Für einen Polizisten gehört es fast schon zum Berufsalltag, beschimpft und beleidigt zu werden. „Das nimmt deutlich zu und kommt häufiger vor als noch vor ein paar Jahren“, sagte der als Zeuge geladene 27-jährige Polizeiobermeister vor dem Ulmer Schöffengericht. Er war als Bereitschaftspolizist im Sommer und Herbst 2016 als Verstärkung in Ulm im Einsatz und an einem Tag im Rahmen des Konzepts „Sichere Innenstadt“ mit Kollegen unter anderem auch am Karlsplatz im Einsatz.

„Scheißbulle“ genannt zu werden, „Wichser“ oder „Hurensohn“ muss sich auch sein 22-jähriger Kollege immer wieder anhören. „So etwas kommt leider relativ oft vor“, bestätigte auch er vor Gericht die zunehmende Respektlosigkeit vor der Uniform.

So etwa Anfang Juni 2016 in der Ulmer Neustadt. Nach den Vorkommnissen in der oberen Bahnhofstraße und den Beschwerden der Innenstadthändler waren verstärkt Bereitschaftspolizisten unterwegs. An jenem Tag patrouillierten sie am Karlsplatz, wo sie wegen des Verdachts auf Drogenmissbrauch die Personen an dem überdachten Unterstand kontrollierten.

Eine einfache Personenkontrolle zunächst, die aber schnell in der oben beschriebenen Weise ausartete und letztlich in den Gerichtsprozess mündete, der seit Dienstag vor dem Amtsgericht Ulm verhandelt wird. Angeklagt ist ein 29 und 31 Jahre altes Pärchen, das sich von der Polizei in seinem Nichtstun gestört fühlte und sich buchstäblich mit Händen und Füßen wehrte. Neben dem Vorfall am Karlsplatz geht es auch um einen Noteinsatz wenige Wochen später in der Fußgängerunterführung zwischen dem Kinokomplex Xinedome und dem Ehinger Tor. Passanten hatten den Notarzt gerufen, weil eine hilflose Person auf dem Boden lag. Wie sich herausstellte, war das die 29-Jährige vom Karlsplatz. Als sich der Notarzt um sie kümmern wollte, stürmte deren um zwei Jahre älterer Lebensgefährte dazu, der die Polizeibeamten beleidigte, auf sie eindrosch und immer wieder versuchte, seine im Drogenrausch völlig hilflose Partnerin vom Arzt wegzuziehen.

Bis obenhin vollgedröhnt

Hatte der Angeklagte zu dem Vorfall am Karlsplatz noch ungefähre Erinnerungen, weiß er von den Ereignissen in der Fußgängerunterführung nichts mehr.  „An dem Tag war ich voll bis obenhin“, sagte er schonungslos. Schon morgens um 8.30 Uhr sei er beim „Abschlucken“ gewesen, wie die Methadon-Vergabe in der Szene genannt wird. Danach ging es zum Karlsplatz, wo dann richtig geschluckt wurde.

 „Wir haben genommen, was da war“, bestätigte die Mitangeklagte: vier, fünf Flaschen Korn, Wodka, ein paar Bier dazwischen und Drogen aller Art, Heroin, Marihuana, Liquid. „Ich habe immer mehrere Flaschen Schnaps in der Handtasche gehabt. Die haben wir dann eine nach der anderen getrunken“, gab die 29-Jährige lapidar an.

Die junge Frau, inzwischen Mutter einer knapp 16 Monate alten Tochter, scheint den Absprung für das Erste geschafft zu haben. Wegen verschiedener Drogen- und Gewaltdelikte verurteilt, ist sie in einer Therapieeinrichtung untergebracht, in der auch ihre Tochter bei ihr sein darf, die die ersten elf Monate bei Pflegeeltern untergebracht war.

Während die 29-Jährige am Dienstag zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt wurde, geht der Prozess gegen ihren Partner in zwei Wochen weiter.

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Stuttgart

Zunehmende Respektlosigkeit gegen Polizisten


Statistik Die polizeiliche Kriminalstatistik des Präsidiums Ulm weist für das Jahr 2017 insgesamt 230 Angriffe auf Polizeibeamte aus. Vier Jahre zuvor waren es für das Jahr 2014 gerademal 194 registrierte Gewaltdelikte. Für 2018 liegen noch keine Zahlen vor, wenngleich nach einer Einschätzung des Präsidiums von einer erneuten Steigerung ausgegangen werden muss. Landesweit liegen die Zahlen höher. Im Durchschnitt aller Polizeipräsidien werden etwa 360 Angriffe auf Polizeibeamte aktenkundig. In einer Mitteilung heißt es: „Wir beobachten (...) eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung mit einer zwar vereinzelten, aber zunehmenden Respektlosigkeit gegenüber staatlichen Organen, die gepaart mit steigendem Alkohol- und Drogeneinfluss in eine offene Aggressionsbereitschaft münden kann.“