Heidrun Heil (54) aus Ulm hat diese Kurzgeschichte geschrieben


Hat sich gewaschen

Yves war heute Morgen mit dem falschen Bein aufgestanden, er spürte es bereits im Badezimmer, als er wie immer seine Zähne auf einem Bein balancierend putzte. Dieses Quäntchen Sport gönnte er seiner Tiefenmuskulatur täglich, aber das war es dann auch schon mit der Bewegung. Heute konnte er sein linkes Bein keine zehn Sekunden in der Luft halten. Vielleicht lag es an dem merkwürdigen Traum der vergangenen Nacht: Er hatte geträumt, er sei Kaiser Caracalla, der Erbauer der berühmten Thermen in Rom, die heute nur noch als Ruinen zu besichtigen sind. Yves wusste nicht viel über diesen Kaiser, aber nach ihm war immerhin die Therme benannt, in der er seit vielen Jahren als Bademeister arbeitete. In seinem Traum schwitzte Yves in einem Dampfbad neben einem gutaussehenden jungen Mann, der sich zu ihm drehte: „Oh, großer Kaiser Caracalla, ihr habt diesen prächtigen Tempel erbauen lassen, welche Ehre für mich, dass ich neben euch sitzen darf.“ Bei diesen Worten legte der Jüngling eine Hand auf Yves schweißnassen Oberschenkel und drückte kurz zu. Yves, nein Caracalla, zuckte bei dieser Berührung zusammen, sprang auf und rief wütend: „Wie kannst du es wagen, Wüstling!“

Die Erinnerung an das Geträumte war so klar und intensiv, dass Yves heute unmöglich auf einem Bein balancieren konnte – frustriert spuckte er den Zahncreme-Schaum aus – und was danach im Traum geschah, verstörte ihn vollends: In seinem Zorn zog Caracalla einen Dolch aus seinem Badegewand und stieß ihn dem jungen Mann in den Bauch. Alles färbte sich in Windeseile mit Blut, sogar die Dampfschwaden waberten rötlich. Dann riss der Traum ab.

Wie um alles in der Welt kam Yves zu solch einem grausigen Traum? Hatte er den Jüngling womöglich umgebracht? Vielleicht hatte er Glück und konnte schwer verletzt überleben. Am meisten irritierte Yves der Zorn, mit dem er, Caracalla, zugestochen hatte.

Es war die Hand, mit der er jetzt seine Zähne putzte. Yves blickte kurz in den Badezimmerspiegel und sah roten Schaum in seinen Mundwinkeln, kein Wunder bei den heftigen Putzbewegungen, die mehr einem Schrubben glichen – da musste man ja Zahlfleischbluten bekommen.

Im richtigen Leben konnte Yves keiner Fliege etwas zuleide tun, war gutmütig und allseits beliebt bei den regelmäßigen Gästen der Therme. Er nahm seinen Job sehr ernst, war der erste, der kam, und der letzte, der die große Saunalandschaft abends wieder abschloss. Für seine Aufgüsse oder auch Massagen nahmen die Leute lange Warteschlangen in Kauf. Mit Mitte 50 war Yves mit allen Thermen-Wassern gewaschen, kannte sich bestens aus bei stimmungsaufhellenden Aromen, Eisgels, die selbst bei 95 Grad noch prickelnde Schauer auf die Haut zauberten oder Erlebnisaufgüssen, die einen mit Vogelgezwitscher in den Urwald entführten. Yves war Voll-Profi, und wenn er in der Sauna sein Handtuch schwang, um die Dämpfe zu verwirbeln und in die hintersten Winkel zu fächeln, entlockte er den Besuchern regelmäßig wohliges Stöhnen.

Wie immer standen die ersten Stammgäste heute pünktlich um 9 Uhr vor der auf 90 Grad aufgeheizten Vital-Sauna der Caracalla-Therme. Im Vorbeigehen nickte Yves kurz Gabi, Andrea und Gerhard zu. Man duzte sich hier überwiegend, und ein Blick auf den Kalender zeigte Yves, dass Gabi später noch eine Massage bei ihm gebucht hatte. Aber als erstes gab es einen belebenden Kräuter-Aufguss. Die Sauna war schon gut gefüllt, es herrschte gespannte Ruhe. Yves hatte die Mischung bereits vorbereitet und begann nach einer kurzen Erklärung, welche Kräuter belebend wirkten, mit feierlichem Ernst die Kelle über den heißen Steinen auszuleeren. Es zischte und knackte, und der Dampf ließ ihm vorübergehend die Augen tränen, er stand ja auch am dichtesten zum Ofen. Mit der Eleganz eines Toreros schwang Yves sein immer weißes Handtuch und fächelte die heiße Luft seinen Gästen zu. Die waren mittlerweile im Ah- und Oh-Modus, aber durch den Schleier seiner immer noch tränenden Augen sah Yves, dass sich die vorderen Reihen wegdrehten und zwei Gäste fluchtartig aus der Sauna stürmten.

„Yves, was hast du in die Mischung getan?“, schrie Gerhard auf. „Das ist heute wie ätzender Wüstenwind, au, das brennt wie Hölle!“ Jetzt stürzten alle Gäste zur Tür, stießen und rempelten ihre Nachbarn, bis sich jeder durch die enge Tür nach draußen gezwängt hatte. Yves liefen die Tränen, während er verzweifelt mit dem Handtuch die beißenden Dämpfe durch die geöffnete Tür nach draußen fächelte. Dort, im schonungslosen Licht des Atriums, bückten sich die nackten Leiber, wanden sich, röchelten, klopften sich auf den Rücken, schlugen sich mit nassen Handtüchern aus der Kneipp-Wanne auf die Köpfe, dass es nur so klatschte. Und Yves stand immer noch in der Sauna, mittlerweile tränenlos, der Nebel hatte sich gelichtet, und ekelte sich zum ersten Mal in seiner Laufbahn als Bademeister vor den fetten, grunzenden Körpern und schlaffen Gliedmaßen, die er zwar tagtäglich sah, aber nie so scharf wahrgenommen hatte wie in diesem Moment. Er bekam eine Gänsehaut. Was war denn bloß in die Mischung geraten? Hatte er versehentlich zu hoch dosiert? Gerhard kam wutschnaubend auf ihn zu: „Also Yves, das war nicht lustig, willst du uns hier vergiften? Ich war als junger Mann mal auf ’ner Demo, wo es Tränengas gab, das war ne ähnliche Erfahrung wie heute. Gabi ist noch völlig fertig, ich glaub’, sie hat jetzt echt ne doppelt so lange Massage verdient, meinst du nicht auch?!“

Yves nickte und konnte nur „Entschuldigung“ stammeln – sein Aufguss war viel zu stark geraten – viele der immer noch nicht ganz wieder hergestellten Saunabesucher starrten ihn an. Mehr fiel ihm selbst zu diesem Schlamassel nicht ein, aber plötzlich, warum auch immer, regte sich wieder die Erinnerung an seinen Traum. Er musste sich unbedingt schlau machen, wer dieser Caracalla war? Yves fühlte sich ein bisschen wie fremdgesteuert. Er musste sich dringend sammeln, und das ging am besten auf der Personaltoilette, die logischerweise der einsamste Ort in so einer Therme war. Auf der geschlossenen Kloschüssel sitzend, googelte Yves Caracalla auf seinem Handy. Der Typ war wegen seiner Brutalität gefürchtet gewesen, er hatte seinen Bruder ermorden lassen, und die Thermen hatte er erbaut, um sich bei den Römern beliebt zu machen. Ein hemmungsloser, machtbesessener Unhold, dieser Caracalla, und der schlich sich in seine Träume ein. Entsetzt legte Yves sein Handy auf den Spülkasten. Auf der Toilette betrachtete er sich lange im bodenlangen Spiegel. Zum Glück musste er hier nicht nackt herumlaufen wie all die anderen. Yves hatte zwar kräftige Oberarme vom vielen Massieren, aber sein Bauch hatte sich über die Jahre zu einer stolzen Kampfkugel entwickelt. Er war nicht groß, hatte kurze Beine und zu seinem Leidwesen ein Mondgesicht und Halbglatze. Yves strich prüfend unter sein Doppelkinn, er versuchte ein Lächeln, das eher wie ein Zähnefletschen aussah. Caracalla, er hatte die Bilder auf Google gesehen, wirkte so viel männlicher als Yves, die Haare des Imperators dicht um das kantige Gesicht mit den scharfen Augenbrauen gekräuselt. Energisch reckte Yves sein schlaffes Kinn nach vorn – vielleicht sollte er doch mehr Sport treiben? Warum war er auf einmal so streng mit sich?

In der Massage-Lounge wartete Gabi schon sehnsüchtig auf Yvchen, wie sie ihn immer liebevoll nannte. „Heute musst du extra lange machen, hat Gerhard auch gesagt. Ach, wie konnte das bloß passieren in der Sauna, Yvchen? Ich hab noch ganz verquollene Augen. Aber weil du es bist, verzeihe ich dir gnädigerweise.“ Gabi räkelte sich auf der Liege. Ihr Badetuch bedeckte nur dürftig den üppigen Hintern, der sich Yves wie ein Gebirge entgegenreckte. Er rieb sich kurz die Hände und träufelte das angewärmte Massageöl auf Gabis massigen Rücken. Dann griff er hinein und begann zu kneten. Bei Gabi war Yves noch nie auf einen Knochen gestoßen, vielleicht hatte sie gar keine, ein Walross wie sie brauchte womöglich keine. Unter Yves geübten Handgriffen juchzte sie drauflos. „Mach weiter, Yvchen, ah, wie ich das liebe.“

„Autsch!“ – „Nenn mich nie wieder Yvchen!“

„Du hast mich gekniffen! Das gibt’s doch gar nicht!“ Gabi hatte sich abrupt aufgesetzt, solch eine schnelle Bewegung hatte Yves ihrem Walrosskörper gar nicht zugetraut. Yves drehte sich von ihr weg – es war ihm plötzlich peinlich, Gabi völlig entblößt vor sich zu sehen. Sollte doch Gerhard ihr mehr Streicheleinheiten verpassen, sie schien immer regelrecht ausgehungert, wenn Yves sie massierte. Nein, er wollte das nicht mehr, schwabbelige, schweißige Rücken kneten war was für Perverse, Yves wollte nur noch raus aus diesem stickigen Raum, der sich hochtrabend Lounge nannte. Er bekam fast keine Luft und musste sich kurz auf der Liege aufstützen. Mittlerweile war Gabi aufgestanden und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Yvchen, ich seh doch, irgendwas stimmt heute nicht mit dir.“

„Nenn mich nie wieder Yvchen, hast du verstanden?!“ Yves konnte seine Wut kaum unterdrücken. Hatte er dieser Tussi nicht schon vorher gesagt, dass sie ihn nicht so nennen sollte? Er war doch keine Memme, kein Waschlappen, den man so demütigen konnte! Was bildete sie sich überhaupt ein?

Verängstigt hob Gabi ihr Badetuch vom Boden auf, schlang es sich hektisch um den Leib und verließ wortlos den Raum. So schnell würde die nicht wieder kommen. Heulte sich jetzt wahrscheinlich bei ihrem Gerhard aus, was für ein ungehobelter Kerl er war. Sollte sie doch, das musste einfach mal gesagt werden. Yves stieß einen lauten Seufzer aus und schlug sich mit den Fäusten auf die Brust, er musste Dampf ablassen.

Mittags holte er sich einen Revitalisierungsshake bei seinem Kollegen Johnny in der Wellness-Oasen-Bar. Johnny sah ihn mitleidig an: „Hab schon gehört, was dir heute Morgen beim Aufguss passiert ist. Die Leute sind ganz schön sauer gewesen.“ Yves quittierte Johnnys Kommentar nur mit einem Achselzucken, er hörte sowieso nur mit halbem Ohr zu, denn auf der anderen Seite der Bar stand die hübsche Anita, die nur selten zu Besuch kam. Sie sah heute wieder zum Anbeißen aus, das sonnengelbe Badetuch um ihren schlanken Körper passte perfekt zu den gebräunten Schultern. Yves winkte ihr zu, und sie lächelte kurz zurück, um sich dann gleich auf den Weg zum Thermal-Sprudelbad zu machen. Yves kannte mittlerweile ihre Gewohnheiten, er stürzte schnell seinen Shake hinunter und folgte ihr. Anita passte perfekt in sein verloren geglaubtes Beuteschema, es fiel Yves jetzt wie Schuppen von den Augen, wie sie da vor ihm ihren kleinen Hintern fortbewegte. Zu gern würde er ihn berühren und zudrücken… jetzt!

„Hey, was soll das?!“ Anita drehte sich empört nach hinten um.

„Ach, du bist es, Yves!“ Anita sah ihn überrascht und gleichzeitig prüfend an. Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, ihre Augen verengten sich zu Schlitzen: „Was fällt dir ein, Yves?“

„Das wollte ich schon lange mal machen“, entfuhr es Yves. Schon war es ausgesprochen, er konnte nichts mehr zurücknehmen. Yves wunderte sich über sich selbst, was war bloß in ihn gefahren. Gestern noch hätte er sich das nicht getraut. Ach ja, der Traum. Oh, Caracalla, du bringst völlige Unordnung in mein Leben!

Leider wandte sich Anita nun ab von Yves, er hörte nur noch, wie sie im Weggehen sagte: „Dann mache ich in Zukunft wohl besser einen Bogen um dich.“ Es klang fast ein bisschen bedauernd.

Als Yves abends die Therme verließ, wartete Gerhard vor dem Ausgang auf ihn, das war vorherzusehen. Gerhard, hochrot im Gesicht, schrie gleich drauflos: „Was fällt dir ein, du kleiner Waschlappen? Wie gehst du mit meiner Frau um? Guck dich doch an, machst plötzlich auf großer Macker – aber nicht mit uns!“ Drohend hob Gerhard seine Faust. „Wir haben uns schon bei der Leitung beschwert, das wird ein Nachspiel für dich haben. Wart’s ab, Freundchen, nein, Yvchen…“

Weiter kam Gerhard nicht, denn Yves Rechte war passgenau auf seinem Kinn gelandet, und zwar so gezielt, dass er nach hinten wegsackte und stöhnend auf dem Boden liegenblieb. Yves sah ungläubig seine Faust an, sie tat nicht einmal weh, außer Massagen war sie also auch noch für Abreibungen anderer Art gut – eine völlig neue Erfahrung. Aufgeputscht vom Adrenalin setzte Yves seinen Nach-Hause-Weg fort. Sollten sich die Leute doch beschweren, er würde morgen Urlaub nehmen, nein, besser gleich kündigen, nach Rom fahren und sich die Caracalla-Ruinen aus der Nähe ansehen. Und was dann kommen würde, ja, das wusste Yves auch noch nicht so genau.