Hab’ ich Ihnen eigentlich schon gratuliert?“, fragt Margret Deutsch-Warmbrunn immer, sobald sie zur Haustür in die Wohnung eines Senioren tritt. Dabei ist sie nicht die Grußtante der Stadt Ulm, sondern sie arbeitet fürs Pilotprojekt „Präventive Hausbesuche bei Senioren“ (kurz Präsenz). Im Auftrag der Stadt besucht sie die Menschen, die gerade 75 geworden sind, am Eselsberg wohnen und diesen Besuch wünschen.

So wie Rolf Hegenauer. Der Rentner öffnet die Tür zu einer kleinen Wohnung in der Nähe des Söflinger Bahnhofs, strahlt durch die Brille mit freundlichen Augen, sagt: „Kommet Se rei.“ Er habe sich auf den Besuch vorbereitet und zwar so: „Ich hab’ die Batterie im Hörgerät gewechselt.“ Seine Frau Johanna begrüßt ebenfalls die Vertreterin der Stadt und schwärmt gleich von ihrem Mann. Er sei immer so positiv. „Wir lachen viel.“

Ganz genau wissen die beiden nicht, was sie mit Margret Deutsch-Warmbrunn erwartet. Angekündigt wurde der Besuch immerhin vom Oberbürgermeister. Und Post von ihm bekommt niemand alle Tage. Er gratulierte schriftlich Hegenauer zum 75. und schrieb dazu, dass die meisten Menschen „ihre Lebensqualität so lange wie möglich erhalten möchten“ und sich wünschen, im Alter zuhause zu leben. Über eine Vielzahl von Angeboten für Ältere wolle man mit Hegenauer ins Gespräch kommen. Ein Termin ist angegeben. Weil Hegenauer den nicht abgesagt hat,  sitzt an diesem Tag Margret Deutsch-Warmbrunn in seinem Wohnzimmer, nimmt das angebotene Wasser an, hält ihre Tasche bereit.

Hinter ihr an der Wand hängt ein besticktes Tuch mit einem Sinnspruch. An einer anderen Wand hängt sein Gesellenbrief zum Koch. Im kleinen Wohnzimmer sind die Regale und Schränke voll gestellt, etwa mit kleinen Kühen aus Porzellan, Schildern, einem alten Telefon. Rolf Hegenauer sammelt vieles. „Ich hab hier im Haus noch ein Nostalgiezimmer. Wollen Sie das sehen?“ Doch Deutsch-Warmbrunn will lieber ihre Sachen auspacken.

Rolf Hegenauer sieht ihren  Besuch schon mal positiv, nämlich als „Wertschätzung der Stadt, darüber freue ich mich.“ Deutsch-Warmbrunn packt erstmal Geschenke aus. Einen Flaschenöffner für Senioren etwa. Rolf und Johanna Hegenauer kennen den. „Optimal zum Aufmachen“, urteilt sie. „Sehen Sie, dass da eine Telefonnummer drauf ist?“, fragt Deutsch-Warmbrunn und erklärt, dass es die Nummer vom Pflegestützpunkt der Stadt Ulm ist. „Wenn irgendwas ist, rufen Sie da an. Da berät Sie jemand und schwätzt ihnen nix in die Tasch’.“

„Wie geht’s Ihnen denn so?“, fragt Deutsch-Warmbrunn dann. „Mir geht’s vergleichsweise sehr gut. Ich denke oft, du bist doch gut dran“, antwortet Hegenauer. „Da freu ich mich richtig, das zu hören“, sagt Deutsch-Warmbrunn. Sie ist eine Frau mit einer angenehm vollen Stimme, 54 Jahre alt. Kurze Haare, Jeansjacke über einer roten Bluse, ein freundlicher Blick durch Brillengläser. Ihr erzählt man gern aus seinem Leben. Das erste Praktikum ihres Lebens hat sie im Altenheim Wiblingen absolviert „vor bald 40 Jahren“, das zweite an der damaligen Sonderschule in Pfuhl. Soziale Arbeit für Jung und Alt – „das hat sich durch mein Leben gezogen“. Eine Ausbildung zur Heimleiterin in der Altenhilfe hat sie absolviert und noch einige Ausbildungen angehängt, etwa die zur systemischen Familienberaterin. Das kommt ihr alles zugute für ihre jetzige Arbeit, nämlich im Auftrag der Stadt Senioren zu besuchen und zu erfahren, wie es ihnen geht.

„Ich komme nicht zum Witze-Erzählen, ich komme, um zu sehen, was ist.“ Gelegenheit dazu hat sie bei ihren Besuchen reichlich. „Ich weiß nie, was mich erwartet. Ich hab’ bei den Besuchen schon aus goldenen Tassen getrunken und auch schon einen verkoteten Senioren angetroffen. Da habe ich allerdings sofort den Sozialdienst für Ältere informiert.“

Das Projekt „Präsenz“ gibt es seit Mai 2015, als Modellprojekt der Altenhilfeplanung der Stadt. Altenhilfeplanerin Sandra Eichenhofer (47) erklärt, warum sich Ulm um das Modellvorhaben des Sozialministeriums und der Pflegekassen beworben hatte. „Alle Leute wollen zu Hause bleiben, kaum jemand ins Heim.“ Das hat sie jahrelang bei ihrer Arbeit als Fallmanagerin für Ältere mit Pflegebedarf erlebt. Deswegen versucht die Stadt, die Älteren frühzeitig zu beraten über Angebote, die das selbstständige Leben daheim erleichtern. Etwa über Freizeit-Angebote unter anderem beim Generationentreff sowie über Dinge, die helfen, eine Wohnung sicherer zu machen. Das Thema Pflege wird nicht ausgespart, sondern auch über den Pflegestützpunkt informiert, der hilft, einen Pflegedienst zu organisieren. Von dieser „Angebotspalette für Ältere“ (Eichenhofer) erzählt Deutsch-Warmbrunn bei ihren Geburtstags-Besuchen.

Ulm biete viel, das ein Leben daheim auch im Alter möglich mache. Gegen Vereinsamung gibt es Besuchsdienste, gegen Unbeweglichkeit den Verein für Gesundheitssport „Bethesda bewegt“. Und gegen Ausrutschen in der Badewanne „gibt es so Griffe, die kleben Sie einfach auf die Fliesen. Ich konnte es selbst kaum glauben, aber die halten wirklich“, sagt Deutsch-Warmbrunn zu Hegenauer, als sie in dessen Badezimmer stehen.

Es geht weiter mit den Geschenken, überwiegend Gutscheinen: Einer für eine zweimonatige Mitgliedschaft beim Verein „Bethesda bewegt“, der Sportkurse anbietet. „Das mach’ ich gern“, sagt Hegenauer. Die Gutscheine fürs Theater Ulm und für vh-Kurse nimmt er zwar an, jedoch mit der Bemerkung: „Seit ich nicht mehr arbeite, lebe ich zurückgezogen.“ Und er erhält Flyer darüber, was man in Ulm sonst noch unternehmen kann. Das alles müsse er erst einmal verdauen, meint Hegenauer.

„Machen wir weiter?“, fragt Deutsch-Warmbrunn. „Ich mach’ das, was Sie wollen“, sagt Hegenauer. „Dann legen wir los.“

Jetzt kommt sie zum Fragebogen, den das dip-Institut zusammen mit den Beraterinnen erarbeitet hat. Damit soll herausgefunden werden, wie es um die Gesundheit des Befragten bestellt ist, was sein Bedarf ist, ob er Hilfen braucht. Deutsch-Warmbrunn fragt und notiert, Hegenauer antwortet. Dabei stellt sich heraus, inwiefern die „einzelnen Leute mit der Bewältigung ihres Alltags beschäftigt sind“, wie Deutsch-Warmbrunn das „Thema der 75-Jährigen“ beschreibt.

Wie ist die Versorgung im Haushalt geregelt, will sie wissen. Schnell wird klar: Er kocht und kauft ein. „Als Koch erkenne ich gutes Fleisch.“ Zwar müsse er bei seiner „lächerlichen Rente“ aufs Geld achten, aber mit geschicktem Einkaufen kommen die Hegenauers zurecht.

Können Sie gut Treppen steigen? Haben Sie eine Pflegestufe? Wie viele Mahlzeiten nehmen Sie zu sich? Wie viel trinken Sie? Trinken Sie Alkohol? Rauchen Sie? Haben Sie einen Hausarzt? Wie viel Tabletten nehmen Sie täglich?

Hegenauer legt ihr einen Medikamentenplan vor, den er sich selbst aufgeschrieben hat. „Da freut sich immer der Notarzt drüber“, erzählt er. Deutsch-Warmbrunn lobt ihn für den Plan. Und weiter geht’s. „Jetzt kommt meine Lieblingsfrage: „Was tut Ihnen gut?“

Hegenauer muss nicht lang überlegen. „Auf dem Sofa sitzen tut mir nicht gut. Ich muss in Bewegung sein.“ Jeden Tag laufe er. Zumal er ab und an unter „Drehschwindel“ leide. Da schaltet sich seine Frau Johanna ein und erzählt, dass ihr Mann in einem Supermarkt ohnmächtig geworden sei und sie in höchster Sorge war, da er ja nicht nach Hause kam.

„Wie wäre das, wenn Sie immer ein Kärtle bei sich tragen, auf dem steht: Rufen Sie meine Frau an?“, fragt Deutsch-Warmbrunn. Hegenauer kann sich das gut vorstellen.

Nach gut zwei Stunden sind alle etwas erschöpft. Deutsch-Warmbrunn schlägt vor, nochmal wiederzukommen. In der Zwischenzeit will sie prüfen, ob Hegenauer nicht doch einen Anspruch auf Grundsicherung im Alter, eine Sozialleistung, hat.

Hegenauer stimmt zu. Den Besuch fand er „klasse“. „Weil wir nicht mehr so viel rumkommen“ ergänzt seine Frau. Deutsch-Warmbrunn verabschiedet sich: „Sie haben’s mir auch leicht gemacht. Ich ruf’ wieder an.“

131


Beratungsgespräche sind innerhalb eines Jahres zwischen Mai 2015 und April 2016 zustande gekommen. Insgesamt wurden 229 Geburtstags-Senioren angeschrieben. 78 geplante Besuche wurden abgesagt, bei 151 Senioren kam die Beraterin an die Haustür, 20 öffneten nicht. Die Quote liegt damit bei knapp 60 Prozent. „Traumhaft“, meint Sandra Eichenhofer. Sie ist Altenhilfeplanerin bei der Stadt.

Finanzierung und Laufzeit des Präsenz-Projekts


Stadtteile Margret Deutsch-Warmbrunn besucht die 75-Jährigen, die auf dem Eselsberg wohnen, ihre Kollegin Nicole Fässler die 80-Jährigen, die in der Stadtmitte und in der Oststadt wohnen. Mehr Besuche oder gar in anderen Stadtteilen lässt die Finanzierung übers Modellprojekt Präsenz nicht zu. Das sieht eine Förderung bis September 2017 vor.  Ulm erhält dafür insgesamt 116 000 Euro. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln.

Wie geht’s weiter? Anfang nächsten Jahres wird geprüft, ob, wie und unter welchen Bedingungen das Projekt weitergeführt werden kann. Angestrebt ist die Ausweitung auf alle Ulmer Stadtteile.

Das Plus Drei Präsenz-Modellkommunen gibt es in Baden-Württemberg, Ulm ist davon die größte Stadt. „Unser Plus ist der Brief mit den Wünschen vom OB und dem angegebenen Besuchstermin“, erklärt die Ulmer Altenhilfeplanerin Sandra Eichenhofer. Der Brief ist „ein richtiger Türöffner“. Den würden inzwischen andere Kommunen kopieren.