die Tausenden von Toten, die man mit einem Denkmal würdigen wollte. Zusammen mit der Schmach der Niederlage wurde daraus eine gefährliche Melange, die politisch aufgeheizt wurde.

Könnte man den Michael denn einfach abhängen?

Erstens: Selbst wenn der Kirchengemeinderat einen solchen Entschluss fassen sollte, hätte der Denkmalschutz da mitzureden. Und der würde sicherlich nicht zustimmen: Weil dieser Michael ein herausragendes Beispiel dafür ist, wie dem Christentum widersprechende Inhalte in einen Kirchenraum eingetragen und zu einer Inszenierung genutzt wurden. Jeder Prediger auf der Münsterkanzel kann jeden Sonntag sehen: So kann es kommen.

Und zweitens?

Zweitens steckt hinter der Forderung, den Michael abzuhängen, der Wunsch, etwas loswerden zu wollen, was uns Heutigen nicht mehr gefällt. Aber es ist zu einfach, einen Schlussstrich zu ziehen, indem man aus diesem wirklich sperrigen Ort eine heitere Friedenshalle macht. Gewalt ist weltweit alltäglich. Ich verstehe es als unsere Aufgabe, erwachsen zu glauben. Damit meine ich, dass wir uns den schwierigen, dunklen und schmerzlichen Anteilen unserer Geschichte stellen. Das zeigt eindrücklich die Figur des Schmerzensmanns im Münster.

Wird sich der Kirchengemeinderat jetzt weiter mit dem Thema beschäftigen?

Ja, wir haben eine Arbeitsgruppe gebildet, um uns dieser Herausforderung des Michaels im Münster zu stellen. Wir werden dazu auch noch Referenten einladen, um die Geschichte der Michaels-Figur zu erhellen. Wir denken an verschiedenen Formaten herum. Wie wäre es, Briefe von Soldaten und Witwen in der Turmhalle zu lesen? Möglicherweise wird  daraus dann auch ein Heft entstehen.

Erstaunt Sie der Ton, in dem Debatte geführt wird?

Ich hatte Anrufer, die sagten: Wenn der Michael bleibt, trete ich aus der Kirche aus. Ich hatte aber auch Anrufer, die sagten: Wenn der Michael wegkommt, trete ich aus. Festzustellen ist ein aufgeschraubter Moralismus, in dem mit rasender Schnelligkeit Urteile gefällt werden. Was aber oft fehlt, ist die nüchterne Betrachtung. Genau das sehe ich als unsere Aufgabe.

Braucht es überhaupt im Münster ein Denkmal für die Gefallenen der Kriege?

Das ist eine Frage, die unsere ganze Gesellschaft betrifft: Wie gedenken wir der Opfer? Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Es wird darum gehen, eine kulturelle Gedenkkultur zu entwickeln. Ich bin überzeugt, dass ohne Erinnerungskultur und kritische Aneignung der Geschichte keine Vision für die Zukunft entstehen kann. Das Münster ist über Jahrhunderte eine Bürgerkirche gewesen. Da reicht es nicht aus, die eigenen Befindlichkeiten zu betrachten. Wir alle müssen es lernen auszuhalten, wenn Fragen nicht zu beantworten sind.

Das heißt, das Münster lässt Widersprüche zu?

Aber sicher doch. Beispielsweise gibt es in einem Fenster der Bessererkapelle den stereotypen Juden mit dem Spitzhut im Höllenschlund. Ein dunkles Bild. Eine bleibende Wunde sind auch die Reste des Karg-Altars. Das ist doch stark, wenn eine Kirchengemeinde mit diesem Torso zugibt: Ja, der Bildersturm ist Teil unserer Geschichte. In der Reformation wurden hier Kunstwerke zerstört.

Seit Anfang April gibt es ein Schild mit einem erklärenden Text zum Michael. Haben Sie dazu schon Reaktionen bekommen?

Viele Besucher haben den Text abfotografiert. Außerdem wird es ab Mitte Juli die App „Stimmen des Münsters“ geben, die an verschiedenen Punkten in der Kirche mittels kleiner Hörspielen die Geschichte und Geschichten des Münsters erläutert. Eine Station dabei ist dann auch der Michael, an dem die Problematik des „sperrigen Gesellen“ (so wird er im Ratskeller genannt) entfaltet wird. Die Botschaft lautet hier ebenfalls: Abhängen nützt nichts, es macht die Welt nicht besser. Sondern wir müssen uns als Christen den unangenehmen Dingen stellen.

Echte Michaels-Kirche mitten in Ulm

Gebäude In der katholischen Kirche Sankt Michael zu den Wengen  gibt es noch das Ölbild vom Engelsturz, das früher am Hochaltar der Kirche hing. Gestaltet wurde es Mitte des 18. Jahrhunderts von einem unbekannten Barockmaler. Es hängt über dem Durchgangsbogen vom Chorraum zum Schiff. Das Ölbild zeigt den entscheidenden Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, bei dem Michael mit dem Flammenschwert Satan und seine Gefährten vom Himmel ins Höllenfeuer stürzt.