Es war einiges los heute“, meldet Reinhard Bohl bei der Dienstübergabe an die Spätschicht. In den Räumen der Bahnhofsmission Ulm, direkt am Gleis 1 des Hauptbahnhofs, drängen sich Männer und Frauen mit blauen, ärmellosen Westen. Ein stark riechender Gast habe am Vormittag für Ärger gesorgt – keine Seltenheit. „Wir haben immer wieder Besucher mit eingenässten oder verkoteten Hosen“, sagt Sebastian Lindner, der die Einrichtung leitet. Viele seien uneinsichtig. „In diesem Zustand nicht“, lautet daher ein Beschluss: Wer andere Gäste durch mangelnde Körperhygiene belästigt, bekommt eine Dusche und frische Kleidung angeboten. Wer nicht darauf eingeht, muss gehen.

Und noch etwas beschäftigte die Ehrenamtlichen am Morgen: Ein alter Bekannter, der oft auf einen Kaffee vorbeikommt, berichtete verzweifelt von drohender Obdachlosigkeit. Die Vormittagsschicht versuchte bereits erfolglos, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden, der Mann will später wieder vorbeikommen.

Aufgabe und Berufung zugleich

Langweilig wird aber auch der Spätschicht nicht. Gleich mehrere Reisehilfen stehen auf ihrer Liste, darunter eine Bitte der Bahnhofsmission Karlsruhe. Ein Flüchtling, der fast kein Deutsch spricht, braucht auf seiner Reise nach Donauwörth Unterstützung beim Umsteigen. Kathrin Günzer (69) schaut auf die Uhr. „Da können wir direkt los“, sagt sie.

Die gelernte Krankenschwester aus Wul­lenstetten engagiert sich seit rund eineinhalb Jahren bei der Bahnhofsmission. Hier hat sie ein Hobby gefunden, dass für sie Aufgabe und Berufung zugleich ist. „Ich wollte mich schon immer ehrenamtlich engagieren“, sagt sie. Etwas mit Menschen, etwas, das ihr Freude bereitet. Der Dienst der „nächsten Hilfe“ vereint beides.

Viele Gäste kommen regelmäßig. „Wir sind Anlaufstelle in allen Sorgen und Nöten“, sagt Lindner. Vom Kind, das seine Mama verloren hat, über die Seniorin, die ihren Geldbeutel im Bus vergessen hat, bis hin zum Professor, der eineinhalb Stunden auf seinen ICE warten muss, finden in der Gaststube am Gleis 1 alle ein offenes Ohr – „ohne Termin, ohne Voranmeldung“. Gegen eine Spende gibt es hier immer Kaffee und ein belegtes Brot, manchmal außerdem Äpfel, Kekse, Nüsse und Süßes. Jeder gibt, was er kann. Wer mittellos ist, speist und trinkt umsonst.

Kein Dienst gleicht dem anderen

Mit Kathrin Günzer eingestiegen ist ihre Schichtpartnerin Susanne Metzger (56). „Ich brenne dafür“, sagt die Elchingerin mit den blonden Haaren. Als sie mit ihrem Mann von einem längeren Auslandsaufenthalt zurückkam, war sie auf der Suche nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung. Bei der Bahnhofsmission wurde sie fündig – und glücklich. „Weil es so interessant und vielfältig ist“, sagt sie. Kein Dienst gleicht dem anderen, jeder Tag bringt etwas Neues. „Es ist wunderbar, so viele verschiedene Menschen kennenzulernen“, sagt Metzger. Bei der Bahnhofsmission werden sie angenommen, wie sie sind. Die Dankbarkeit ist groß: „Wir bekommen Karten und Briefe“, oftmals auch eine Umarmung, die von Herzen kommt.

Im Dienst haben die Ehrenamtlichen immer ein Auge auf der Uhr – und auf einer Webseite, die Informationen über die in Ulm ankommenden und abfahrenden Züge liefert und auch eventuelle Verspätungen zeitnah ankündigt.

Das ist wichtig, denn für viele Angebote der Bahnhofsmission ist es essentiell, dass die Helfer rechtzeitig am Gleis stehen. So wie jetzt: Gemeinsam ziehen die beiden Frauen los, um eine blinde Reisende zu ihrem Anschlusszug zu begleiten.

Auf alles vorbereitet

Im Besprechungsraum bereitet sich unterdessen ein weiterer Ehrenamtlicher auf eine ganz besondere Aufgabe vor: Siegfried Mack ist im Rahmen des kostenlosen Angebots „Bahnhofsmission Mobil“ im Einsatz – er wird ein neunjähriges Mädchen begleiten, dass von Ulm aus übers Wochenende zu seinem Vater fährt. Für Mack eine Premiere: Zweimal durfte der Pensionär einen erfahrenen Kollegen begleiten, ab heute ist er auf sich alleine gestellt. Im Gepäck: Malstifte, Spiele, Bücher zum Vorlesen – und ein Ladekabel fürs Smartphone, ein Extra, das vor allem für ältere Kinder wichtig ist. „Man muss auf alles vorbereitet sein“, sagt Mack. Seit knapp einem Jahr engagiert sich der 64-Jährige bei der Bahnhofsmission. Zusätzlich zu seinen Diensten hat er mit „Bahnhofsmission Mobil“ eine Aufgabe gefunden, die ihm ganz besonders liegt: „Es hat mir immer gefallen, Ad-hoc-Lagen zu meistern“, sagt er. Das sei eine Berufskrankheit – auch wenn er nicht verraten will, was er gearbeitet hat.

„Je länger, je lieber“

In der Regel dauert eine Fahrt sechs bis zehn Stunden. „Je länger, je lieber“, sagt Mack. „Dann kann mehr schiefgehen.“ Dann gibt es mehr Probleme, die er auf die Schnelle lösen muss. Er grinst.

In der Gaststube läuft der Alltagsbetrieb: Gäste kommen und gehen, trinken Kaffee, plauschen. Eine ältere Dame steckt den Ehrenamtlichen 20 Euro zu. „Das darf niemand sehen, sonst heißt es noch, ich hätte Geld“, sagt sie. Zwischenzeitlich ist auch der Mann vom Vormittag wieder da, der dringend auf der Suche nach einem Quartier ist – und einem offenen Ohr. Sebastian Lindner nimmt sich Zeit, redet fast 20 Minuten mit ihm, kümmert sich. „Wenn ich ihm nicht zuhöre, wer tut es dann?“, fragt er.

Draußen geht die Arbeit unterdessen weiter. Eine Mutter kämpft am ICE-Einstieg mit ihrem Kinderwagen. Ein Helfer eilt ihr zur Seite. Bis zum Ende der Spätschicht um 17.30 Uhr haben er und die Ehrenamtlichen über 50 Hilfesuchende unterstützt – darunter viele Menschen im Seniorenalter mit besonderen sozialen und finanziellen Schwierigkeiten.

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Freiwillige herzlich willkommen


Voraussetzungen: 22 Ehrenamtliche zwischen 18 und 74 Jahren arbeiten derzeit bei der Bahnhofsmission Ulm mit. Neue Freiwillige sind jederzeit herzlich willkommen. Wer mitmachen möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein und sich zum christlichen Weltbild bekennen. Einzelkämpfer sind bei der Bahnhofsmission falsch. Gesucht werden Menschen, die kontaktfreudig und offen sind.