Bei „barrierefreien Veranstaltungen“, etwa auch mit Selbsthilfegruppen für Hörgeschädigte, gibt es die Möglichkeit, dass das gesprochene Wort des Referenten mitgeschrieben wird und fast zeitgleich per Beamer auf einer Leinwand mitgelesen werden kann. Doch wer schreibt da so geschwind im Verborgenen? Wer fasst das Gehörte so professionell zusammen, wenn der Redner zu schnell spricht? Das sind geschulte Schriftdolmetscher, die meist in Deutsch simultan vom Wort zur Schrift übersetzen. Die Ulmerin Melanie Sickor ist eine von ihnen, und sie ist zertifiziert vom Deutschen Schwerhörigenbund.

An Konferenz teilnehmen

Ihre Einsatzgebiete sind sehr vielseitig, wobei kulturelle Veranstaltungen eher selten sind, weil es dann einen Sponsor braucht, der die Einsatz-, Fahrt- und Wegezeiten des Schriftdolmetschers finanziert. Häufiger sind da schon Aufträge im Geschäftsleben: Melanie Sickor sitzt beispielsweise bei einer Konferenz oder Teambesprechung neben dem hörgeschädigten Mitarbeiter und schreibt sämtliche Wortbeiträge, jeweils mit dem Namen des gerade Sprechenden, blitzschnell mit.

So kann der Hörgeschädigte die Wortbeiträge mitlesen und sogar selbst am Meeting teilnehmen. Denn Hörschäden gibt es zunehmend auch bei Berufstätigen etwa infolge einer Krankheit – nicht nur bei älteren Menschen.

Studenten in die Uni begleiten

Genauso unterstützt die geschulte Zehnfingersystem-Schreiberin „mit schneller Auffassungsgabe und einer leisen Laptop-Tastatur“ junge hörgeschädigte Menschen in der Schule oder in der Universität. Immer wieder werden Schriftdolmetscher ebenso bei Gerichtsprozessen und Arztgesprächen eingesetzt.

Entsprechend gehört zu den Voraussetzungen, Schriftdolmetscher zu werden, „dass man gut mit Menschen umgehen kann“ und über eine hohe Konzentrationsfähigkeit verfügt. Ist Letzteres nicht sehr anstrengend? „Doch, deshalb müssen wir bei Aufträgen und Veranstaltungen, die länger als eine Stunde dauern, zu zweit sein“, erklärt Melanie Sickor.

Dann wechsle man sich mit dem Mitschreiben meist im 20-Minuten-Rhythmus ab. Damit sie möglichst schnell tippen kann, hat sie ihren PC extra programmiert, damit er beispielsweise ein angeschlagenes u gleich zum „und“ ausbaut.

Wie wurde sie überhaupt Schriftdolmetscherin? Ende der 1980er Jahre hatte Melanie Sickor an der Uni Ulm Biologie studiert und arbeitete später in der Museumspädagogik in verschiedenen Museen in der Region. „Vor zwei Jahren, als meine drei Kinder groß genug waren, wollte ich noch einmal etwas ganz Neues machen“, sagt sie. Die Ausbildung zur Schriftdolmetscherin absolvierte sie innerhalb von neun Monaten beim Deutschen Schwerhörigenbund, aber in Modulen, die einmal im Monat drei Tage umfassen. Schulungen fanden in Berlin, München und Stuttgart statt, 50 Stunden Praktikum waren Pflicht, die Prüfung war in Essen.

 Was die stundenweise Bezahlung betrifft, richte sich das Honorar nach ganz unterschiedlichen Sätzen der Kostenträger, erklärt Melanie Sickor. Wird ein Schriftdolmetscher aus beruflichen Gründen benötigt, übernimmt beispielsweise der jeweilige Integrationsfachdienst einer Stadt die Kosten. Bei Arztgesprächen ist die entsprechende Krankenkasse in die Pflicht zu nehmen. Auf jeden Fall ergibt sich der gesetzliche Anspruch aus dem Sozialgesetzbuch und dem Behindertengleichstellungsgesetz. Die wenigen Schriftdolmetscher, die es in Süddeutschland bislang gibt, sind in der Kommunikationshilfeverordnung  aufgelistet. Ganz wichtig sei es, immer einen Antrag vor dem Einsatz bei dem jeweiligen Kostenträger einzureichen und die Bewilligung hängt dann vom Grad der Hörschädigung ab.

Völlig unbürokratisch geht es hingegen am 31. März zu: Dann wird Melanie Sickor im Auftrag der Ulmer Volkshochschule im EinsteinHaus einen Informations- und Märchenabend für Hörgeschädigte und sonstige Interessierte mitbegleiten.

Märchenabend im Club Orange


„Vom Hören und Sehen“ heißt der Märchenabend mit Geschichtenerzählerin Tine Mehl und Schriftdolmetscherin Melanie Sickor am 31. März. Beginn ist um 18 Uhr im Club Orange der vh. Eintritt frei.