Beate Quester-Brüning

(58) aus Ulm hat diese Kurzgeschichte geschrieben


Jagdzeit

„Aaargh!“ Frau Lüderitz-Schaumgruber stöhnte schmerzerfüllt auf, während Mechthild mit unverhohlenem Zorn immer fester zudrückte. Der Pickel war hartnäckig, aber das war nicht der Grund, warum die Kosmetikerin es heute an der schonenden Behandlung fehlen ließ, die ihre Kundinnen so sehr schätzten. Eine mit Blut vermischte Eiterfontäne spritzte aus dem Gesicht von Frau Lüderitz-Schaumgruber und schäumte die Wut in Mechthild weiter auf. Ihre Fingernägel gruben sich tief in die gequälte Haut der Kundin, die angsterfüllt und ergeben zugleich an die Decke starrte.

Hans, dieser hirnverbrannte Idiot! Wie hatte sie ihm so lange vertrauen können! Mechthild wischte den Eiter mit einem Kosmetiktuch ab und betrachtete die gelb-roten Schlieren, die das strahlende Weiß des Tuches durchzogen. Es war Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen – einen Schlussstrich? Was würde das ändern – war es dafür nicht zu spät? Hatte Hans sie nicht schon längst ruiniert und all ihre Träume und Ziele zerstört?

Mechthild suchte die faltige Haut von Frau Lüderitz-Schaumgruber nach weiteren Unreinheiten ab. Krampfhaft bemühte sie sich, ein höfliches Lächeln zustande zu bringen.

„Gleich haben wir es überstanden.“

Mit jedem Mitesser stieg allerdings ihre Verzweiflung, und sie spürte, wie ihre sonst so bedachtsamen Finger anfingen, zu zittern.

Seit über zehn Jahren waren sie verheiratet – Jahre, die sich nicht einfach ausdrücken und wegwischen ließen wie die Pickel auf Frau Lüderitz-Schaumgrubers Gesicht.

Anfangs waren Hans und sie glücklich gewesen – das perfekte Paar. Als sie sich kennenlernten, hatte er bei einem renommierten Epiliergerätehersteller im Vertrieb gearbeitet. Mechthild selbst hatte den heruntergekommenen Kosmetikladen ihrer Mutter auf Vordermann gebracht.

Den Wunsch nach Kindern hatte sie dem Ziel geopfert, als Inhaberin des besten Kosmetikinstituts am Ort in die höchsten Gesellschaftskreise der Stadt aufzusteigen. Dank der Fürsprache einer Kundin – der Ehefrau eines Bankdirektors – erhielt sie einen günstigen Kredit, mit dem sie das Geschäft von Grund auf modernisierte. Der Salon florierte, und es dauerte nicht lange, bis Mechthild sich einen gutsituierten Kundinnenstamm aufgebaut hatte.

Die Firma ihres Mannes hingegen hielt dem zunehmenden Druck ausländischer Billiganbieter nicht stand und ging in Konkurs. Mechthild wunderte sich, dass Hans keine neue Stelle fand. Die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen rechtfertigte er damit, dass die Aussichten in der Branche sich ungemein verschlechtert hätten. Es beschwichtigte sie ein wenig, dass er während seiner allmählich in einen Dauerzustand übergehenden Arbeitslosigkeit die Finanzverwaltung des Kosmetiksalons übernahm – eine Aufgabe, der sie selbst nur ungern nachging. Mechthild nahm zähneknirschend hin, dass Hans im Salon herumlungerte und ihren Kundinnen schöne Augen machte. Die wiederum ließen sich gerne von dem charmanten Herrn mit dem unwiderstehlichen Lächeln umgarnen. Solange es dem Geschäft nutzte, war sie bereit, darüber hinwegzusehen. Mit der Zeit wurden seine Besuche jedoch immer seltener und kürzer.

Anfangs schluckte sie die Nachmittage, an denen er unerreichbar war, weder zu Hause den Hörer abnahm, noch ans Handy ging. Sie schluckte, dass sich mal ein blondes, mal ein braunes Haar in dem Stoff seiner Anzugjacke verhakt hatte. Sie ertrug all das, solange sie sich einreden konnte, dass diese kleinen, schmutzigen Affären nichts bedeuteten gegenüber seiner tiefen Liebe zu ihr. Dann kräuselten sich immer die gleichen roten Härchen auf dem Anzugstoff, und diese Härchen ähnelten verdächtig der Lockenpracht ihrer besten Freundin Natascha, einer Fußpflegerin, die ihr Geschäft direkt gegenüber dem Kosmetiksalon betrieb. Hans’ Unerreichbarkeit verlängerte sich in die Abendstunden, wenn Mechthild schon längst die Tür des Salons hinter sich zugeschlossen hatte. Traf sie ihn zu Hause an, machte er einen abwesenden Eindruck, und sie vermisste die zärtliche Aufmerksamkeit, wegen der sie bisher über seine offensichtliche Untreue hinweggesehen hatte.

Vor einer Woche war Hans am helllichten Tag Hand in Hand mit dieser – mit dieser scheinheiligen Hure Natascha vor allen Augen, vor ihren Augen durch die Stadt spaziert und hatte sie damit zum Tratschthema Nummer Eins für ihre Kundinnen gemacht.

Was sie heute von der Frau des Bankdirektors erfahren hatte, die vor Frau Lüderitz-Schaumgruber auf dem Behandlungsstuhl gelegen war, brachte nicht nur ihre Ehe, sondern ihre ganze Zukunft endgültig ins Wanken. Zwischen Gesichtsmassage und Wimpernfärben hatte die Frau Bankdirektor sich besorgt erkundigt, ob Mechthild finanziellen Schwierigkeiten hätte.

„Ich möchte mich ungern nach einer anderen Kosmetikerin umsehen, denn bei Ihnen habe ich mich bisher in besten Händen gefühlt.“

„Wie kommen Sie darauf?“, hatte Mechthild verwundert nachgefragt. „Mein Geschäft geht blendend. Der Kredit sollte noch dieses Jahr abbezahlt sein, und ich spiele sogar mit dem Gedanken, eine Filiale zu eröffnen.“

Die Frau des Bankdirektors hatte sie mitleidig betrachtet.

„Ihr Mann hat sich in letzter Zeit um Ihre Finanzen gekümmert, nicht wahr? Sie vertrauen ihm zu sehr - und was dabei herauskommt, dürften Sie ja schon in anderer Hinsicht gemerkt haben.“ Mechthild hatte das Bedürfnis überkommen, der Frau Bankdirektor mit der Wimpernbürste die Augen auszustechen. Sie hatte sich mühsam zusammengerissen.

„Sie täuschen sich in meinem Mann. Er kennt sich gut mit Geld aus und hätte mich sicherlich über finanzielle Probleme informiert. Jetzt halten Sie bitte still, wir wollen ja nur die Wimpern und nicht auch noch ihre Nase schwärzen.“

Bei der Verabschiedung hatte die Frau Bankdirektor sie mit einem Blick bedacht, der ihr durch Mark und Bein gegangen war – eine Mischung aus Abschied, Bedauern und Sensationslust. Mechthild hatte sich bemüht, diesen Blick mit geradem Kreuz durchzustehen und ihn mit einem zuversichtlichen Lächeln abzuwehren.

 In der kurzen Pause zwischen Frau Bankdirektor und Frau Lüderitz-Schaumgruber hatte Mechthild zum ersten Mal seit langer Zeit auf dem Computer in dem kleinen Büro hinter dem Behandlungsraum ihre Konten aufgerufen. Beim Anblick der Kontostände war sie aus allen Wolken gefallen. In den letzten Monaten war keine Kreditrückzahlung mehr erfolgt. Wie auch. Ihre Konten waren leer. Blitzblank leer. Schlimmer noch, sie standen sechsstellig im Minus.

Hans hatte sie ruiniert, ihr schwer verdientes Geld verschleudert - wofür? Sie hatte einen Verdacht: Vor einiger Zeit hatte er von einer Aktie geschwärmt, deren Wert sich rasend schnell verzehnfacht hatte. Ein paar Wochen später hatte sie in der Zeitung gelesen, dass diese Aktie ins Bodenlose abgestürzt war.

Mechthild klatschte Frau Lüderitz-Schaumgruber eine Avocadomaske auf die Wangen, verteilte fahrig die giftiggrüne Masse über das Gesicht und ignorierte, dass die Augen der Kundin bedrohlich zu tränen begannen.

Sie wusch die Maske wieder ab, bevor sie, laut Packungsbeilage, ihre volle Wirkung erzeugen konnte. Fahrig überdeckte sie die Spuren der Behandlung mit Make-up und legte den nächsten Termin auf Hans’ Geburtstag, den sie eigentlich für eine Städtereise nach Berlin freigehalten hatte. Kurz angebunden verabschiedete sie sich von Frau Lüderitz-Schaumgruber und schloss die Tür hinter der Kundin, die zum Glück die letzte für heute gewesen war, ab. Dann schnappte sie sich die allzeit bereite Prosecco Flasche aus dem Kühlschrank, ging ins Büro und setzte sich vor dem Monitor des Computers, auf dem eine Alpenlandschaft den Bildschirm schonte.

Nachdem sie ein Wasserglas randvoll mit Sekt gefüllt hatte, zündete sie sich eine Zigarette an und blies stoßweise gräulich wabernde Rauchwolken in die Luft. Mechthilds Blick blieb an einem Werbeposter hängen, auf dem eine vollbusige Schönheit mit roter Lockenpracht für Brustimplantate warb. Sie riss das Poster herunter, zerfetzte es, warf die Schnipsel in den Abfalleimer und trank den Sekt in einem Zug aus.

Eine Stunde später war die Flasche leer, der Aschenbecher randvoll, und Mechthild hatte einen Plan, der sie von Hans und ihren Geldnöten befreien würde.

Da waren die Lebensversicherungen, die sie am Anfang ihrer Ehe zum gegenseitigem Gunsten abgeschlossen hatten. Der Betrag, der ihr bei Hans Ableben zustand, würde ausreichen, um die Schulden vorerst zu tilgen.

Und da war Erich, ihr alter Schulfreund Erich – der Mann, dem sie ihren ersten Kuss verdankte. Nachdem er zum Studieren fortgegangen war, hatten sie sich aus den Augen verloren. Vor ein paar Tagen war er ihr wie ein Wink des Schicksals über den Weg gelaufen. Sie hatte ihn kaum wiedererkannt. Nach der freudigen Begrüßung hatten sie spontan beschlossen, ihr Wiedersehen mit einem Glas Wein in einem nahe gelegenen Bistro zu feiern. Sie redeten von alten Zeiten, schwelgten in Erinnerungen und lachten unbeschwert miteinander. Erich erzählte, dass er einen Job bei einer großen, in der Stadt angesiedelten IT-Firma gefunden hätte.

„Und kaum hatte ich mir hier eine Wohnung besorgt und eingerichtet, erfuhr ich, dass ich für mindestens ein Jahr  wegen eines wichtigen Projekts nach Indien versetzt werde. Die brauchen dort jemanden, der die Kollegen vorort auf Vordermann bringt.“ Er verzog das Gesicht zu einem verdrossenen Grinsen.

Mechthild verspürte einen Stich im Herzen. Die Gefühle, die sie in der Schulzeit für Erich empfunden hatte, schienen bei jedem Glas Wein, das sie bestellten – sie waren beim dritten angekommen – zu erstarken.

„Das ist aber schade“, entfuhr es ihr. „Kaum bist du da, bist du wieder weg.“

„Schau nicht so traurig, Hildchen.“ Erich tätschelte ihre Hand. „Wir bleiben in Kontakt.“ Er zögerte kurz. „Sag mal, Hildchen – wäre es zu vermessen, dich zu bitten, in den nächsten Wochen meine Blumen zu gießen und den Briefkasten zu leeren? Ich habe zwar schon einen Zwischenmieter für meine Wohnung gefunden. Er wird aber erst in einem Monat einziehen. Mir fällt sonst niemand ein, den ich fragen könnte. Meine Eltern leben nicht mehr, und die alten Freunde sind alle weggezogen.“

„Aber natürlich“, sagte Mechthild. „Die Wohnung liegt sowieso auf meinem Heimweg.“ Beim Abschied umarmten sie sich. Mechthild schmolz dahin.

Kurz vor Erichs Abreise holte sie den Wohnungsschlüssel bei ihm ab. Er war schon immer ein Waffennarr gewesen und besaß eine imposante Sammlung an modernen und historischen Pistolen und Gewehren. Als sie miteinander gegangen waren, hatte er sie oft mit zum Schießstand seines Schützenvereins genommen und in die Kunst des Waffengebrauchs eingeführt. Damals hatte sie ihn nur aus Liebe begleitet. Jetzt würden sich diese langweiligen Übungen, diese Stunden, in denen er ihr enthusiastisch von den Vorzügen und Nachteilen spezieller Schießtechniken vorgeschwärmt hatte, als nützlich erweisen.

Sie würde Hans unter einem Vorwand in das kleine Wochenendhaus locken, das er von seinen Eltern geerbt hatte. Es lag in einer Ferienanlage, mitten im Wald an einem idyllischen Badesee. Früher hatten Hans und sie im Sommer dort so manches Wochenende verbracht. Jetzt, im November, war die Anlage so gut wie ausgestorben – ausgestorben! Mechthild lachte bitter auf. Es würde einfach sein, Hans’ Leiche unbemerkt im Wasser zu versenken oder unter Laub und altem Gehölz zu verscharren. Und selbst, wenn man den erschossenen Hans finden würde – sie hatte nie jemandem erzählt, dass sie mit Pistolen umgehen konnte – und ihre Beziehung zu Erich lag zu lange zurück, als dass sich jemand daran erinnern würde.

Kalter Nieselregen schlug Mechthild entgegen, als sie den Kosmetiksalon verließ und sich zu Erichs Wohnung aufmachte, die in einem modernen Hochhausblock lag. Sie begegnete niemandem, als sie das Haus betrat, mit dem Fahrstuhl in den zehnten Stock fuhr und die Wohnungstür aufschloss. Erich hatte für seine Waffensammlung ein eigenes Zimmer mit bis zur Decke reichenden Glasvitrinen reserviert. Nach einigem Suchen fand sie den Schlüssel für die Vitrinen in einer Schublade des Schreibtischs, der als einziges Möbelstück inmitten des Waffenkabinetts sein Dasein fristete. Sie suchte nach einer Waffe, die ihr geeignet erschien. Fast hätte sie laut aufgejubelt, als sie auf die kleine, handliche Pistole stieß, mit der sie damals geübt hatten.

„Eine Frauenwaffe“, hatte Erich am Schießstand spöttisch geschmunzelt.

Dank ihres guten Gedächtnisses fand sie in einem Stapel von Patronenschachteln schnell die passende Munition.

Hans lungerte auf der Couch herum und sah sich eine Sportsendung im Fernsehen an. Er blickte kaum auf, als Mechthild mit einem beherrscht fröhlichen „Guten Abend, mein Schatz, ich bin wieder da!“ die Wohnung betrat.

Mechthild goss sich in der Küche ein Glas Wasser ein und setzte sich neben ihm.

„Hans, ich habe eine Bitte an dich.“ Sie versuchte, so beiläufig wie möglich zu klingen. „Nächstes Wochenende wollen die Haselhofers – du weißt doch, sie ist eine meiner treuesten Kundinnen – gerne ein paar Tage in Ruhe ohne ihre Kinder verbringen. Ich habe ihnen dafür unser Ferienhaus angeboten. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.“

„Und?“, knurrte Erich unwillig.

„Du erinnerst sicher, dass der Toilettenabfluss verstopft ist. Eigentlich wollten wir das erst im Frühjahr reparieren, aber jetzt, wo die Haselhofers nächsten Freitag dorthin fahren ...“ „Muss das denn sein?“ Hans warf ihr einen finsteren Blick zu. „Die können doch in den See pinkeln.“

„Ach Hans, sei nicht so.“ Mechthild lächelte gekünstelt und zwang sich dazu, ihm zärtlich übers Haar zu streichen. Er rückte unwillig von ihr ab.

„Ich habe ihnen schon fest zugesagt, und bei deinem handwerklichen Geschick ist das doch schnell erledigt!“ Mechthild legte alles Schmeicheln und Flehen, das sie ihm gegenüber noch aufbringen konnte, in ihre Stimme.

Mit einem angewiderten Gesichtsausdruck erhob sich Hans, ohne ein weiteres Wort zu sagen, ging ins Schlafzimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Enttäuscht zog sich Mechthild in die Küche zurück und stellte das Wasserglas in die Spüle. Sie hatte es verpatzt. Das einsame Ferienhaus war fester Bestandteil ihres Planes, und wenn sie Hans dort nicht hinlocken konnte, würde es schwer werden, die ganze Sache durchzuziehen.

Durch die dünnen Wände der Wohnung hörte sie leises Gemurmel. Hans telefonierte. Vermutlich verabredet er sich mit dieser Nutte Natascha zum nächsten Stelldichein, dachte Mechthild verbittert.

Das Gemurmel brach ab. Hans trat aus dem Schlafzimmer, holte seinen Mantel und sah sie auffordernd an.

 „Bringen wir das hinter uns.“ Seine Stimme klang entschlossen und hart. „Wir treffen uns in einer Stunde am Ferienhaus. Ich muss noch Werkzeug zum Reparieren besorgen.“

Mechthild wusste ihre Erleichterung kaum zu verbergen. Sie ahnte zwar nicht, was diesen plötzlichen Sinneswandel herbeigerufen hatte, aber das war ihr egal. Es lief perfekter, als sie es sich gedacht hatte. Sie würden getrennt fahren, wodurch sich die Gefahr verringerte, dass sie jemand zusammen ins Auto steigen sah. Sie würde sich beeilen und vor ihm da sein, Zeit haben, ihre Vorbereitungen zu treffen.

Eine halbe Stunde später bog Mechthild auf die  Forststraße ab, die zu der Ferienhausanlage führte. Der Wald schien wie ausgestorben. Weder Waldarbeiter noch Spaziergänger trotzten der nasskalten Witterung an diesem trüben Spätnachmittag. Es dämmerte bereits, als sie die Ferienhäuser erreichte. Kein Licht drang aus den Hütten, die trist in Reih und Glied den See umrahmten. Mechthild frohlockte.

Als sie das Ferienhaus betrat, schlug ihr feuchtkalte Luft entgegen. Aus einer undichten Stelle im Dach tropfte es mit leisem „Pling“ auf die Steinfliesen des winzigen Wohnraumes. Mechthild kurbelte die Rollläden hoch und starrte auf den grauen See, der ruhig in den länger werdenden Schatten der nahenden Nacht vor ihr lag. Einzig das Quaken der Enten, die ihre Kreise auf dem Wasser zogen, drang durch das Rauschen des Regens, der allmählich schwächer wurde. Mechthild konzentrierte sich darauf, das Zittern ihrer klammen Finger in den Griff zu bekommen.

Ein sich näherndes Auto durchbrach die idyllische Stille. Der Motor erstarb, Türen klappten, Stimmen erklangen. Mechthild erschrak. War Hans nicht alleine gekommen? Durch das Küchenfenster erkannte sie zwei Gestalten, die sich dem Haus näherten. Sie stellte verwundert fest, dass Hans Natascha mitgebracht hatte. Warum nur? Kurz spielte sie mit dem Gedanken, ihren Plan fallen zu lassen. Dann gab sie sich einen Ruck. Also gut. Sie würde eben beide erschießen.

Natascha, diese Heuchlerin, hatte es nicht anders verdient!

Schritte knirschten auf nassem Kies. Die Eingangstür klackerte. Die Pistole in der Manteltasche fest umklammert, starrte Mechthild die Eintretenden an. Nataschas rote Locken kräuselten sich wie Schlangen um ihr zartes, bleiches Gesicht. Hans Brillengläser waren beschlagen.

Er erinnerte sie an einen kleinen Jungen, einen Jungen, den sie nie gehabt hatte und nie haben würde – ein hilfloser Bub, der halbblind mit den Augen blinzelte und dem die Regentropfen den Nacken hinunter rannen, der vor Kälte zitterte und der nichts anderes wollte, als in den Arm genommen und gewärmt zu werden.

Mechthild Knie wurden weich. Sie löste den harten Griff von der Pistole, hielt sie schlaff verborgen und zog sie nicht heraus. Sie konnte es nicht tun – ein Menschenleben, zwei Menschenleben auslöschen, Menschen, mit denen sie wunderschöne Zeiten, wunderbare Jahre in Liebe und Freundschaft verbracht hatte.

Hans Stimme durchschnitt wie ein scharfes Messer den Augenblick ihrer Erkenntnis.

„Tut mir leid, Mechthild. Es gibt keine andere Lösung. Ich liebe Natascha. Und für ihre und meine gemeinsame Zukunft brauche ich dringend Geld – das Geld aus unserer Lebensversicherung.“ Mechthild brauchte einen Moment, um zu begreifen. Sie sah ein metallenes Rohr im Licht der schwachen Glühbirne aufblitzen, sah, wie Hans Hand vibrierte, nicht vor Kälte, sondern vor unerbittlicher Entschlossenheit. Wie in Zeitlupe nahm sie wahr, dass er langsam den Zeigefinger um den Abzug einer Pistole krallte, während Nataschas Augen kühl und drohend auf ihr ruhten.

Mechthild reagierte so rasch, dass Erich stolz auf sie gewesen wäre.

Zwei Schüsse hallten über den See, leicht gedämpft durch den Nebel, der vom Schilf hinauf zu den Baumwipfeln kroch. Die Enten stoben lärmend und flügelschlagend davon.

Bauer Willems, damit beschäftigt, den Zaun zu reparieren, der die Wildschweine vom Acker fernhalten sollte, zuckte zusammen. Dann nickte er bedächtig. Die Jagdzeit hatte begonnen.