Elke Bellmann (62) aus Ulm hat diese Kurzgeschichte für Kinder geschrieben


Der Kamellenbaum

Ich bin Tina. Eigentlich heiße ich Christina, aber Papa und Mama sagen immer Tina zu mir. Nur mein Onkel Fred sagt Tinchen. Onkel Fred ist Mamas Bruder. Ich freue mich immer, wenn er zu Besuch kommt. Dann  spielen wir  ,Mau-Mau’ oder  ,Ich sehe was, was du nicht siehst’  oder andere lustige Sachen. Oft erzählt er mir auch schöne Geschichten, die denkt er sich dann selber aus. Manchmal bringt er mir auch Bonbons mit. Die von Onkel Fred mag ich besonders gern, denn die sind immer sooo lecker. Er sagt aber nicht Bonbons, sondern Kamellen dazu. Einmal habe ich ihn gefragt, wo er die denn her hat. Da hat er mir die Geschichte vom Kamellenbaum erzählt. Der Kamellenbaum, hat er gesagt, steht in seinem Garten, und im Frühling blüht er wunderschön. Dann kann man ganz viele Bienen und Schmetterlinge an seinen Zweigen beobachten. Im Sommer hängen dann die Kamellen dran, die pflückt er ab und bringt mir immer wieder ein paar mit. Mir gefiel die Geschichte sehr gut, und ich habe mir dann zum Geburtstag auch einen Kamellenbaum gewünscht. Leider hat mir Onkel Fred aber ein Buch geschenkt. Er hat es mir vorgelesen, und die Geschichte war wirklich spannend, aber es war eben kein Kamellenbaum. Auch zu Weihnachten und zu Ostern habe ich keinen Kamellenbaum bekommen. Erst als ich in die Schule kam, war es endlich soweit. Onkel Fred war sehr spät dran, und wir wären fast ohne ihn losgegangen, aber er hatte ihn dabei – meinen Kamellenbaum!

Er war noch recht klein für einen Baum, und er saß in einem Blumentopf, aber er hatte schon viele grüne Blätter. „Wenn wir wieder zu Hause sind, musst du ihn in den Garten pflanzen“,  sagte Onkel Fred zu mir und stellte den Blumentopf ab. Ich war so aufgeregt, dass ich fast meine Schultüte vergessen hätte.

Am Nachmittag ging ich mit Papa in den Garten, um den Kamellenbaum einzupflanzen. Wir gruben ein Loch und stellten das Bäumchen hinein. „Er braucht noch eine Stange, damit er bei Wind nicht umfällt“, sagte Papa, und ich durfte eine Kanne Wasser  draufgießen.

Doch dann sagte Papa plötzlich: „Das ist doch alles Quatsch mit dem Kamellenbaum, das ist ein Kirschbaum, das sieht doch jeder!“

Ich stand da und wusste nicht, wem ich jetzt glauben sollte. Noch beim Einschlafen habe ich darüber nachgedacht. Hatte Papa recht, und es war ein Kirschbaum, oder hatte Onkel Fred mir endlich einen Kamellenbaum geschenkt? Als ich am anderen Morgen aufwachte, wusste ich, wie ich es herausfinden konnte. Ich musste einfach bis zum Sommer warten, dann würde sich ja zeigen, ob Kamellen oder Kirschen an dem Bäumchen hingen.

Der Frühling kam, aber an meinem Bäumchen gab es nicht einmal Blüten. Ich war sehr enttäuscht, doch Mama tröstete mich: „Dein Bäumchen ist noch viel zu klein, es muss erst einmal wachsen, bevor es blühen kann.“

Aber auch im nächsten Frühling gab es noch keine Blüten.

Erst im dritten Jahr bekam das Bäumchen einige Blüten.

Es waren noch sehr wenige, aber auch aus wenigen Blüten entstehen Früchte, das wusste ich. Ich wusste auch, dass Kirschen rot sind und wartete nun gespannt, welche Farbe diese Früchte haben würden. Zu meinem Erstaunen hatten sie zwar die Form von Kirschen, waren aber gelb, und nur manche von ihnen hatten kleine rote Stellen. Sie waren so gelb wie die Bonbons von Onkel Fred.

„Es gibt auch gelbe Kirschen“, sagte Mama, „probier’ doch mal eine.“ Etwas zögernd griff ich nach der ersten reifen Frucht. Sie war glatt und etwas weich, und als ich sie in den Mund steckte, schmeckte sie fast so süß wie die Kamellen von Onkel Fred.