Hanna Münch (41) aus Ulm hat diese Kurzgeschichte geschrieben


Niklas und der Bär

Nicht dass man ihn nicht gewarnt hätte. Sein bester und einziger Freund Micha drückte sich so aus: „Spinnsch du? Da gibt’s doch mehr arbeitslose Schauspieler als Hundehaufen auf’m Trottoir.“ Niklas wollte das nicht hören. Genau in dieser Stadt boten sich tausende von Möglichkeiten, warum sollte nicht eine einzige davon für ihn zur Wirklichkeit werden. Dazu kam, dass er keine Alternative hatte, es war nun mal schon sein Plan B.

B wie Berlin.

Plan A, das Abi, hatte er bereits hingeworfen, somit auch nicht BWL studiert, keine stolzen Eltern und keine steile Karriere hingelegt. Er kassierte keine Spitzengehälter, besaß weder Auto noch Selbstbewusstsein und ja – noch nicht einmal eine Freundin.

Schauspieler war er geworden, nachdem er drei Jahre lang auf eine private Provinz-Schauspielschule gegangen war, welche gierig sämtliche Ersparnisse der letzten 18 Jahren verschlungen hatte. Zwei Stunden nach der Abschlussvorstellung befand er sich mitsamt seinen Koffern im völlig überfüllten IC nach Berlin.

An dem mehrstöckigen grauen Betonklotz in Marzahn gab es so viele Klingeln, dass er erst einmal zehn Minuten damit verbrachte, die vielen Klingelschilder zu entziffern, bis er glaubte ein handschriftliches Cerna erkennen zu können. Es war Ende Oktober und eisiger Wind blies ihm ins Gesicht.

„6. Stock“ krächzte eine Frauenstimme durch die Sprechanlage.

Er entschied sich trotzdem für die Treppe, da er in seiner momentanen Verfassung seine leichte Klaustrophobie sicher nicht im Griff haben würde.

Als er oben ankam, war ihm wenigstens wieder warm und er steuerte durch den schmuddeligen Gang auf eine der Türen zu, die einen Spalt geöffnet war. Der Geruch von Zigaretten, Waschmittel und verbrannten Würstchen hing in der Luft. Niklas war nervös. Das war nichts Ungewöhnliches, er war eigentlich in fast allen neuen Situationen nervös. Sogar beim Einkaufen im unbekannten Supermarkt, beim Einsteigen in die U-Bahn oder beim Sprechen mit Leuten, die sich selbst für etwas Besseres hielten und es bestimmt auch waren. Er hasste das an sich. Immer diese Unruhe. Immer diese Schweißattacken, die peinliche kleine Abwasserkanäle unter seinen Achseln entstehen ließen. Am allerschlimmsten aber war das Stottern, welches er nur verbergen konnte, indem er möglichst wenig oder am besten gar nichts sagte.

Komischerweise war es auf der Bühne anders – da war er nicht mehr er selbst, nicht mehr der schwitzende, unbeholfen stammelnde Nobody. Er besaß die Fähigkeit sich ganz und gar in die Rolle zu werfen und sie bis in die letzte Faser seines Körpers zu spüren. Seine Sprache wurde laut und klar, sodass ihn seine Verwandtschaft in den Aufführungen fast nicht wieder erkannt hatte. Niklas genoss jede Minute, die er nicht er selbst zu sein brauchte.

Frau Cerna, eine magere Frau, mit verheulten Augen – er schätzte sie auf Ende Vierzig – zeigte ihm das möblierte Zimmer, welches sie untervermieten wollte. Es war klein und ein wenig dunkel, aber es war erst einmal eine Unterkunft. Er sagte zu und zog noch am gleichen Abend ein, nachdem er seine wenige Habe aus dem Schließfach geholt hatte.

Zwei Jahre lebte er nun schon in dieser wuchtigen, grellen Stadt voller Nagelstudios, Imbissbuden und Handyshops, Glitzer und Lichtern in den Einkaufsmeilen – aber gleich um die Ecke auch voller Verzweiflung, Not und Resignation.

Am Anfang machte er sich noch die Mühe, war mit U-und S-Bahnen von einer Casting-Agentur zur anderen gefahren, um seine Setkarte abzugeben, immer in der naiven Hoffnung, jemand würde auf ihn aufmerksam, würde ihn zu einem Vorsprechen oder sogar zu einem Probedreh einladen.

Die meisten der herausgeputzten Vorzimmertussis schauten nicht einmal auf, wenn er seine Unterlagen brachte. Sie sortierten sie ungesehen in einen der vielen Ordner, die sich wie Lemminge in endlosen Regalen aneinander reihten.

Als er die Agenturen alle durch hatte, klapperte er die Theater ab, eins nach dem anderen, erst die Renommierten, dann die Boulevards und schließlich die Hinterhoftheater.

Da er sich von seinen Selbstzweifeln nicht ernähren konnte, jobbte er in Kneipen, ließ sich von den Gästen prellen und flog meistens nach gerade mal ein, zwei Wochen wieder raus. In der Umladestation eines Paketunternehmens hielt es ihn ein halbes Jahr, bis ihn die Frustration seiner Kollegen, die ihn zu sehr an seine eigene erinnerte, fast erstickte.

Schließlich fand er sich Flyer verteilend im Hühnerkostüm auf der Oberbaum-Brücke wieder, immer noch auf den erlösenden Anruf wartend, der nicht eintraf.

Nach drei Tagen gab er auf, zog sich in seine vier Wände zurück, aß kaum, trank, schlief tagsüber und verzockte die Nächte im Internet. Er vergaß sich zu waschen und seinen Müll runter zu bringen. Mit der Miete war er im Rückstand, was Frau Cerna ihm erst wöchentlich, dann täglich vorhielt. Schließlich fehlte das Geld für das nächste Bier, und auf dem Fußboden tummelten sich böse Briefe.

Es war schon dämmerig und fing gerade an zu schneien, als er eines Nachmittags niedergeschlagen an der Spree herumstreunte. Micha, der ihn für zwei Tage besucht hatte, war gerade abgereist. Und mit ihm das letzte bisschen herbeigeredeter Zuversicht. Sein Gesicht war nass von geschmolzenem Schnee und Tränen, sodass er kaum noch sah, wohin er lief.

Er schaute erst auf, als er gegen etwas Großes, Hartes stieß. Verschwommen erkannte er schließlich einen riesigen mit Graffiti beschmierten Bären, der sich vor ihm aufbäumte und ihn herausfordernd anzustarren schien.

Wie der dastand! Als wäre er kein Plastikungeheuer, sondern ein in Bronze gegossener übergewichtiger Michelangelo, der sich jeden Tag gnädig von hunderten Anhängern hofieren lässt. Schaute verächtlich auf ihn hinunter, ganz als wolle er ihm zuraunen „Hau ab Loser, Berlin ist kein Pflaster für dich!“

Niklas spürte, wie ihn nach langer Zeit endlich wieder einmal ein anderes Gefühl übermannte als diese lähmende Schwerfälligkeit – diese unerträgliche Lethargie. Es überkam ihn eine gewaltige, ehrliche, nicht zu bremsende Wut. Wut, die ihn wie eine riesige Welle erfasste und die nicht aufzuhalten war. Er, der ohnehin nicht mehr tiefer sinken konnte, wollte es mit dem großen, furchtlosen und hämisch grinsenden Berliner Bären aufnehmen. Und zwar hier und jetzt.

Er versetzte ihm einen festen Tritt und wunderte sich kurz, dass das Monster tatsächlich anfing zu wackeln.

Das ermutigte ihn, Anlauf zu nehmen und sich mit aller Kraft und allem aufgestauten Schmerz der vergangenen Monate gegen den Bären zu werfen, der nun stark schwankte und nach erneutem Angriff mit lautem Gepolter zu Boden fiel. Obwohl es nun wehrlos am Boden lag, prügelte er blindwütig auf das Biest ein, welches immer weiter Richtung Spree rollte, bis es schließlich ächzend mitsamt seinem Kontrahenten die steile Uferböschung hinunter und ins Wasser fiel.

Das kalte Nass brachte Niklas wieder zur Besinnung. Doch während Herr Bär wie eine überdimensionierte Boje oben schwamm, spürte Niklas wie sich Jacke, Hose und Schuhe voll sogen und es immer schwerer wurde, sich an der Oberfläche zu halten. Viel Zeit zu überlegen blieb ihm nicht, also ruderte er hektisch, nach Luft schnappend hinter dem Bären her, klammerte sich an ihn, zog sich mit letzter Kraft hoch und blieb erschöpft auf ihm liegen. Der Feind war zum Retter geworden.

Kapitän Josh hatte bei seinen jahrelangen Ausflugsfahrten auf Dahme und Spree schon einiges erlebt, auch Skurriles. Aber was er nun sah, verschlug ihm die Sprache. Er überlegte kurz, ob ihm das Alter nicht doch langsam zum Verhängnis wurde, was ihm seine jungen Kollegen in letzter Zeit immer wieder sanft zu verstehen geben wollten. Er sah einen jungen Mann, der sich im Schneegestöber Bauch an Bauch mit einem Plastikbären durch die Spree treiben ließ. Die beiden muteten fast wie ein Liebespaar an, welches in inniger Umarmung die Welt um sich herum zu vergessen schien. Er rief nach Emma, seiner Tochter, die heute eingesprungen war, weil Olaf, der Leichtmatrose am Vorabend mal wieder einen über den Durst getrunken und sich krank gemeldet hatte.

Emma, eine beherzte junge Frau, gab ihrem Vater sofort Anweisung, so nah wie möglich an das seltsame Doppel heranzuschippern. Sie warf Niklas ein Seil zu, welches der dankbar ergriff. Die Szene wurde von dutzenden Kameras festgehalten, da die illustren Gäste des Dampfers sich diese einmalige Touristen-Attraktion nicht entgehen lassen wollten. Während ein kleines Mädchen vor Vergnügen kreischte, bat ein untersetzter Japaner seine Frau, sie solle für den nächsten Tag auch so eine Abenteuerfahrt auf dem Berliner Wahrzeichen für ihn buchen. Als Niklas triefend über die Reling gezogen wurde, brandete Applaus für die gelungene Aktion auf.

Emma brachte den vor Kälte zitternden Bärenbezwinger in den kleinen Abstellraum unter Deck. Zwischen Putzeimern, Scheuerlappen und Besen forderte sie ihn auf, sich auszuziehen. Niklas gehorchte stumm und wickelte sich fest in die raue Wolldecke, die sie ihm reichte, ohne eine Frage zu stellen.

Einige Monate später.

„Meine Damen und Herren, dit hier is det überaus bekannte Schloss Bellevue, wo die Herren Bundespräsidenten sich jerade die Klinke in die Hand drücken, wa? Wenn Se fix kieken, könn Se rechts n’Auje uf de Joldelse werfn, und jleich da um de Ecke sehen se rechterhand de Waschmaschine ooch Bundetkanzleramt jenannt. Ick saje Ihnen wat da so allet rein jewaschen wird, dit jeht uf keene Kuhhaut!“

Niklas war heute in Hochform. Seine Stimme klang fest, und das Stottern war wie weggeblasen. Er hatte die Rolle des Berliner Jung, genannt „Kai“, voll verinnerlicht. Außerdem gab es Schlimmeres als tagein tagaus mit Josh, der ihn als Stadtführer engagiert hatte, und mit Emma, die in letzter Zeit erstaunlich widerspruchslos für Olaf einsprang, durch Berlin zu schippern. Seine Stadt Berlin. Sein Plan B.

Er hatte sich arrangiert.

Wäre da nicht der Anruf an diesem Morgen gewesen, der alles wieder ins Wanken brachte. Frau Cerna, seine Zimmerwirtin, hatte ihn geweckt – es sei dringend.

Verschlafen griff Niklas zum Hörer.

Er möchte bitte nächste Woche zum Vorsprechen kommen.

W-w-wohin?

Ins Berliner Ensemble, Peymann inszeniert selbst.

W-wahnsinn! Und-d welche R-rolle?

Gutsbesitzer Grigóri Stepánowitsch Smirnóff aus Tschechows Einakter „Der Bär“.