Jasmin Thelen (20) aus Neu-Ulm schreibt gerne politisch motivierte Kurzgeschichten.


Nur (m)ein Leben

Arbeit. Heute ist der 24.04. im Jahr 2013, doch das ist mir egal. Mittlerweile spielt es für mich kaum noch eine Rolle, dass ein neuer Tag angebrochen ist. Er wird ja sowieso nicht anders verlaufen als der vergangene.

Schweigend mache ich mich bereit, um erneut in die Fabrik zu gehen. Eigentlich ist es heute verboten, das Gebäude zu betreten, weil gestern Risse in der Fassade entdeckt worden waren. Aber ich muss arbeiten. Die Leute sagen, dass sie mich für immer von der Fabrik wegschicken, wenn ich heute nicht komme. Es ist notwendig. Meine Familie ist arm. So arm, dass sowohl ich als auch meine Geschwister Geld verdienen müssen, um überleben zu können. Ich verbiete mir einen Gedanken daran zu verschwenden, dass andere Kinder zur Schule gehen dürfen. Ich verbiete mir den Gedanken an meine Zukunft und dass meine Kinder wohl auch nie zur Schule gehen werden können. Wie jeden Morgen verlasse ich unser Haus, als es noch dunkel ist. Es sieht aus wie eigentlich alle Familienhäuser, die ich kenne. Nicht sonderlich groß und stabil, aber immerhin haben wir zwei Räume. Einen zum Schlafen und einen zum Kochen. Ich kenne auch Familien, die nur halb so viel Platz haben wie wir.

Ich bin in Gedanken vertieft, als ich die Fabrik namens Rana Plaza erreiche. Wie immer. Sie sieht von außen fast so aus wie unser Haus, nur viel größer. Drinnen sitzen wie immer hunderte Arbeiterinnen. Es ist eng, weil die Leute wollen, dass so viel wie möglich gearbeitet wird, deshalb wird kein Platz verschwendet, und es stinkt, da die Kleidung auch hier gefärbt wird. Schnell gehe ich auf meinen Platz hinter einer Nähmaschine und fange an Teile zusammenzunähen. Wenn ich nicht schnell genug bin, bekomme ich weniger Geld. Aber das passiert mir fast nie, und das ist auch gut so. Trotz der 1800 Taka, die ich im Monat verdiene, essen wir seit Wochen lediglich Reis und etwas Fleisch, da für andere Dinge das Geld fehlt. Ich arbeite schon seit einiger Zeit hier, weswegen ich die verschiedenen Schritte beinahe im Schlaf beherrsche. Es ist immer und immer wieder das Gleiche.

Früher hatte ich oft ein schlechtes Gefühl, wenn ich an meine Arbeit dachte. Ständig hatte ich Gedanken im Kopf, dass mein Rücken schmerzt vom langen Sitzen über der Nähmaschine, dass ich schlecht Luft bekomme weil der Gestank der Färbemittel so sehr in der Lunge brennt oder dass es sehr langweilig ist 12 bis 14 Stunden am Tag das Gleiche tun zu müssen. Meine Mummy hat immer gesagt, dass ich ein schlaues Kind wäre, aber was nützt mir das, wenn ich doch immer nur nähen muss?

Mittlerweile denke ich einfach gar nicht mehr an solche Dinge. Ich fühle nicht mehr. Ich habe gelernt zu funktionieren. Meine Familie braucht das Geld, also arbeite ich um es zu verdienen.

Ich nähe und nähe. Das einzige worüber ich mich freue ist, dass heute keine unfreundlichen Leute da sind, die sind immer so laut und sagen dass wir schneller sein müssen, obwohl jeder von uns so schnell ist wie es geht.

Seit einem Kind, das in unserer Nachbarschaft lebte, von solchen Leuten so wehgetan wurde, dass es gestorben ist, versuche ich alles noch besser zu machen. Ich weiß nicht, ob ich mehr Angst davor habe, dass sie mir wehtun, oder wie es meiner Familie geht, wenn ich ihnen nicht mehr helfen kann Geld zu verdienen.

Eigentlich darf ich gar nicht arbeiten. Ich bin zu jung. Ich habe zwar noch nie einen Geburtstag gefeiert, aber ich bin ganz sicher noch nicht 14 Jahre alt. Das spielt keine Rolle. Es ist nie jemand gekommen, um zu überprüfen wie alt ich bin. Es ist verboten, warum sollten dann noch Kontrollen durchgeführt werden?

Ein lautes Geräusch lässt mich aus meinen Gedanken hochschrecken. Es hört sich an wie ein Knirschen und Stöhnen, als hätte das Gebäude schwer zu arbeiten unter seinem Gewicht. Ich mache mir aber keine Sorgen. Das ist schon öfter vorgekommen und es ist nie etwas passiert. Ich blicke nicht mal von meiner Arbeit auf.

Doch heute hören die Geräusche nicht wie normalerweise nach ein paar Momenten wieder auf. Das Knirschen wird immer lauter und die ersten Näherinnen fangen an irritiert um sich zu blicken. Das traue ich mich nicht. Meine Angst ist zu groß, ich könne die geforderte Zahl heute nicht schaffen. Ich blende den Lärm aus und mache weiter. Es wird nichts passieren.

Bei dem nächsten Krachen bin ich mir da allerdings nicht mehr so sicher.

Staub wirbelt auf, als nicht weit von mir ein stützender Pfeiler einbricht. Ich bin verwirrt. Wie durch Watte dringen einige Schreie zu mir durch. Die Zeit beginnt Spielchen mit mir zu spielen. Alles scheint sich endlos hinzuziehen und in Zeitlupe zu geschehen und doch viel zu schnell vorbei zu gehen. Verschwommen nehme ich wahr, dass die Näherinnen anfangen zu den Ausgängen zu stürmen. Überall herrscht ein einziges großen Chaos. Und ich bin mittendrin. Ich will ebenfalls rennen, dieses Gebäude verlassen und diese aufkeimende Verzweiflung hinter mir zurück lassen, doch irgendetwas hindert mich daran. Ich stehe einfach nur da unfähig mich zu bewegen, einen klaren Gedanken zu fassen oder zu atmen.

Ein weiteres Beben geht durch die Fabrik. Staub verdichtet die Luft so sehr, dass ich meine Augen schließen muss.

Ich fühle lediglich, wie der Boden unter mir seinen Halt verliert und ich mit ihm.

Das Gefühl zu fallen hat nichts Befreiendes an sich. Es fühlt sich nicht an wie Fliegen. Es hat nichts von dem, wie ich mir als kleines Kind immer vorgestellt habe durch die Luft zu wirbeln und mit den Vögeln ein Wettrennen zu veranstalten.

Es ist grausam, endgültig und erbarmungslos.

Als ich falle sehne ich den Aufprall herbei. Ich möchte, dass das Gefühl zu ersticken aufhört. Nicht mehr atmen zu können, bei der Gewissheit, dass es gleich vorbei sein wird und die Schmerzen schrecklich sein werden. Doch als ich auf dem Boden aufkomme wünsche ich mir, das Fallen wäre länger gewesen. Nicht nur wegen der glühenden Schmerzen, die wie ein Orkan bringender Wind durch meine Adern zischt, sondern weil ich mehr Zeit haben will ein paar klare Gedanken zu fassen. Ich habe keine Zeit dazu gehabt an meine Familie zu denken. Ich habe keine Zeit dafür gehabt zu beten. Ich habe mir keine Hoffnung gemacht. Ich habe nicht versucht zu überleben.

Jetzt erst beginnt sich ein Gedankenkarussell in meinem Kopf immer schneller und schneller zu drehen. Ich denke an all die Dinge, für die ich während des Fallens keine Zeit gehabt habe außer an das Überleben. Mir ist klar, dass ich sterben werde. Der Gedanke daran ist nicht so schmerzhaft wie ich dachte. Vielleicht deshalb weil mein Leben mehr ein Existieren gewesen ist.

Während meines Lebens habe ich nie gewagt zu träumen, Ziele zu haben. Alles was ich mir wünschte, schien so unmöglich. Es war ein einziges Nichts, bestehend aus Arbeit und Hunger.

Das einzige, was mir Sorgen bereitet, ist meine Familie. Ich bete, dass sie es schaffen werden und Gott ihnen Stärke gibt, ohne mich zu überleben.

Denn ich würde vergessen werden. Genauso wie dieses Unglück vergessen werden wird. Die Leute, die die Kleidung kaufen, die hier produziert wird - produziert wurde, werden es weiterhin tun. Und Menschen wie ich werden sie weiterhin nähen, unter den gleichen Bedingungen.

Warum sollte es eine Rolle spielen, was hier passiert ist?

Leute vergessen gerne, was sie nicht wissen wollen und das werden sie auch weiterhin tun.

Und dann werde ich endgültig von einem schwarzen Nichts verschluckt und die brennenden Schmerzen und Gedanken sind endgültig fort.