Historie 6000 Ulmer Urkunden in zwei Jahren

Der Historiker Ekhard Schöffler erschließt den reichsstädtischen Urkundenbestand des Stadtarchivs – hier hält er das Meister-Attest für den Scharfrichter in den Händen.
Der Historiker Ekhard Schöffler erschließt den reichsstädtischen Urkundenbestand des Stadtarchivs – hier hält er das Meister-Attest für den Scharfrichter in den Händen. © Foto: Stadt Ulm
Ulm / Henning Petershagen 12.09.2018

Ulms Stadtgeschichte ist zwar schon sehr gut erforscht. Aber es gibt noch ungleich mehr zu entdecken. Die Informationen dafür stecken in den schriftlichen Quellen. Und die bestehen zu einem wesentlichen Teil aus Urkunden – über 6000 allein für die Ulmer Reichsstadtzeit und die folgenden acht Jahre unter bayerischer Herrschaft. Doch wie findet man sich darin zurecht?

Natürlich haben schon vergangene Historiker-Generationen daran gearbeitet, dieses Dickicht mittels Verzeichnissen einigermaßen zu durchdringen. Aber noch nie ist das so umfassend und vollständig gelungen wie innerhalb der beiden vergangenen Jahre. Am 1. September 2016 begann der promovierte Historiker Ekhard Schöffler damit, den reichsstädtischen Urkundenbestand des Stadtarchivs zu erschließen.

Was bedeutet das? Zunächst einmal muss man diese Urkunden lesen können, keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, da die wenigsten noch die Briefe ihrer Urgroßmutter entziffern können. Dann muss man sie verstehen können. Problem: Die älteren Urkundentexte sind lateinisch. Und die deutschen verwenden ein Vokabular, das heute zum großen Teil nicht mehr verstanden wird.

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Urkunden juristischen Inhalts sind. Wer sie begreifen will, muss sich daher im Rechtsgefüge einer Feudalgesellschaft auskennen, muss etwa wissen, was ein „Mannlehen“ ist oder ein „Zinskauf“. Denn die Erschließung einer Urkunde besteht darin, in einem „Regest“ ihren Inhalt kurz und verständlich zusammenzufassen. Dazu gehören auch die Basisdaten: Datum und Ort der Unterzeichnung, beteiligte Personen und jeweilige Funktion bis hin zu den Zeugen sowie in dem Dokument aufgeführte Orte.

All dies hat Schöffler in einer Rekordzeit von zwei Jahren für über 6000 Urkunden geschafft. Michael Wettengel, der Leiter des Ulmer Stadtarchivs, und seine Reichsstadt-Expertin Gudrun Litz hatten also den richtigen Riecher, als sie Schöffler aus einer Auswahl von Bewerbern herauspickten, die sich für diese Aufgabe interessiert hatten. „Der hat das runtergelesen wie Druckschrift“, sagt Wettengel. Auch die Inhaltsangabe war im Nu verfasst – vor allem aber war sie perfekt.

Was steht denn nun drin in diesen Urkunden? Schöffler reagiert einigermaßen ratlos auf diese Frage, denn die Vielfalt ist unendlich. Ein kurioses Beispiel hat er mitgebracht, das Meister-Attest für einen Scharfrichter aus dem Jahr 1795. Und sonst? Man findet praktisch alles.

Das lässt sich leicht ausprobieren. Denn Schöfflers Regesten sind in der EDV des Stadtarchivs abrufbar. Das hat den unschätzbaren Vorteil, dass man mit Volltextsuche nach jeder beliebigen Person, nach jedem beliebigen Zeitpunkt, Ort, Objekt und Sachverhalt suchen kann, der in Schöfflers Inhaltsangaben vorkommt. Da er in seinen Regesten die heute üblichen Begriffe verwendet, entfällt das Problem anderer Verzeichnisse, dass man erst die jeweilige historische Schreibweise herausfinden muss, beispielsweise „burgermaister“ statt „Bürgermeister“, um ans Ziel zu kommen.

Wer etwa wissen möchte, ob die Urkunden eine Information darüber enthalten, wann die Vorgängerkirche des Münsters, die Pfarrkirche auf dem Alten Friedhof, gebaut wurde, gibt „Pfarrkirche“ ein. Unter den Urkunden, die das System dann ausgesucht hat, findet sich eine vom 25. November 1337, in der von einer Bauhütte an der Pfarrkirche die Rede ist. Demnach muss spätestens 40 Jahre vor der Grundsteinlegung zum Münster der Umbau der alten Vorgängerkirche zu einem gotischen Bauwerk begonnen haben, dessen fünf Portale später das Münster geerbt hat.

Anderer Versuch: Möchte man etwas zum Thema Leibeigenschaft erfahren, tippt  man „leibeigen“ ins Suchfeld. Und schon erfährt man aus einer Urkunde vom 4. November 1392, dass ein Laupheimer namens Ulrich Ammann eine Leibeigene des Ulmer Stadtschreibers Heinrich Neithardt ehelichen möchte, wozu er geloben muss, selber Leibeigener des Herrn Neithardt zu werden, bei drohendem Verlust seines Eigentums.

So kann also dank Ekhard Schöffler jeder, der sich für ein bestimmtes Thema interessiert, die Ulmer Urkunden vom Mittelalter bis 1810 danach durchsuchen. Egal, ob es um Badstuben, geht oder um Besitztümer, welche eine Braut mit in die Ehe bringt, oder eben um die Voraussetzung, die man zur Erlangung eines Meistertitels im Scharfrichtergewerbe braucht.

„Wie sich‘s gebühret den Kopf abgeschlagen“

Zu den Kuriosa, die Ekhard Schöffler beim Verzeichnen der über 6000 Urkunden in die Finger gefallen sind, zählt ein „Meister-Attest“  mit Siegel, verfasst vom „Hochlöblichen Magistrat“ der Reichsstadt Ulm am 19. August 1795. Darin ist zunächst ausgeführt, dass der ledige Johann Michael Hartmann gebeten habe, ihm zu attestieren, dass er den wegen Straßenraubs und Mordes zum Tod verurteilten Georg Eisele von Lautern hingerichtet habe. Der Rat willigte ein.

In seinem Attest präzisiert er, dass Johann Michael Hartmann „an dem vorgenannten Maleficanten den 5ten August dieses laufenden Jahrs auf dem öffentlichen Richtplatz zu Heidenheim unter dem Zuschauen einer großen Menge Leute, wie sichs gebühret, den Kopf abgeschlagen und ihn durch einen Schwertstreich vom Leben zum Tode gerichtet hiebey auch sein Meisterstück in dieser Profession (. . .) recht wohl und künstlich gemacht habe, so, daß er nach solchem Actu nach für einen Meister billig gehalten und passirt werden kann.“

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