Helga Petri (76) aus Ulm hat diese märchenhafte Geschichte geschrieben


Die Apfelprinzessin

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein Prinz, der einzige Sohn seiner Eltern. Eines Nachts hatte er einen Traum: Er sollte die Apfelprinzessin heiraten. Zuerst gab er nichts auf den Traum. Aber als er drei Nächte hintereinander denselben Traum träumte, dachte er bei sich: „Ich werde sie suchen und finden!“ Nur ungern ließen ihn seine alten Eltern ziehen, wussten sie doch nicht, ob sie ihn je wiedersehen würden. Er aber ließ sich nicht aufhalten. Ohne Rast und Ruhe ritt er Tag und Nacht über Berg und Tal, Felder und durch Wälder, bis er eines Tages todmüde vom Pferd sank. Drei Tage und Nächte schlief er, da hatte er wieder drei Nächte denselben Traum: Er solle durch eine glühende Wüste, ein Tränenmeer und einen Feuerring reiten, bis er zum Glasberg gelangt. Dort ist die Apfelprinzessin gefangen, bewacht von einem siebenköpfigen Drachen. Wenn es ihm gelingt, dem Drachen alle sieben Köpfe auf einmal abzuschlagen, ist die Prinzessin erlöst und wird seine Gemahlin. Nachdenklich steigt der Prinz anderntags auf sein Pferd und reitet entlang eines Flusses. Da sieht er einen großen Fisch am Ufer, der vergeblich versucht, wieder ins Wasser zu gelangen. Voller Mitgefühl steigt der Prinz ab und befördert den Fisch unter Aufbietung aller seiner Kräfte ins Wasser. „Ich werde es dir eines Tages danken“, sagt der Fisch, bevor er davonschwimmt. Nun gelangte der Prinz zu der glühenden, heißen Wüste. Unter großen Schmerzen durchquert er diese. Seine Haut ist verbrannt, er vermeint, umzukommen. Mit letzter Kraft und zu Tode ermattet erreicht er das Tränenmeer. „Wie soll ich da hinüber kommen?“, fragt er sich verzweifelt. In diesem Augenblick erscheint der riesengroße Fisch, nimmt ihn auf den Rücken, taucht unter. Das Wasser heilt alle Wunden des Prinzen. Schöner und frischer als vorher taucht er auf. Am anderen Ufer angekommen, taucht der große Fisch noch einmal unter und speit eine solch gewaltige Ladung Wasser auf den Feuerring, dass dieser erlischt. Am Fuße des Glasbergs lag ein Adler. Er hatte einen Flügel gebrochen. Mit einem Stück Holz und Stoff, den er aus seinem Hemd gerissen hatte, verband der Prinz den Flügel des Adlers und schiente ihn. „Ich werde es dir danken“, sprach der Adler, „ich werde mit meinem Schnabel ein Loch in den Glasberg schlagen, dass du hindurch kriechen kannst. Drinnen hängt an der Wand ein Schwert. Wenn du aus der Flasche auf dem Tisch trinkst, wirst du so stark, dass du dem Drachen alle sieben Köpfe mit einem Schlag abschlagen kannst.“ Der Prinz tat, wie ihm der Adler geraten hatte. Nachdem er die Hälfte der Flasche ausgetrunken hatte, spürte er eine unbändige Kraft in seinen Armen. Und schon kam der siebenköpfige Drache auf ihn zu, spuckte Feuer und Schwefel. Der Prinz hob das Schwert und schlug ihm alle sieben Köpfe mit einem Schlag ab. Die Türe öffnete sich, die Apfelprinzessin trat ein. Aber wie sah sie aus! Ein kleines, verhutzeltes Frauchen mit einem verschrumpelten Apfel in der Hand trat auf ihn zu. Der Prinz hielt den Atem an vor Schreck. Doch dann sah er in den Spiegel hinter ihr. Ein Mädchen, schöner als Sonne, Mond und Sterne stand dort mit einem rotbackigen Apfel in der Hand. Er trat auf die Alte zu, drückte ihr einen herzhaften Kuss auf den Mund. Im gleichen Augenblick wurde die alte Frau zu einem wunderschönen Mädchen, schöner, als es im Märchen erzählt werden kann. „Du hast mich erlöst, Dich nehme ich zum Mann“, sprach sie. Zusammen mit seiner Braut ritt der Prinz in sein Vaterhaus zurück. Seine alten Eltern lebten noch und freuten sich über die Rückkehr ihres Sohnes und die schöne Schwiegertochter. Die Hochzeit wurde mit großer Pracht gefeiert. Und Kinder, Kinder bekamen sie genug.