Sabine Maria Egger (59) aus Neu-Ulm hat eine Geschichte zum Gedenken an Albrecht Ludwig Berblinger geschrieben


Flaschenpost aus der Donau

Dreiundzwanzig schwimmende Kerzen hatten sie schon herausgefischt aus der immer noch beschwingt dahinglucksenden Donau in dieser warmen Sommernacht. Die Streicherklänge des letzten Musikschiffs verhallten im Osten, während sich die Scharen von Schaulustigen allmählich verliefen. Auch dieses Jahr hatten wieder Tausende das Spektakel der Lichterserenade Samstag Nacht vor dem Ulmer Schwörmontag genossen. „Da sind noch zwei, da!“, rief Paul seinen beiden Freunden zu. „Hä, wo?“ Artur suchte mit der Taschenlampe die Wasseroberfläche ab, während Christoph schon mit einem Stecken zwei schwimmende Gefäße ans Ufer zu treiben versuchte. „Sie sind erloschen“, meinte er, „aber ich seh’ sie, ich krieg sie. Wir gewinnen!“

Die Dreizehnjährigen waren jetzt mit sieben Lichtern im Vorsprung vor der gegnerischen Mannschaft zwanzig Meter weiter. „Da, jetzt!“, rief Christoph, die Füße schon in der Donau, „ach, Mist, das sind ja nur Flaschen.“ „Was denn für Flaschen?“, fragte Artur. „Vom Schlössle.“ Christoph wollte sie gerade wieder ins Wasser werfen, als Paul ihn zurückhielt. „Schau mal, was ist das?“ Die drei Jungen beleuchteten die Bierflaschen mit ihrer Lampe. Eine sah schon sehr alt aus und war verkorkt, die zweite eine fast nagelneue Bügelflasche mit solidem Gummiring. Beide waren verschlossen und trugen grüne erhabene Kleckse. „Hej, das sind ja Siegel!“ Artur, der schon viele historische Romane verschlungen hatte, besah sich die alte Flasche näher. „Und da steckt was drin!“

Die Jungen vergaßen ihre Schwimmkerzen, setzten sich ins Ufergras und öffneten vorsichtig mit dem Korkenzieher des Taschenmessers zunächst die ältere Bierflasche. Mit spitzen Fingern pulten sie einige Papierrollen heraus, die eng beschrieben und vollkommen trocken waren. „Kann man ja gar nicht lesen…“, maulte Paul. „Quatsch, das ist Kurrentschrift, so hat man früher geschrieben.“ Artur kannte sich aus, nahm die Taschenlampe und begann langsam vorzulesen…

„Ich, der Unterzeichnete, heiße Josef Bader und gehöre zum Geschlecht der unsterblichen Philosophen. Mein Beruf ist es, die Zeitläufte zu beobachten und zu notieren. Und hin und wieder zu kommentieren, im Rahmen des Großen und Ganzen. Ich schreibe das Bewahrenswerte auf Papiere, die ich, thematisch sortiert, in Bierflaschen stecke: die bewährten Glasflaschen der Offenhausener Schlössle-Brauerei mit den soliden Korken.

Ich lebe in einer Zille auf der Donau bei Ulm, so wie mein antiker Meister in einer griechischen Tonne lebte. Der Vorteil der Zille ist, dass sie meistens nur gemächlich schaukelt, was die Gedanken sanft anstößt und ruhig weitertreibt. Es besteht keine Gefahr, dass irgendwelche bösen Buben mir schlimme Streiche spielen, die meinen Kopf zu einer Salatschleuder machen, so wie es meinem großen Kollegen einst in Korinth geschah. Das Einzige, was mir widerfahren kann, ist Möwenkot auf dem kahlen Schädel oder unerwünschtes Schwemmgut im Boot, wenn die Iller zu viel mitbringt.

Die mit Überlieferung und schweren Donaukieseln gefüllten, verschlossenen und versiegelten Bierflaschen vertraue ich der Donau an, wo die Gehilfen des Regionalarchivars, eine Truppe flinker Flussforellen, sie in Empfang nimmt und, sofern ich sie korrekt etikettiert habe, in die entsprechende Abteilung des Archivs weiterleitet. Manchmal vergesse ich leider die Kiesel, so dass die eine oder andere Flasche an der Donauoberfläche weiterschwimmt und irgendwann irgendwo landet. Die Anwohner donauabwärts sind das schon gewohnt, hin und wieder bringen sie mir dann Archivflaschen wieder, denn ich bin zwar menschenscheu, aber bekannt. Es sind allerdings auch schon Dokumente für immer verschwunden – so wie in anderen Archiven auch.

Chefarchivar im Donaugrund ist der alte grüne Donauneck. Er und ich sind im Lauf der Jahrhunderte gute Freunde geworden. Von Zeit zu Zeit – meistens nachts, um kein Aufsehen zu erregen –, besucht er mich in meiner Zille. Ich habe immer eine ausreichende Anzahl noch originalbefüllter Schlösslebierflaschen in einem Eimer in der Donau hängen – angenehme Begleitnahrung für ein paar Stunden Austausch über die Geschichte unseres Flusses, wie sie jeder von uns beiden aus seiner Perspektive sieht.

Politik interessiert mich eigentlich herzlich wenig – der eine sagt dies, der andere jenes, und gemacht wird dann das, was der fetteste Geldsack will.

Einmal jedoch hatte die Politik etwas grundlegend verändert, was auch mich ganz persönlich betraf. Im Jahre 1810 kam Ulm zum Königreich Württemberg, während die ‚rechtsufrigen Siedlungen‘ bei Bayern verblieben. Meine Zille liegt seit jeher rechtsufrig – was für ein Wort! –, also auf bayerischem Gebiet. ‚Neu-Ulm‘ nennt sich jetzt mein Anlegeplatz. Schon komisch, ein Ufer gehört zu diesem Land, das andere zu jenem. Aber man wird sich daran gewöhnen wie an alles.

Auf der anderen Seite, also linksufrig, gibt es merkwürdige Typen. Es ist spannend, sie zu beobachten, denn die hiesigen sind eher langweilig, es passiert nicht viel, außer gelegentlichen kleinen Schlägereien vor dem ‚Schlössle’ oder dass Kinder meine Zille mit unflätigen Kohlezeichnungen verzieren.

Drüben aber, da lebte zum Beispiel ein gewisser Albrecht Ludwig Berblinger, von Beruf Schneidermeister. Er versah seinen Beruf in Biederkeit und nährte seine Familie leidlich. Dennoch konnte man ihn in seinem Schneiderstübchen öfters hängenden Kopfes lustlos vor sich hinbrüten sehen. Eine merkwürdige Traurigkeit erfüllte dann die Bewegungen seiner Hände, und hin und wieder stach er sich unwillkürlich heftig ins eigene Fleisch.

Möglicherweise kam das daher, dass Albrecht Berblinger im Grunde seines Wesens kein Schneider war. Zum Schneiderhandwerk war er gezwungen worden, als sein Vater starb und er mit dreizehn Jahren ins Waisenhaus kam.

Kommentar: Man soll keinen Menschen zu irgendetwas zwingen, nur weil vielleicht gerade die Bevölkerung wächst und Schneider gebraucht werden. Es kommt nichts Gutes dabei heraus: Die Kleidung wird schlecht, und der Mensch wird schlecht und verdrossen, weil sein Eigentliches unterdrückt wird.

Berblinger nun fand für sein Eigentliches ein Schlupfloch, indem er nebenher mechanische Geräte erfand, zum Beispiel eine sehr nützliche Beinprothese. Unproblematisch war diese Nebentätigkeit nicht, denn seine Zunft, die streng darauf achtete, dass er ausschließlich seinen erlernten Beruf ausübte, drohte ihm mit Ausschluss, also Berufsverbot, und ließ ihn hohe Strafen zahlen für sein Steckenpferd. Das brachte ihn in arge finanzielle Bedrängnis.

Kommentar: Ach, ich träume oft von einer Zukunft, in der den Menschen nicht alles vorgeschrieben wird, in der sie auch das tun dürfen, woran ihr Herz hängt und dass ihnen dafür bei all der täglichen Plackerei auch noch genügend Zeit bleibt. Ob solche Zeiten jemals kommen werden? Der Neck ist in dieser Frage opti- und pessimistisch zugleich. Er ist überzeugt davon, dass die Menschen der Zukunft weniger arbeiten werden müssen, weil Genies wie der Berblinger hilfreiche Maschinen erfinden werden. Doch er glaubt nicht an die Weisheit der Menschen, die gewonnene Zeit auch sinnvoll zu nutzen…

Albrecht Berblinger jedoch ließ nicht ab von seiner Passion, und während er nachdachte, konstruierte und bastelte, begann in seinem Kopf ein verwegener Traum seine Flügel auszubreiten. ‚Bewegung‘ war für Berblinger das Zauberwort, es war die wilde Phantasie eines kleinen Schneiders, der den größten Teil des Tages auf einem Tisch sitzen musste bei einer ungeliebten Tätigkeit. Mit seinen Beinprothesen hatte er Menschen zum Gehen verholfen. Warum sollte er ihnen nicht auch zum Fliegen verhelfen?

Der Bewegungsdrang trieb Albrecht nachts nach draußen zu ausgedehnten Wanderungen die Ulmer Hügel hinauf und hinunter. Manchmal saß er auch still auf einem Baumstumpf und beobachtete den lautlosen Gleitflug der Eulen. Eulen sind schwere Vögel. Dennoch können sie mit Hilfe ihrer breitflächigen Flügel lange Zeit in der Luft liegen. Gleiten - Liegen - Flächen. Albrecht Berblinger spann diese Gedanken weiter in den vielen Nächten, in denen er, unzufrieden und getrieben von irgendetwas, keinen Schlaf fand. Und eines Morgens, als sein Schneiderstübchen leer blieb und auch kein Kunde etwas abzuholen hatte, legte er Nadel und Faden beiseite und begann zu zeichnen. Er zeichnete den ganzen Tag und hörte auch nicht auf, als seine Frau ihn zum Essen rief. Lasst mich in Ruhe, ich muss weitermachen… Abends lag auf seinem Arbeitstisch statt eines Herrenbeinkleides die vollständig ausgearbeitete Konstruktionsskizze eines Hängegleiters.

Die Familie Berblinger hatte nie viel Geld, doch nach diesem Tag, den Albrecht wie im Rausch mit dem Verfertigen seines Entwurfs verbracht hatte, wurde es noch schlimmer. Albrecht nähte weniger als je zuvor und verbrachte jeden verfügbaren Augenblick mit dem Einkauf von Material, dann mit dem Bau seines Fluggeräts. In den Wochen, während er baute, nahm er zehn Kilogramm ab, wertete das jedoch als technischen Vorteil.

Die Ulmer betrachteten sein Treiben mit verhaltener Neugier, wie es ihrem Naturell entsprach – soweit sie es betrachten konnten, denn Berblinger verlegte seine Flugübungsstunden auf den Michelsberg sowie den frühen Morgen oder den späten Abend. Man war sich einig, dass man es mit einem Verrückten zu tun hatte, auch wenn sein Apparat die Leute faszinierte und es sich zudem herumgesprochen hatte, dass auch andere Zeitgenossen den Traum vom Fliegen träumten, in Frankreich, in Baden, in der Schweiz. Vielleicht war das Unmögliche ja doch möglich?

Auch ich unternahm einen Ausflug auf den Michelsberg, abends, als es schon dunkelte - gehöre ich doch selbst zu den scheuen Sonderlingen. Ich sah ihn. Er flog von Gartenhaus zu Gartenhaus, ein gewaltiger schwarzer Schatten, ein nächtlicher Drache. Man traute ihm Himmel und Hölle zu.

Als ich dieses Erlebnis dem Neck erzählte, hatte der seine eigene Theorie – er war mit dem Untergründigen wesentlich vertrauen als ich selbst. ‚Es geht hier weder um Mechanik noch um Überwindung der Schwerkraft‘, meinte er, ‚es geht um die Schlössle-Tochter.‘

Das überraschte mich sehr, denn jedermann kannte den Berblinger als zwar weder glücklichen noch sonderlich erfolgreichen, aber immerhin ordentlich etablierten Familienvater. ‚Hast du’s nicht mitbekommen?‘, fragte mich der Neck. ‚Er war öfters hier, im Schlössle, um ihr ein Kleid anzupassen. Sie wird demnächst Brautjungfer ihrer besten Freundin sein, der Eilinger Margret. Und sie wollte das Kleid nur von ihm machen lassen, von niemandem sonst. Keiner hat das begriffen, ausgerechnet von ihm.‘ ‚Warum denn das?‘ Auch ich begriff es nicht. ‚Weil sie ein kluges Kind ist. Sie spürt, was in ihm steckt. Er ist einer der Wenigen. Er kann sich in Gedanken über diese ganze Enge hinwegschwingen. Dir dürfte dergleichen doch nicht fremd sein. Es treibt ihn über alle Grenzen hinaus. Irgendwann wird er beweisen, was er kann, er wird etwas aus sich machen, was keiner hier ihm zutraut. Er wird sich als ihrer würdig erweisen, trotz aller Hindernisse. Es handelt sich um Liebe, wenn du verstehst. Keiner wird das akzeptieren können, die Ulmer Berblinger-Sippe nicht und schon gar nicht der Neu-Ulmer Schlössle-Clan. Es ist wie damals in Verona. Uns steht großes Theater bevor, du wirst schon sehen.‘

Manchmal wurde ich nicht schlau aus dem Neck und fragte mich, wer von uns beiden der Philosoph war und wer der Archivar. Ich beschloss abzuwarten und bereitete Federn und Tinte vor, denn am 30. Mai 1811 drohte tatsächlich ein Großereignis. König Friedrich kam zu Besuch, brachte den kratzbürstigen Ulmern, die ihn nicht recht leiden mochten, ordentlich Gulden mit und wollte ihnen zur Verbesserung der Stimmung ein besonderes Spektakel gönnen. Hauptakteur sollte Albrecht Berblinger sein mit einer nie gesehenen Flugvorführung.

Doch das Schicksal hatte sich gegen Berblinger verschworen. Dem fetten König wollte man den Weg bis zum Michelsberg, dem idealen Startplatz Berblingers unzähliger Flugversuche, nicht zumuten. Also suchte Berblinger den höchsten Punkt im Stadtbereich, die Adlerbastei, von wo aus er die Donau überfliegen wollte. Von Luftströmungen wusste er nichts – und der Neck, der die Abwinde über der kalten Donau kannte, konnte es ihm nicht sagen, weil er niemanden durch sein plötzliches Auftauchen erschrecken wollte. Der Schlösslewirt, fest entschlossen, die zarte Romanze seiner Tochter zu sabotieren, ließ fässerweise Freibier ausschenken, was die aggressive Häme des Publikums steigerte, während es dem in seine Rolle gezwungenen Starakrobaten jeden vernünftigen Gedanken austrieb.

Es wurde ein desaströser Absturz.

Keine Flugmaschine glitt mit ihrem stolzgeschwellten Lenker hinüber, kein Fluss wurde überflogen, keine Grenze überwunden, nicht einmal die harmlos schmale Donau. Volk und Zeitungsschreiber verspotteten den Berblinger genüsslich, und die Schlössle-Tochter, die in Berblingers Kleid den Brautstrauß der Margret gefangen hatte, heiratete – mit beiden Füßen auf dem Ulmer und Neu-Ulmer Boden und ohne sich zu weiteren Liebesträumen aufzuschwingen – kurze Zeit später ein wohlhabendes Mitglied der Fischerszunft.

Und ihn, den Utopisten, fischte man mit Schmach und Schande wie eine Wasserratte aus der Donau, er wurde nie wieder ganz trocken und starb später, nach weiteren Misserfolgen, an ‚Abzehrung‘, wie ein Chronistenkollege schreibt. Oder ‚Auszehrung‘. Jedenfalls an Verlust jeglicher Substanz.

Ich habe Skrupel, dies alles so aufzuschreiben, wie es war. Es wird zersetzend wirken auf Zucht und Ordnung. Ein Familienvater, der seine ehrliche Arbeit vernachlässigt, gegen seine Zunft aufbegehrt, die Seinen hungern lässt um einer drallen Brauereitochter willen – unmoralischer geht’s kaum noch. Der Neck rät mir rotzfrech zu Geschichtsklitterung. ‚Utopie, Utopie‘, nuschelt er nach der dritten Flasche Bier, ‚versteht doch eh keiner, und Liebe, Grenzüberschreitung – Blödsinn! ‚Schuster, bleib bei deinen Leisten‘, heißt es so wunderbar klar, ‚Schneider, bleib bei deinem Zwirn‘ machst du draus, die Geschichte hat eine Moral, die Leut’ sind zufrieden, was willst du mehr?‘

Ich wollte schon mehr, zugegeben. Ich wollte alle späteren Leser beflügeln, an ihren Träumen festzuhalten, Hindernisse als überwindbar zu sehen. Albrecht Berblinger war ein glücklicher Mensch, das konnte man sehen, wenn man ihn nachts über die Gärten des Michelsbergs schweben sah. Er musste keinen Stein hinaufrollen, er musste sich nur fallen lassen und dem tragenden Aufwind hingeben, den er nicht kannte, nicht einschätzen konnte, den er aber erfühlte und dem er vertraute. In seinem Herzen wohnten Liebe und Utopie, mehr braucht einer nicht. Grenzen überwinden – zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Kontinenten, zwischen zwei Geschlechtern. Die Schlössle-Tochter erschien ihm, von der Liebe verklärt, über- oder unterirdisch wie eine Flussnixe, eine Donaunymphe.

Das Wasser war viel zu tief. Oder?

Einstweilen notiere ich die dürren Fakten mit einem moralisierenden Kommentar, die Geschichte eines Scheiterns, wie alle Welt sie sieht.

Wir beide, der Neck und ich, wissen mehr, und die Nachwelt wird uns vielleicht verstehen.

Diese Aufzeichnungen bekommen das Etikett ‚privat’.

Neu-Ulm, im Februar 1829, Josef Bader“

„Komische Geschichte“, meinte Artur, nachdem er sich mühsam und mit allmählich verdimmender Taschenlampe durch Josef Baders Text gequält hatte. Paul und Christoph waren längst im feuchten Gras eingeschlafen. „Au weia, schon nach Mitternacht!“, rief Artur mit einem Blick auf sein Handy, „nichts wie heim, hoffentlich hocken unsere Eltern noch im Biergarten…“ „Ach“, gähnte Christoph, „die quatschen noch, die hätten sich sonst schon längst gemeldet.“ „Was machen wir mit der zweiten Flasche?“, fragte Artur. „Nimm du sie ruhig mit, ich jedenfalls hab’ keinen Bock auf noch mehr langweilige Flussgeschichten, die Schullektüre ist schon ätzend genug“, meinte Paul. Christoph stimmte zu: „Dann bis übermorgen zum Nabada, vergesst die Wasserbomben nicht!“ Und alle Drei schwangen sich auf ihre Räder und spurteten auf dem spärlich beleuchteten Radweg nach Hause.

Zu Hause in seinem Bett öffnete Artur die Bügelflasche der Schlössle-Brauerei. Die Notizen darin waren wesentlich knapper gefasst, es handelte sich um einen Computerausdruck von einer halben DIN-A-4-Seite:

„Was aus Albrecht Berblingers Erfindung sowie der Beweglichkeit zu Wasser und in der Luft in 200 Jahren geworden ist. Bemerkungen von Josef Bader:

Lange habe ich mich nicht mehr mit dem Thema beschäftigt, es gab so viel anderes – Kriege, Epidemien, Inflationen, ach ja. Es ist eine zunehmend schwierige Arbeit für einen unsterblichen Philosophen, alles im Auge zu behalten, zu vergleichen, zu bewerten und die Essenz zu finden. Ich habe viel zu tun, mein Hirn fühlt sich öfter einmal tatsächlich wie eine Salatschleuder an – auch das Erlebnis des Diogenes war wohl zukunftsweisend.

Es fehlt mir an Muße. Und an Inspiration. Vor allem auch an guter Gesellschaft. Der Neck ist leider gegen Ende des vorigen Jahrtausends zum Alkoholiker geworden und redet nur noch dummes Zeug. Möglicherweise liegt’s auch an der Wasserverschmutzung. Oder an dem furchtbaren Getümmel und Getöse jedes Jahr zum Ulmer Schwörwochenende. Forellen gibt es nicht mehr allzu viele, und die verbliebenen sind faul und unstrukturiert. Was zur Folge hat, dass es mit der Ordnung des Donauarchivs nicht zum Besten steht.

Die Trennung von Ulm und Neu-Ulm ist im Jahr 2019 das Normalste der Welt, so wie es für einige Jahrzehnte auch die von Ost- und Westdeutschland war, was heute keiner mehr erinnert. Beide Donaustädte, links- und rechtsufrig, verstehen sich mittlerweile nicht übel und organisieren auch mal was gemeinsam. Es ist kaum zu fassen, was in 200 Jahren passiert ist. Der Himmel ist überfüllt von sogenannten Flugzeugen, die jeden Menschen für wenig Geld an alle Orte der Welt bringen. Was hätte der Berblinger dazu gesagt!

Und die Politik ist zu einem Spektakel geworden; einmal im Jahr an einem schönen Sommertag wird zum Beispiel auf der Donau zwischen Ulm und Neu-Ulm alles thematisiert, bestaunt, belacht und danach wieder vergessen.

Alles ist möglich, jeder hat jede Menge Zeit, und den meisten fällt nichts ein, womit man sie sinnvoll verbringen könnte. Träume und Visionen hat kaum einer mehr, und wenn doch, so werden sie ihm schnellstmöglich ausgetrieben durch das, was ‚Sachzwänge‘ genannt wird.

‚Sachzwänge‘ ersetzen heute alles, was vor 200 Jahren Zwang ausübte: die Kirche, die Moral, die Gesellschaft, die Naturgewalten und die Sorge um das täglich Brot.

Vor zweihundert Jahren ist einer baden gegangen.

Heutzutage geht alles baden.

Alle gehen baden, fröhlich, mit Schlösslebier, in seltsamen Fahrzeugen auf unserer guten alten Donau.

Man nennt es ‚Nabada‘, Hinunterbaden. Und damit ist alles gesagt.