Siegfried Böck (65) aus Bernstadt schrieb eine Vorlesegeschichte für Kinder


Teufelchen und Engelchen

Ich muss euch mal zwei  Jungs vorstellen. Beide sind neun Jahre alt  –  und  jetzt kommt’s  –  Stefan ist ein Teufel und Angelo ein Engel. Wer jetzt Teufelshörner, Engelsflügel oder Höllenfeuer bei ihnen erwartet, der liegt völlig falsch. So etwas gibt es nicht, oder ist schon seit mindestens tausend Jahren aus der Mode.

Allerdings ist es so, dass Engel und Teufel sich schon seit Ewigkeiten nicht besonders mögen und deshalb in getrennten Stadtvierteln wohnen. Die Teufelleute wohnen im dunklen Kellerviertel und sind meistens nicht so wohlhabend wie die Engel, die ihre schmucken Häuser in der Schäfchenwolkensiedlung haben. Warum sie sich nicht mögen, das weiß keiner mehr so genau. Es war halt schon immer so.

Wahrscheinlich wäre es auch noch weitere Ewigkeiten so geblieben –  aber dann fing diese Sache mit Angelo und Stefan an.

Um alles genau erzählen zu können, müssen wir uns in die Küche eines kleinen Hauses im dunklen Kellerviertel begeben. Es ist übrigens ein Dienstag, so gegen vier Uhr.

 „Mama, kann ich zum Spielen in die Schäfchenwolkensiedlung gehen? Mein Engelfreund Angelo hat mich eingeladen. Weißt du, Angelo und seine Engelfreunde kennen die besten Spiele, und bis zur Schäfchenwolkensiedlung ist es auch gar nicht weit.“

Stefan, der kleine Teufel, schaut  Mutter Teufel mit seinen dunklen Augen bittend an. Als Mutter Teufel das hört, fällt ihr vor lauter Schreck die heiße Bratpfanne mit drei, scharf gewürzten Teufelssteaks ins lodernde Herdfeuer.

„Was hast du da gesagt, Teufelchen!?“, faucht sie und ihre Haare sträuben sich vor Ärger, „du willst mit diesem Engelspack aus der vornehmen Schäfchenwolkensiedlung spielen? Woher kennst du diese feine Gesellschaft überhaupt? Die reden doch sonst auch nicht mit uns Leuten aus dem Kellerviertel.“

Die Augen der Teufelmutter versprühen Blitze vor lauter Zorn.

„Ich hab’s!“, kreischt sie, „du hast wohl schon öfters mit diesem Angelo gespielt! Ich sag’s dir jetzt ein für allemal. Ein Teufel verkehrt nicht in der Schäfchenwolkensiedlung und die vornehmen Engelpinkel haben hier bei uns im dunklen Kellerviertel sowieso  nichts verloren. Schreib’ dir das gefälligst hinter deine Teufelsohren!“

Schimpfend und keifend über die heutige, missratene  Teufelsjugend, entfernt sich die Mutter Teufel, um neue Teufelssteaks zu holen, denn es ist bald Abendessenszeit.

Traurig geht Stefan zur Küche hinaus ins Freie. Im kleinen Hof setzt er sich auf die einzige Bank und weint dicke Tränen. Da ertönt neben ihm plötzlich ein helles, lustiges Stimmchen.

„Hu, hu, Teufelchen! Ich bin es, dein Freund Angelo, aus der, ach so vornehmen Schäfchenwolkensiedlung. Gerade bin ich heimlich über euren Zaun gestiegen. Ich hab alles gehört, und ich glaube deine Mama hat ganz schön falsche Vorstellungen von uns Engeln. Leider“, fährt Angelo etwas traurig fort, „denken viele Leute in der Schäfchenwolkensiedlung auch nicht anders als deine Mama. Sie wollen auch nicht, dass wir zusammen spielen.“

Angelo stupst das Teufelchen unternehmungslustig an.

„Komm, lass uns spielen! Äh, sag mal, du heißt doch nicht bloß Teufelchen? Das ist doch kein richtiger Name.“ Teufelchen wird ein klein wenig rot im Gesicht. „Ja, ja, natürlich heiße ich nicht Teufelchen. Nur Mama und Papa nennen mich so. Ganz schön bescheuert. Mein richtiger Name ist Stefan.“

Plötzlich erscheint Mama Teufels Kopf am Küchenfenster. Ungläubig reißt sie die Augen weit auf, als ihr Blick auf Angelo fällt. Dann geht alles sehr schnell. Geschirr scheppert, wie wenn es in aller Eile irgendwo abgestellt wird, die Tür öffnet sich, und  Mama Teufel stürmt mit Riesenschritten auf die beiden Freunde zu.

„Mama, sei nicht so oberpeinlich … !“ Doch Mama Teufel achtet nicht auf ihren Sohn. Wütend fährt sie den überraschten Angelo an: „Was sehe ich da! Ein Engel in unserem Haus! Mach sofort, dass du wegkommst und lass dich hier bei uns ja nicht mehr blicken! Du gehörst nicht hierher!“

Angelo neigt betreten den Kopf, doch dann hebt er ihn wieder und fängt genüsslich zu schnuppern an. Aus der offenen Küchentür weht nämlich ein betörender Duft. Angelo verdreht vor Begeisterung die Augen und wendet sich überschwänglich an die immer noch schimpfende Mama Teufel.

„Liebe Frau Teufel, entschuldigen Sie, aber ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas so Gutes gerochen. Können Sie mir sagen, was das ist, oder vielleicht sogar das Rezept für meine Mama Engel aufschreiben?“

Mama Teufel ist so überrumpelt von Angelo’s charmantem Auftreten, dass sie mit einem Schlag aufhört zu toben. Wie jede Mutter hört sie es natürlich gern, wenn ihre Kochkünste gelobt werden, wenn es bisher auch nur der Geruch ist.

„Äh, äh“, sagt sie verwirrt, aber schon eine Spur freundlicher, „das sind teuflisch gewürzte Teufelssteaks, und ich darf sagen, das ist meine Spezialität. Teufelchen und mein Mann sind ganz versessen darauf.“

Noch viel freundlicher fährt sie fort: „Dazu gibt es Höllendampfnudeln und Roten Teufelssalat. Übrigens, Teufelchen, ich wollte dich gerade zum Essen rufen. Papa ist auch schon daheim.“

Angelo klopft Stefan kurz auf die Schulter und wendet sich zum Gehen. „Alles klar, Teufelchen, äh, Stefan, da werd ich mich mal vom Acker machen. Deine Mama will ja leider nicht, dass wir miteinander spielen. Aber, großes Kompliment, Frau Teufel, hier riecht es geradezu himmlisch.“

Mama Teufel fühlt sich so geschmeichelt, dass sie sogar verlegen lächelt. Da hat Stefan auf einmal eine Super-Idee. Mit extra flehender Stimme bettelt er zu Mama Teufel:

„Mama, kann Angelo mit uns zusammen essen?“ Mama Teufel verzieht das Gesicht. „Was, ein Engel soll bei uns am Tisch sitzen – äh, von mir aus. Soll er halt mal eine richtige Spezialität aus unserem dunklen Kellerviertel probieren.“

Papa Teufel staunt nicht schlecht, als seine Familie ein Engelchen zum Essen mitbringt, aber Papa Teufel ist ein Teufel von der umgänglichen Sorte. Sofort erzählt er Angelo, dass die Teufelssteaks,  damals in seiner Teufelsjugend, noch viel, viel schärfer gewesen seien.

„Einmal“, erzählt er, „ habe ich einen Preis beim Teufelssteak-Wettessen gewonnen.“ Lachend fügt er hinzu: „Aber drei Tage lang hat mir der Hals so fürchterlich gebrannt, dass ich kaum mehr schlucken konnte.“

Das Essen ist bombastisch. Angelo kann gar nicht genug davon bekommen, und Mutter Teufel legt ihm ungefragt ein Teufelssteak nach dem anderen auf den Teller und spart auch nicht mit Höllendampfnudeln und Rotem Teufelssalat.

Am Schluss ist Angelo so satt, dass er nicht einmal mehr Papp sagen kann. Mühsam, aber begeistert, keucht er: „Puh, Frau Teufel, ich muss sagen, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so etwas Gutes gegessen. Teufelssteaks, Höllendampfnudeln und Roter Teufelssalat sind  ab jetzt meine Leibspeise.“

Mama Teufel strahlt über das ganze Teufelsgesicht, während Papa Teufel wieder anfängt seine Jugenderlebnisse auszuplaudern. „Freut mich, Angelo, dass es dir so gut geschmeckt hat, aber habe ich euch schon mal erzählt, wie ich in meiner Jugendzeit bei einem Preis-Höllendampfnudelessen, sage und schreibe, zehn Dampfnudeln verdrückt habe. Das war absoluter Rekord. Ich war der große Sieger und als Dampfnudelessmeister im ganzen, dunklen Kellerviertel bekannt. Allerdings konnte ich hinterher …“

„Ach, Theodor“, fällt ihm Frau Teufel ins Wort, „lass doch diese alten Geschichten. Die will doch keiner mehr hören.“ Da müssen alle lachen und am allerlautesten lacht Angelo.

Zum Abschied reichen Mama und Papa Teufel Angelo freundlich die Hand und erlauben ihm, so oft zu kommen, wie er nur will. Stefan und Angelo lassen sich das natürlich nicht zweimal sagen und verabreden sich sofort für den nächsten Tag und für den übernächsten und für nächste Woche und wollen ab jetzt sowieso immer zusammen spielen.

Wollt ihr wissen wie es weitergeht? Neulich habe ich Angelo getroffen und er hat es mir erzählt. Eigentlich wäre das noch einmal eine ganze Geschichte wert.

Kurz gesagt, die Freundschaft zwischen Angelo und Stefan blieb nicht die einzige. Auf einmal tauchten immer mehr Engelchen im dunklen Kellerviertel auf. Mama Teufel freute sich darüber, denn sie hat die Rasselbande richtig liebgewonnen. Es wurden aber auch schon Teufelchen mit ihren Engelsfreunden in der Schäfchenwolkensiedlung gesichtet. Ob es die Kochkünste von Mama Teufel waren – ich weiß es nicht so genau – aber eines Tages wurden die Teufels und ihre Nachbarn von den Engel-Eltern zu einer riesengroßen Grillparty eingeladen. Äh, und bei der Gelegenheit sollte Frau Teufel doch bitte das Rezept mitbringen. Ihr wisst schon, Teufelssteaks, Höllendampfnudeln und roter Teufelssalat. Die Party war ein voller Erfolg. Engel und Teufel aßen und tranken miteinander und Papa Teufel brachte mit seinen Jugendgeschichten die Engel immer wieder zum Lachen. Natürlich wollten die Teufelleute sich revanchieren und luden die Engel zu einem genauso großen Straßenfest im dunklen Kellerviertel ein. So ging es hin und her und irgendwann hatten Engel und Teufel vergessen, dass sie eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollen. Und wem haben sie das schöne, neue Miteinander wohl zu verdanken? Natürlich Engelchen Angelo und Teufelchen Stefan und vielleicht auch ein bisschen den Kochkünsten von Mama Teufel – ihr wisst schon – Teufelssteaks, Höllendampfnudeln und Roter Teufelssalat.